Hans Traxler: Ein Sturmtief überm Freibad Hausen

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 18. Mai 2015

Hans Traxler: Ein Sturmtief überm Freibad HausenZarte Männer, starke Frauen
die auf starke Männer schauen
Während ihre Kinder sausen
kreischend um den Pool von Hausen

Er war Mitbegründer der Satirezeitschriften »Pardon« und »Titanic«, zählt neben Robert Gernhardt und F. K. Waechter zur »Neuen Frankfurter Schule«, nennt eine staatliche Anzahl von Preisen sein Eigen (seit neuestem den Wilhelm-Busch-Preis 2015) und arbeitet mit knapp 86 Jahren immer noch. Kinderbuch, Bildgedicht, politischer Cartoon, Buchillustration – Zeichnen mache glücklich, sagte er einmal. Kaum hat er für die Büchergilde Gutenberg Kurt Tucholskys »Schloss Gripsholm« illustriert, hält der Leser die nächste Kostbarkeit in den Händen. Die Rede ist von Hans Traxler.

Pünktlich zum Start der Badesaison im Freibad Hausen gab Rotraut Susanne Berner bei der Büchergilde nun das »Tolle Heft« Nr.43, »Ein Sturmtief überm Freibad Hausen«, heraus, in dem Traxler fröhlich reimt und das beschriebene Szenario mit federleichten, wohl arrangierten Zeichnungen lebendig werden lässt.

Den blauen Umschlag zieren gelbe Entchen in Reih und Glied, die genauso für gute Laune sorgen wie das beiliegende Faltposter mit den Traxlerschen Vorstellungen von den Nacktbadegewohnheiten in Kamtschatka.

Hans Traxler ist ein phantastischer Beobachter. Seine charakteristischen Linienführungen und Schraffierungen halten die Augenblicke nachdrücklich fest, die sich in der Hauptsaison in seinem Lieblingsbad abspielen. Verschmitzt und höchst poetisch beschreibt er das alltäglich Skurrile. Das Schwimmen im Freibad Hausen ist bei Sonnenschein unmöglich. Trotzig zieht des Zeichners Schlangenlinie durchs Bild. Die feinsinnig gereimten Verse treffen ins Schwarze. Regnet es, wird es schnell still und Traxler genießt. Wenn sich dann noch ein gleich gesinntes Entenpaar dazu gesellt, ist die Idylle perfekt und der Leser gerührt. Dieses »Tolle Heft« vertreibt an Regentagen die grauen Wolken und gehört ins Gepäck eines jeden Freibadbesuchers.

Möge sein Verfasser im historischen Frankfurter Freibad noch lange seine Bahnen ziehen!

Am Himmel stehn die ersten Sterne
Bis nächsten Montag? – Aber gerne!
Dann ist es Nacht. Ich sitze draußen
Und auf mich scheint der Mond von Hausen.

Hans Traxler: Ein Sturmtief überm Freibad Hausen | Deutsch
Edition Büchergilde 2015 | 32 Seiten | amazon-info

Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde

Vorgestellt von Detlef Knut in Sachbuch am 11. Mai 2015

Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste FreundeWie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Wie viel Lebensmut und Optimismus muss er in sich tragen, um so humorvoll über das Leid seines Lebens schreiben und berichten zu können? Ohne Dramaturgie schildert der Autor autobiografisch aus seinem Leben, angefangen von der Kindheit bis hin zur Gegenwart in dieser überarbeiteten Auflage nach den Dreharbeiten zur Verfilmung des Buches. Über dieses Buch zu sprechen führt automatisch hin zu einem Gespräch über diesen Menschen Pozzo di Borgo. Einen Menschen, den all sein Lebensmut auch nach schweren Tiefschlägen nicht verlassen hat, dessen Geschichte zwei Filmemacher aufgegriffen haben, weil sie unbedingt verfilmt werden musste.

Der Autor ist hineingeboren und aufgewachsen in eine reiche Familie, der Champagner-Familie Moët. Er verlebte die Kindheit eines reichen Schnösels mit seinen Geschwistern. Doch beim Studium lernte er wie auch andere 68er die Lehren von Marx und Engels kennen, die ihn an seinem schönen Leben zweifeln ließen. Zu dieser Zeit lernte er Beatrice kennen, mit der er jede Minute seines Lebens verbringen wollte. Er bekam hochdotierte Posten in den Konzernen seiner Familie, zu welcher auch die Marke »Louis Vuitton« gehört. Er arbeitete sehr viel und heiratete irgendwann Beatrice.

Es schien alles perfekt. Doch Beatrice bekam eine Fehlgeburt nach der anderen. Der Kinderwunsch beider wurde trotz des Geldes nicht gestillt. Bis sie schließlich Kinder adoptierten. Dann wurde bei Beatrice Krebs diagnostiziert. Auch hier halfen kein Geld der Welt und nicht die besten Kliniken. Philippe war stets an ihrer Seite. Seinen Job stellte er hintenan bzw. absolvierte er in weniger Zeit wesentlich intensiver. Als Ausgleich diente ihm Gleitschirmfliegen. Doch dann passierte 1993 der Unfall. Bis auf seinen Kopf und »etwas Leblosem zwischen seinen Lenden« bewegte sich gar nichts mehr.

Da trat Abdel in sein Leben. Abdel kannte bis zu diesem Zeitpunkt nur das Leben auf der Straße und lebte von Drogenhandel, Diebstahl und anderen Delikten. Pozzo di Borgo lernte nach Beatrice zum zweiten Mal einen Menschen kennen, dem er sich auf Gedeih und Verderb auslieferte, obwohl dieser aus einer ganz anderen Gesellschaftsschicht stammte.

Humorvoll und mit einer gehörigen Prise Sarkasmus und Ironie hat der Autor sein Leben niedergeschrieben. Der Leser spürt jede Depression, die der Autor bei einem Tiefschlag wie dem Tod seiner Frau, erleidet. Aber er will den Lesern nichts vorheulen und über das verpasste Leben klagen. Er will ihnen zeigen, dass es immer weiter geht, egal, was passiert. Dabei vergisst er sein Leid nicht, wie sollte er auch, wo er seinen Rollstuhl doch mit dem Mund bedienen muss. Das ist so geschickt in die humorvollen Szenen eingearbeitet, dass auch der Leser bei lauter Lachen immer wieder in die Realität des Autors zurückgeholt wird.

Wenn das Buch auch nicht wie ein fiktiver Roman mit Dramaturgie aufgebaut ist, so ist es doch so interessant geschrieben, dass man unbedingt wissen möchte, wie das Leben dieses optimistischen Menschen weitergeht. Darin liegt ein besonderes Moment der Spannung. Und wer den Film vor dem Buch gesehen hat, darf sich auf ein ebenso schönes, aber anderes Ende freuen.

Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde
Deutsch von Dorit Gesa Engelhardt, Marion Ruß und Bettina Bach
Fischer Taschenbuch 2013 (3. Auflage) | 256 Seiten | amazon-info

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Helge Timmerberg: Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Hörbuch am 4. Mai 2015

Helge Timmerberg: Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ichEs lauerte einmal ein Märchen in einem losen Stapel DIN-A4-Blätter neben dem Gästebett von Endi Effendi. Draußen fielen Schneeflocken, drinnen Schleier. Können Sätze wie Schleier fallen? Warum nicht. Sätze sind Alleskönner. Sie können ver- und entschleiern, sie können auch leiern, eiern, abschweifen und verloren gehen. Verloren im Orient, in diesem Fall, denn es war ein tür­kisches Märchen. Es führte mich in einen Basar, in ein Kaffeehaus und in den Harem des Sultans. Und dann brachte es mich in die Wüste hinaus.

Der Reiseschriftsteller Helge Timmerberg erzählt von einem orientalischen Märchen, das ihn schon einen Großteil seines Leben begleitet und von den Versuchen, aus der Geschichte ein Drehbuch zu machen. Die Märchentante, die es verbreitete, hieß Elsa Sophia von Kamphoevener und war eine deutsche Baronin. Sie reiste als Mann verkleidet durch den Orient und sammelte an den Lagerfeuern die besten Erzählungen.

Allein dieser Hintergrund ist eine gute Geschichte und bietet Timmerberg immer wieder die Möglichkeit, einen Drehbuchauftrag zu ergattern. Leider kommt es nie zu einem Drehbuch, geschweige denn zu einem Film, denn entweder verprasst er den Vorschuss oder hat aufgrund eines aktuellen Liebeskummers ganz andere Sorgen.

Ägypten, Marrakesch und Istanbul sind die Stationen des neuesten Buches von Helge Timmerberg. Ich bin leider erst durch sein vorletztes Buch auf ihn aufmerksam geworden, aber seitdem greife ich immer wieder gerne zu den zahlreichen Reiseberichten, die er bisher veröffentlicht hat. Vorzugsweise als Hörbuch, da er eine sehr angenehme Stimme hat und das Charisma eines Märchenonkels, der einen verführt sich zurückzulehnen, zu entspannen und den schnurrigen Geschichten zu lauschen.

Sein neuestes Werk sticht in dieser Beziehung noch einmal heraus, da es nicht nur eingelesen wurde, sondern vor Publikum aufgezeichnet wurde. Die Live-Atmosphäre ist einfach berauschend. Der Weltenbummler plaudert locker und völlig unangestrengt von amüsanten Verwicklungen und kulturellen Missverständnissen. So charmant und amüsant möchte man gerne öfter unterhalten werden.

Hier der Link zum Trailer

Helge Timmerberg: Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich | Audiobook
OSTERWOLDaudio 2014 | 2 CDs | amazon-info

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Sebastian Lörscher: Ziegenmilch und Zeichenstift

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 27. April 2015

ziegenmilch_und_zeichenstift»Ich glaube, es war wegen der Ziegenmilch, warum ich so kräftig und stark geworden bin …«

Man nehme Geschichten aus den ersten 25 Jahren seines Lebens und bringe seinen Großvater dazu, seine Erlebnisse dieser Zeit zu erzählen. Man plaudere in lockerem Ton ungezwungen über Freundschaft, die erste Liebe im Besonderen oder das Verhältnis zu Frauen im Allgemeinen, über Kunst und Sport, seine ureigenen Ängste und Sorgen, beleuchte seine hehren Ziele wie die tiefsten Rückschläge.

Es ist bereits vier Jahre her, dass der Illustrator und Autor Sebastian Lörscher dieses Experiment beim Kunstanstifter Verlag zu einem Buch zusammengeführt hat. Die originell erzählten Erlebnisse wirken unabhängig von ihrem Erscheinungsjahr. Sie fesseln den Leser an die beiden auf den ersten Blick völlig unterschiedlichen Lebenswege. Der findige Grafiker weckt auch die frühen Talente seines Opas Ernst Körber wieder auf und bringt den 92-Jährigen zum Zeichnen zurück. Der Betrachter hat nun faszinierende Lebensbilder vor sich, die sich (auf den zweiten Blick) ähnlicher sind als anfangs vermutet.

Ernst Körbers Erinnerungen beginnen im Jahr 1919 mit einem Becher Ziegenmilch. Sebastian Lörscher zeichnet in seinem Elternhaus im Jahr 1980 eine Sonne an die Wand neben der Treppe. Opa Körber zwingt zum Weiterlesen mit seinen authentischen Kriegserlebnissen, Sebastians Berichte von seinem Neuanfang in Berlin sprechen all jenen Mut zu, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen.

Natürlich haben sich die Zeiten geändert und mit ihnen die Umstände, unter denen wir leben, lieben und arbeiten. Der Leser genießt zwei unterschiedliche humorvoll dargestellte Lebensporträts und taucht in die Bilder unterschiedlicher Zeiten ein. Im Vergleich der beiden Generationen liegt der eine besondere Reiz des Buches.

Die andere Anziehungskraft üben die zahlreichen persönlichen Erfahrungen aus, die Sebastian Lörscher und sein Großvater gemacht haben: mit dem Becher Ziegenmilch, mit der Wand neben der Treppe, dem Fußball aus alten Lumpen, Kaugummiautomaten, Daudi und Matze, dem Schwarzen Richard und Willy Rösler, der Zeichen- und Comicschule, den Juden und Türken, Starkbier und Caipirinha, dem Krieg und der ersten Liebe. Sie zaubern ein Lächeln in das Gesicht des Lesers und lassen Platz, selbst Erlebtes zu reflektieren und sich wieder zu finden, natürlich mit anderen Erfahrungen.

Ein wunderbares Buch, das noch viele Leser begeistern wird.

»So schwer auch alles manchmal ist, es gibt Dinge, die fallen einem erstaunlich leicht.«

Sebastian Lörscher: Ziegenmilch und Zeichenstift | Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2011 | 140 Seiten | amazon-info

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Thomas Pynchon: Bleeding Edge

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 20. April 2015

bleeding_edge»DeepArcher, die Zentrale«, sagt Lucas mit einer ausladenden Darf-ich-vorstellen-Geste.

Ursprünglich – und man wundert sich über ihren Weitblick – hatten die Jungs vor, einen virtuellen Ort zu erschaffen, an dem man vor den zahlreichen Misslichkeiten der wirklichen Welt Zuflucht finden kann. Ein riesiges Motel für die Geplagten, ein Asyl, das mit dem virtuellen Nachtexpress von überall, wo es eine Tastatur gibt, erreicht werden kann.

Bisher wurde in Pynchon-Rezensionen immer auf seine mediale Abwesenheit und die wenigen existierenden Fotos aus den Fünfzigern hingewiesen. Anlässlich der Rezeption von »Bleeding Edge« wich dieser Punkt dem allgegenwärtigen Hinweis auf das fortgeschrittene Alter des Autors. Pynchon ist inzwischen 77 Jahre alt und trotzdem atmet sein neues Werk mehr teen spirit als alle Hipster-Debüts der Saison.

Die Verwunderung beruht wahrscheinlich auf den fundierten Kenntnisse der Computer- und Hacker-Szene, die er hier vorführt. Aber Pynchon hat schon immer gewusst, worüber er schreibt, weil er sich zuvor die Materie umfassend aneignete. Sei es die Welt der Landvermesser im 18. Jahrhundert, die Trivialliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg oder die kalifornische Hippieszene der 70er und 80er Jahre. Kein Wunder also, dass er auch über die Dotcom-Gesellschaft unzählige Anspielungen und Insider-Gags einflechten kann. Aber die Scherze über Computerspiele, Law & Order, Dragonball Z usw. zeugen neben einem großartigen Sinn für Humor auch von einem tiefempfundenen Verständnis für die Inhalte. Trotz des Alters des Autors also alles andere als ein Alterswerk.

Worum geht es? Nun, wie immer um alles. Maxine Tarnow hat ihre Lizenz als Wirtschaftsprüferin verloren und arbeitet nun als Privatdetektivin in New York. Zwischen dem Platzen der Dotcomblase und den Anschlägen vom 11. September erfährt sie von den Machenschaften einer übermächtigen Computerfirma. Sie lernt DeepArcher kennen, eine sehr radikale Form von Second Life, und begegnet Legionen von skurrilen Figuren, wie sie sich wohl nur in New York tummeln können. Die Handlung ist wieder einmal Nebensache, das Genre eine Mischung aus Krimi und Stadtpanorama, und natürlich gibt es auch ein paar Songs.

Wie immer bei der Lektüre von Pynchon – jedenfalls geht es mir so – entfaltet sich die ganze Pracht des Buches erst beim zweiten Durchgang. Beim ersten Lesen gab ich nach der Hälfte auf, weil ich nichts verstand und sich alle Dialoge wie unzusammenhängendes Geplapper anhörten und anfühlten. Nach zwei Monaten wagte ich einen neuen Versuch und ließ mir mehr Zeit. Mein Fehler war klar: Ungeduld. Als hätte ich nach monatelanger Vorfreude die neueste Staffel meiner Lieblingsserie im schnellen Vorlauf angesehen und hinterher das Gefühl beklagt, die Handlung nicht verstanden zu haben.

Die zweite Lektüre war das wunderbare Leseerlebnis, das ich schon beim ersten Mal erhofft hatte. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, ein völlig anderes Buch zu lesen. Ich behielt den Überblick über die Figuren, alles ergab Sinn und die verqueren Gedankengänge ließen mich mehrmals laut auflachen. Man muss konzentriert sein, denn dieser Text verzeiht gedankliche Abschweifung nicht, dazu schlägt er zu viele und zu schnelle Haken und enthält zu viele Informationen.

Ein anstrengendes Buch, das Durchhaltevermögen erfordert und belohnt. Aber wenn man sich an Pynchons Stil gewöhnt hat, ein unerschöpflicher Quell der Freude. Jedes seiner Bücher kann man immer wieder lesen und jedes Mal neue Satzperlen, Gags und Erkenntnisse finden. Möge er noch lange so weitermachen!

Thomas Pynchon: Bleeding Edge | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Rowohlt 2014 | 602 Seiten | amazon-info

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Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 13. April 2015

Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit»In einer Nacht wie dieser … eine Verabredung mit wem? Die heutige Welt schlief, und meine Welt erwachte erst, wenn die Droge mich in ihre Gewalt bekam … Ich parkte den Wagen dicht am Graben, kletterte über das Tor zum Feld und suchte meinen Weg zu der Grube neben dem Steinbruch, denn hier hatte einst die Eingangshalle gelegen. Dort im Dunkeln neben einem Baumstumpf schluckte ich den Inhalt des Fläschchens…«

In ihrem ersten Quartalsprogramm 2015 präsentiert die Büchergilde Gutenberg nicht nur einen Klassiker im neuen Gewand, sondern liefert einmal mehr starke Argumente für das schöne Buch. Dass der Leser mit der außergewöhnlichen Geschichte um eine Droge der Sucht nach den Seiten erliegt und nicht merkt, dass die Geschichte bereits 1969 geschrieben wurde, beweist die einzigartige Erzählkunst der Grand Dame der englischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Die Rede ist von Daphne du Maurier und ihrem letzten großen Roman »Ein Tropfen Zeit«.

Der Professor der Biophysik Magnus Lane aus London experimentiert in seiner Freizeit heimlich mit einer Zeitdroge. Er überredet seinen Freund, den Schriftsteller Richard Young, sich für seine Versuche zur Verfügung zu stellen. Als Dank darf Young mit seiner Frau Vita und ihren beiden Söhnen aus erster Ehe in Lanes abgelegenem Landhaus in Cornwall Urlaub machen.

Im geheimnisvollen Keller geschieht das Unvorstellbare: Mit der Einnahme weniger Tropfen von Lanes »Zauber«-Flüssigkeit wird Young in das 14. Jahrhundert versetzt. Immer stärker verfallen Lane und Young dem gefährlichen Verlangen nach den historischen Ereignissen und Orten. Der eine lässt die Begebenheiten der Vergangenheit sogar von einem Studenten untersuchen und zeitlich belegen. Der andere fühlt sich von den Schauplätzen magisch angezogen. Manchmal fällt es Young schwer, die Zeiten auseinanderzuhalten und sich im Heute zu orientieren. Seine Angst, etwas zu verpassen – unbeherrschbar; der Trieb zum Voyeurismus – zügellos.

Als sich die beiden Freunde an einem Wochenende für einen gemeinsamen »Trip« in die Vergangenheit verabreden, wartet Young vergeblich auf seinen Freund. Lane kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Young ist inzwischen so abhängig von den bizarren historischen Geschehnissen, dass er seine Frau, die Polizei und gar den Richter, der Lanes Tod untersucht, belügt. Er riskiert leichtfertig seine Gesundheit und setzt seine Ehe aufs Spiel. Die Sucht hat ihn so fest im Griff, wie die unheimliche Geschichte inzwischen den Leser.

Wer den Text heute liest, lässt sich auf einen ungemein aktuellen Roman ein, der sich mit den Folgen herkömmlicher Sucht auseinandersetzt, aber auch die heutigen digitalen Entgleisungen, den exzessiven Gebrauch von Handy, Tablet und Co. oder die Sogwirkung der virtuellen Welt erklären kann. Mauriers Sprache ist kultiviert, an Metaphern reich und zeitlos. Der Leser wird hin und her gerissen zwischen den unglaublichen Geschichten, immer mit dem Verlangen noch tiefer einzudringen.

Einzig die wunderbar atmosphärischen Ölbilder von Kristina Andres lassen den Rezipienten zeitweilig inne halten und den Inspirationen nachspüren, die die Bilder zum Gelesenen wachrufen. Natürlich könnten die auch ganz für sich stehen. Doch sie fangen die mal traumverlorene, mal beklemmende und sogar heitere Stimmung des Romans hervorragend ein. Nicht nur der traurige Junge mit dem gesenkten Blick wird sich im Leser-Gedächtnis einbrennen, auch das kleine Fläschchen mit den Zeittropfen wird lange nachwirken.

Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit | Deutsch von Margarete Bormann
Edition Büchergilde 2015 | 304 Seiten | amazon-info

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Anthony Doerr: All the light we cannot see

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 23. März 2015

all_the_light_we_cannot_seeWerner is succeeding. He is being loyal. He is being what everybody agrees is good. And yet every time he wakes and buttons his tunic, he feels that he is betraying something.

Werner Pfennig, ein Waisenkind mit weißem Haar, wächst in den 1930er-Jahren zusammen mit seiner Schwester Jutta in einem Waisenhaus in der Zeche Zollverein im Ruhrgebiet auf – heute Bergbaumuseum und Unesco-Welterbe. Werners Vater ist im Bergwerk zu Tode gekommen und dem Jungen graut vor dem Tag, wenn er, wie es vorgeschrieben ist, als Jugendlicher selbst zu der Arbeit unter Tage herangezogen werden wird. Doch es kommt anders: Werner ist technisch und mathematisch begabt. Durch sein Geschick im Reparieren von Radios fällt er den Nationalsozialisten auf und kommt auf eine militärische Eliteschule – für Werner die einzige Möglichkeit, die er sieht, einer für ihn erdrückenden Zukunft als Bergbauarbeiter zu entkommen.

Auf der Schule trägt Werner dazu bei, eine Technik zu entwickeln, die es den Nazis erlaubt, feindliche Radiosender aufzuspüren. Zunächst freut Werner sich über die wissenschaftliche Arbeit und über seinen Erfolg und versucht, das latent schlechte Gefühl, das die Nazipropaganda in ihm verursacht, zu unterdrücken und nicht aufzufallen. Wenig später wird sein Alter gefälscht und er wird als 18-Jähriger – in Wirklichkeit ist er erst 16 – an die Front in Russland geschickt. Während er sich noch fragt, ob er das als Belohnung oder Bestrafung seines Mathelehrers auffassen sollte, sieht er, wozu seine Technik angewandt wird.

Parallel zu Werners Geschichte konstruiert der Autor Anthony Doerr, der Amerikaner ist, einen Erzählstrang rund um ein blindes Mädchen, Marie-Laure, die in Paris als Halbwaise mit ihrem Vater aufwächst, der für das Naturkundemuseum arbeitet. Als die Deutschen Paris besetzen, fliehen die beiden in den Küstenort Saint-Malo zu Marie-Laures Onkel Etienne, der noch vom Ersten Weltkrieg so traumatisiert ist, dass er sein Haus nicht verlässt.

Wie der Roman Marie-Laure und Werner zusammenführt, ist zugegebenermaßen wenig plausibel: Etienne beherbergt in seinem Haus ein Radio, über das die Résistance verschlüsselte Botschaften verschickt – ein Sender, den Werners Einheit gegen Kriegsende aufspüren soll. Als Kind hat Werner jedoch auf einem selbstgebastelten Radio wissenschaftliche Vorlesungen von Marie-Laures Großvater gehört, die von diesem Sender ausgingen. Als er diese Verbindung herstellt, beschließt er, Verräter zu werden und Marie-Laure zu retten.

Die Erzählung springt nicht nur zwischen den Figurenkreisen um Werner und Marie-Laure hin und her, sondern auch zwischen dem August 1944, als Saint-Malo von den Alliierten bombardiert und Werner unter Trümmern verschüttet wird, den frühen 1930er-Jahren sowie Ereignissen in den Jahren zwischen 1940 und 1942. Das Ende des Romans wirft einen Blick auf die überlebenden Figuren in den 1970er-Jahren und der Gegenwart. Die kunstvollen Verbindungen zwischen den Figuren und Ereignissen, die Doerr anhand vieler kleiner Details schafft, wirken zwar nicht übermäßig konstruiert, können aber nicht überdecken, wie wenig plausibel der Plot ist. Das muss einen aber nicht stören. Die ersten rund hundert Seiten lesen sich eher zäh, aber dann packt einen die Geschichte doch und man will wissen, wie sie ausgeht.

Doerrs Roman wirft nicht wirklich neue Fragen über den Zweiten Weltkrieg auf. Anhand von Werners Geschichte versucht er, sich dem ewigen Problem anzunähern, wie ganz gewöhnliche Deutsche zu Monstern werden konnten. Indirekt stellt er auch die Frage, ob der Holocaust einzigartig ist. Kritiker in den USA werfen ihm auch vor, dass er das Leid der Deutschen im Krieg genauso darstelle wie das der Alliierten, dass er den Holocaust relativiere, ästhetisiere, sentimentalisiere und dadurch normalisiere.

Ganz grundlegend stellt der Roman die Frage, woher man weiß, was falsch und was richtig ist. Als Etienne Marie-Laure an die vielen Toten aus dem Ersten Weltkrieg erinnert und ihr klarmacht, dass das, was sie tun, auch Menschenleben kostet, sagt sie, aber wir sind auf der guten Seite, und er antwortet, dass er es hoffe. Das Motiv eines fluchbeladenen Diamanten, das Doerr in seine Erzählung einwebt, wirft die zeitlose Problematik auf, wie frei der Mensch in seinen Entscheidungen ist. Wie es Werners Freund drastisch formuliert: »Your problem is that you still believe you own your life.«

Anthony Doerr: All the light we cannot see | Englisch
Fourth Estate 2014 | 544 Seiten | amazon-info

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Craig Johnson: Longmire – Hell is empty

Vorgestellt von Detlef Knut in Originale am 16. März 2015

Craig Johnson: Longmire – Hell is emptyDer Roman des amerikanischen Schriftstellers Craig Johnson folgt vom Erzählstil her dem eines Detektivromans. Protagonist ist Sheriff Walt Longmire vom Absaroka County Sheriff Department, der die Geschichten in der ersten Person erzählt. Sein Amt übt er hier seit dreißig Jahren aus. Absaroka County liegt in Wyoming, nahe des Bighorn-Gebirges und nahe eines Indianerreservats. Deshalb gibt es neben dem Polizeiteam von Longmire, welches außerhalb der Reservation zuständig ist, eine Reservatspolizei. Johnson hat mit der Nähe zum Reservat die Chance ergriffen, über das heutige Leben der Indianer zu berichten und darüber hinaus alle polizeilichen Ermittlungen etwas mystisch anzuhauchen.

Der hier besprochene Roman erschien 2011 innerhalb der Walt Longmire Mysteries-Reihe, in welcher Longmire der Chefermittler ist. Jeder Roman kann ruhigen Gewissens für sich alleine gelesen werden. Bei »Hell is empty« geht es zunächst darum, dass Raynaud Shade, ein adoptierter Crow Indianer gerade gestanden hat, vor zwanzig Jahren einen Jungen ermordet und in den Bighorn-Bergen verscharrt zu haben. Die Leiche soll im Amtsbereich von Longmire liegen. Bei einem Gefangenentransport von Shade und einiger weiterer Mörder, der durch das Reservat führen soll und außerdem vom FBI begleitet wird, brechen die Gefangenen aus. Dabei nehmen sie Geiseln mit.

Von nun an beginnt eine Hetzjagd in Schnee und Kälte durch das Gebirge. Der Rädelsführer der Gefangenen hebt sich durch besondere Brutalität hervor. Longmire jagt dem Gangster lange Zeit alleine hinterher, leere Akkus kappen immer wieder die Kommunikation mit seinen Leuten und dem Freund Henry Standing Bear, einem Cheyenne. Geführt wird Longmire lediglich von der indianischen Mystik und einem Taschenbuch des Romans »Dante’s Inferno«.

Longmires Abneigung gegenüber Smartphones macht ihn besonders sympathisch. Da begegnet ihm ein alter Indianer. Zufällig ist es der Großvater des Opfers, weshalb der brutale Ganove festgesetzt wurde. Ist diese Begegnung wirklich Zufall? Der Indianer hilft dem verletzten Sheriff. Doch der fragt sich immer wieder, ob er vielleicht wegen seiner geschwundenen Kräfte in der Eiseskälte halluziniert. Denn der Indianer verschwindet immer wieder so plötzlich wie er kommt. Obwohl er stets verspricht, an seiner Position zu bleiben.

Mir gefällt an diesen Longmire-Krimis besonders das für deutsche Verhältnisse exotische Setting. Wenn es kein Krimi wäre, könnte man ihn auch als modernen Wild-West-Roman einordnen. Was ihn nicht weniger spannend macht. Ich kann den Roman bestens empfehlen.

Craig Johnson: Longmire – Hell is empty | Englisch
Penguin Books 2012 (Reprint) | 352 Seiten | amazon-info

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Adam Hochschild: King Leopold’s Ghost

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 9. März 2015

Adam Hochschild: King Leopold's GhostThese were the years when, to the distress of many a young male European, Europe was at peace. For a young man looking for battle, especially battle against a poorly armed enemy, the Congo was the place to go. For a white man, the Congo was also a place to get rich and to wield power.

Im Mittelpunkt von Adam Hochschilds Buch »King Leopold’s Ghost« steht die Geschichte des Kongos als Kolonie Belgiens. Er erzählt, wie der belgische König Leopold aufwächst und wie er darunter leidet, dass sein Land eher klein und unbedeutend ist und dass Parlamente weltweit die Rechte der Könige immer stärker einschränken. Um dem Abhilfe zu schaffen, will Leopold unbedingt eine Kolonie, die groß und profitabel ist und in der er als absolutistischer Alleinherrscher agieren kann. Nachdem der berühmte Forscher Morton Stanley – seine eher unglückliche Kindheit kommt ebenfalls zur Sprache – den Kongo für Leopold erschlossen hat, tarnt der belgische König seine skrupellose Ausbeutung des Landes, die insgesamt rund zehn Millionen Kongolesen das Leben kostet, als philanthropisches Projekt und humanitäre Entwicklungshilfe.

Eine Weile gelingt es ihm, die anderen europäischen Großmächte zu täuschen. Bis Edmund Morel, ein Engländer und Reedereiangestellter, entdeckt, dass zwar aus dem Kongo haufenweise teures Elfenbein und Gummi per Schiff in Antwerpen ankommen, im Gegenzug aber immer nur Waffen und Militär dorthin geliefert werden. Morel forscht nach, kommt König Leopolds Ausbeutung des Kongos durch Sklaverei und Zwangsarbeit auf die Spur und macht die Zustände gegen beachtlichen Widerstand publik.

Morel schafft es, eine weltweite Protestbewegung – die erste ihrer Art – auf die Beine zu stellen, die dazu führt, dass Leopold die Regierungsgewalt im Kongo an Belgien abtreten muss – allerdings erst nach langem Ringen, kurz vor Leopolds Tod, nachdem der Kongo bereits total verwüstet und ausgezehrt ist. Morel wird eine Art Held, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert zunächst, dass sich an der Situation für die Einwohner des Kongos etwas wesentlich verbessert.

»King Leopold’s Ghost« ist ein Buch, das tatsächlich die Welt verändert hat. Da Leopold noch zu Lebzeiten alles versucht hat, um die Wahrheit über seine Kolonie zu vertuschen, und belastendes Beweismaterial vernichtet hat, waren die dunklen Seiten der Geschichte des Kongos trotz der hohen Anzahl an Toten tatsächlich bis zur Veröffentlichung von Hochschilds Buch kaum einem breiteren Publikum bekannt. Und doch geht es in dem Buch nicht in erster Linie darum, Belgien anzuklagen oder seine Schuld offenzulegen. Vielmehr setzt Hochschild das Geschehen im Kongo von Anfang an in den Kontext nicht nur des gesamten europäischen Kolonialismus, sondern vergleicht es auch mit anderen Verbrechen an der Menschheit, darunter natürlich der Holocaust.

Er geht der Frage nach, welche Voraussetzungen grundsätzlich in einem System gegeben sein müssen, damit es zu so einem großangelegten Unrecht kommen kann. Er fragt, warum ausgerechnet der Kongo eine weltweite Protestbewegung ausgelöst hat, und nicht eine der anderen Kolonien, in denen es ähnlich zuging. Er geht auf die Geschichte des Kongos und Afrikas vor der Kolonialzeit ein und das Problem, dass Geschichte immer nur die Mächtigen schreiben und von den Opfern meist keine Zeugnisse aus erster Hand überliefert sind. Er beschreibt, wie es dazu kommen kann, dass ganze Länder die negativen Seiten ihrer Geschichte systematisch und aktiv vergessen. Er verfolgt die Geschichte Afrikas und des Kongos bis in die Gegenwart und erklärt, warum nicht nur der Kolonialismus schuld an der aktuellen Situation vor Ort ist.

Dabei ist Hochschilds Ton nie anklagend oder selbstgerecht, sondern sehr sachlich und dadurch umso schockierender. In einem zusätzlichen Nachwort von 2005 – ursprünglich erschienen ist das Buch bereits 1999 – erzählt der Autor von den Reaktionen, die sein Werk über die Geschichte des Kongos ausgelöst hat. Zum Beispiel, dass das belgische Museum für Zentralafrika jetzt wenigstens einige Exponate zu den Schattenseiten von Belgiens Wirken im Kongo in seinen Ausstellungen aufgenommen hat, dieses Wirken aber nach wie vor als überwiegend positiv darstellt. Oder auch, dass ihm einerseits zahlreiche Belgier dafür dankten, sie mit diesem Teil ihrer Geschichte bekannt gemacht zu haben, andererseits aber viele, die aus dem Kongo fliehen mussten, als er unabhängig wurde, sein Buch als unwahr verunglimpften – und darin waren sie auch nicht die einzigen.

Ein konservativer belgischer Afrikanistik-Professor prophezeite laut Hochschild, dass »King Leopold’s Ghost« wenige Jahre nach seinem Erscheinen in Vergessenheit geraten würde. Stattdessen ist es heute, über fünfzehn Jahre nach seiner Veröffentlichung, immer noch eine spannend zu lesende Pflichtlektüre – eigentlich für alle.

Adam Hochschild: King Leopold’s Ghost | Englisch
PanMacmillan 1999 | amazon-info

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Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 2. März 2015

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel»Ich bestehe darauf, dass ihr dieses Buch so bald wie möglich lest. Ich bin zufällig darauf gestoßen -, und es hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich sofort an Hatchards geschrieben und zwei Dutzend bestellt habe. Ich habe mir vorgenommen, es jedem zu schenken, dem ich begegne.«
Francis Wyndham: (»Der andere Garten«)

Die Möglichkeiten, arabische Literatur in deutscher Übersetzung lesen zu können, sind begrenzt. Seit vergangenem Herbst ist die Auswahl um einen Autor reicher geworden. Der irakische Schriftsteller Fadhil al-Azzawi lebt seit 1977 im Exil in Berlin. Sein Roman »Der Letzte der Engel« entstand Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und ist vor ein paar Monaten in der Übersetzung von Larissa Bender beim Schweizer Dörlemann Verlag erschienen.

Fadhil al-Azzawi nimmt den Leser mit in das Kirkuk der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Stadt im Nordirak liegt bedrohlich nahe an den großen Ölfeldern. Sie beherbergte damals Araber, Juden, Kurden, assyrische Christen, Turkmenen und zählte damit zu den vielen multikulturellen Orten im Vorderen Orient. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Chukor-Viertel, ein vergessener Stadtbezirk am Rand. Deren Einwohner plagen sich scheinbar nur mit Armut und Dämonen herum. Letztere heißen auch Dschinne und sind orientalische Geister, die den Menschen gern Streiche spielen. Sind sie etwa für die Einbrüche verantwortlich oder schüren den weit verbreiteten Aberglauben?

Multikulti birgt zahlreiche originelle wie dubiose Gestalten, deren Geschichten und ihre verhängnisvollen Schicksale. Fadhil al-Azzawi serviert sie dem Leser auf dem silbernen, reichlich verzierten Tablett à la Tausendundeiner Nacht. Er fabuliert ausschweifend, präsentiert die Geschichte in der Geschichte mit märchenhaften Details und übernatürlichen Handlungssträngen. Der Leser kann sich nie ganz sicher sein, ob er im Moment Satire, blühende Phantasie oder reine Poesie rezipiert. Larissa Bender gelingt es überzeugend, den durchgängig heiteren Grundton aufzunehmen und bis zum Ende widerzuspiegeln. Bei ignoranten Monarchen, die berechtigte Anliegen des Volkes kalt lassen, Gefahr durch Kommunisten, Putschversuchen und erfolglosen Streiks in den Ölfabriken ein anspruchsvolles Unternehmen.

Hamid Nylon wird von der britischen »Iraq Petroleum Company« entlassen, weil er die Frau seines Arbeitgebers mit einem Paar Nylonstrümpfen verführen will. Daher rührt auch sein Spitzname. Es folgen Demonstrationen gegen Hamids Entlassung, der junge König wird ermordet. Die Vertreibung der Engländer zieht sich bis in die Gegenwart hin, Putsch-Serien und Kriege ebenso. Der Leser nimmt an einer herrlich komischen Satire auf eine Revolution teil, dessen Anführer der selbst ernannte Oberst Hamid Nylon wird. Seiner Entschlossenheit steht der weise, besonnene und lebenserfahrene Chidr Musa entgegen, der sich vom geldgierigen Schafhändler zum selbstlosen verantwortungsbewussten Protagonisten entwickelt. Der siebenjährige Burhan Abdallah hat sich das Schreiben selbst beigebracht. Er begegnet in einer Kiste auf dem Dachboden seiner Eltern drei alten Männern, die in Hanfleinensäcken den Frühling mit sich führen. Wer will schon genau wissen, ob sie Engel, Geister oder die Seelen Verstorbener sind …

Während al-Azzawis abstruser und grausamer Geschichten versiegt das Leser-Lachen hin und wieder. Demonstranten jagen einem kopflos um sich schießenden Polizisten hinterher, der dabei einen schwarzhäutigen Friseur namens Qara Qol tötet. Als jemand in die Welt setzt, dass sein Geist in einer Lichtsäule zum Himmel aufgestiegen sei, verwandelt sich der Mann in einen Heiligen. Aus dem Heiligengrab entstehen eine Geschäftsidee und gleichzeitig das Ziel einer tragikomischen Schnitzeljagd. Spätestens als der Polizist den halbwüchsigen Söhnen Qara Qols in die Hände fällt, wacht man aus dem Tausend-und-eine-Nacht-Märchen-Traum auf. Von der grauenvollen Realität eingeholt, sieht der Leser die fürchterlichen Bilder eines totalitären islamistischen Staates vor Augen.

Burhan Abdallah kehrt am Ende nach 46 Jahren Exil noch einmal nach Kirkuk zurück, begleitet von zwei Visionen mit starker Symbolkraft: den endlich eingekehrten Frühling und den Weltuntergang.

Die Sicht auf den Nahen Osten scheint fünfhundert Seiten später ein wenig klarer geworden. Um sich in diese fremde Welt einzufühlen, braucht es weit mehr solcher Bücher.

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel | Deutsch von Larissa Bender
Dörlemann 2014 | 520 Seiten | amazon-info

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