Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy

Vorgestellt von Sabine Anders in Sachbuch am 22. Dezember 2014

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, SpyHis style is of a man on a sandbank, laughing at the tide. Maybe we are all Venetians now.

2015 ist ein Jubiläumsjahr für den Venezianer Giacomo Casanova (geboren 1725). Obwohl sich in der Casanova-Forschung in den letzten Jahrzehnten eine Menge getan hat, ist er vielen nur als Stereotyp bekannt: Immer noch wissen die meisten nicht mehr über ihn, als dass er haufenweise Frauen verführt hat – allenfalls noch, dass er aus einem ausbruchssicheren Gefängnis in Venedig entkommen ist. Umso seltsamer, dass seit Ian Kellys Casanova-Biografie aus dem Jahr 2009 kein nennenswertes Buch über sein Leben erschienen ist und auch für 2015 keines in Sicht ist. Dabei wurde Kellys Biografie nie ins Deutsche übersetzt.

Casanova ist in Erinnerung geblieben, weil er als alter Mann (er wurde 64 Jahre alt) seine Memoiren unter dem Titel »Die Geschichte meines Lebens« niedergeschrieben hat. Dieser Text zählt zu den Werken der Weltliteratur und wurde 2010 für mehr als 7 Millionen Euro als bisher teuerstes literarisches Manuskript überhaupt vom Brockhaus Verlag an den französischen Staat verkauft.

Das Besondere an den Memoiren sind nicht die Liebesabenteuer, die Casanova festgehalten hat: Er selbst wäre wahrscheinlich überrascht, heute vor allem als Frauenheld bekannt zu sein. Da er sich in allen sozialen Schichten bewegte – er traf Päpste und Prostituierte, Wissenschaftler und Waschfrauen, Herrscher und Hochstapler – bieten seine Erinnerungen einen extrem vielfältigen Blick auf das Leben im Europa des 18. Jahrhunderts. Dazu ist Casanova nicht nur offen für alles und an allem interessiert, er berichtet auch sehr schonungslos, offen und nüchtern.

Casanova wurde als Sohn eines Schauspielerehepaars geboren. Seine Mutter widmete sich ihrer Karriere und überließ seine Erziehung der Großmutter, die versuchte, einen Priester aus ihm zu machen. Casanova versuchte sich unter anderem im Militär und als Theatergeiger, bevor er das Glück hatte, der Günstling eines reichen Patriziers in Venedig zu werden. Von da an spezialisierte er sich darauf, Gönner in höheren Kreisen zu finden, um den Lebensstil zu finanzieren, von dem er fand, dass er ihm zustand.

Obwohl er damit recht erfolgreich ist – unter anderem nehmen sich Katharina die Große, Friedrich der Große und Voltaire Zeit für ihn –, leidet er Zeit seines Lebens unter seiner nicht-adeligen Herkunft. Im Gefängnis landete er wahrscheinlich auch wegen seiner Art, sich unverfroren über Standesgrenzen hinwegzusetzen, und nicht wegen seines frivolen Lebenswandels, der keineswegs ungewöhnlich für die Zeit war, noch wegen seiner Ansichten über Religion oder seiner alchemistischen Experimente.

Seine Memoiren wurden im Laufe ihrer Editionsgeschichte immer nur in sehr verfälschenden und verkürzten Ausgaben und Übersetzungen veröffentlicht. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Originalmanuskript zugänglich. Kellys Biografie berücksichtigt nicht nur diesen Originaltext, sondern auch eine Vielzahl von anderem, zuvor nicht zugänglichem Archivmaterial über Casanova. Der Biograf zeichnet seinen Lebensweg unterhaltsam und mit faszinierenden Hintergrundinformationen über die Geschichte und Politik des 18. Jahrhunderts nach – vom Reisen über Essen bis hin zum Rechtssystem (Casanova war in vier verschiedenen Gefängnissen).

Natürlich sind Casanovas Memoiren selbst auch lesenswert, aber sie umfassen rund 4.000 Seiten. Wer nicht so viel Zeit übrig hat, sich aber trotzdem für Casanova oder das 18. Jahrhundert interessiert, findet beides in verdichteter Form in Kellys Biografie. Da Kelly selbst Schauspieler ist (seine berühmteste Rolle ist wohl die von Hermiones Vater in »Harry Potter«), wirft er eine besonders interessante Perspektive darauf, wie nachhaltig die Welt des Theaters Casanovas Wesen geprägt hat: Auf seinen unglaublich vielen Reisen durch ganz Europa suchte er, sobald er in einer fremden Stadt ankam, als Erstes meist die Schauspielergemeinde auf – oft bestehend aus italienischen Emigranten wie er selbst.

Kellys Schreibstil macht seine Biografie selbst zu einem literarischen Werk und bringt die Persönlichkeit Casanovas, wie sie in den Memoiren durchscheint, sehr gut herüber, ohne die Objektivität zu verlieren: Heute, schreibt Kelly, würde man Casanova natürlich als Verbrecher einordnen.

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy | Englisch
Tarcher 2008 | 416 Seiten | amazon-info

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John Niven: Straight White Male

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 15. Dezember 2014

John Niven: Straight White Male»Nun, lassen Sie es mich anders formulieren«, sagte Brendle und klickte mit dem Kugelschreiber. »Warum befleißigen Sie sich als ein intelligenter Mann, der Sie doch sind und dessen Job unzweifelhaft einen Gutteil Selbstanalyse erfordert, beständig eines Benehmens, von dem Sie genau wissen, dass es Ihr Umfeld verletzt?«

Kennedy gab vor, eine Weile darüber nachzudenken, während er an seiner Antwort feilte. Was er sagen wollte, war: »Warum schieben Sie sich Ihre Frage nicht in Ihren fetten Hintern?«

Kennedy Marr ist Ire, Autor, Alkoholiker und Zyniker. Er hat einige Bücher veröffentlicht, aber inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor in L. A., weil dies weniger Zeit kostet und mehr Geld bringt. Doch durch seinen exzessiven Lebenswandel droht ihm ständig die Pleite. Geldmangel ist für Kennedy natürlich kein Grund, mehr zu arbeiten, weniger zu trinken oder potenzielle Arbeitgeber freundlicher zu behandeln.

Dann wird er für einen hoch dotierten Literaturpreis vorgeschlagen, doch dafür muss er nach England ziehen und sich gewaltig am Riemen reißen. Ein Jahr soll er an einer Universität unterrichten, an der auch seine Ex-Frau lehrt, wofür ihm jede Motivation fehlt. Außerdem wäre er in der Nähe seiner übrigen Familie, mit der er vor Jahren gebrochen hat.

Die Handlung könnte direkt der dritten Staffel von »Californication« entnommen sein. Es ist die ansprechende Variation eines Themas (cooler Außenseiter in konservativer Umgebung), das nie langweilig wird, zumindest wenn es so schnoddrig und respektlos vorgetragen wird.

Nach dem eher oberflächlichen Thriller »Das Gebot der Rache« und der gelungenen Satire »Gott bewahre« hat sich Niven auf seine Anfänge besonnen und schickt ein großmäuliges, aber irgendwie sympathisches Arschloch ins Rennen. Dankenswerterweise befindet sich hinter der harten, vulgären Schale von Kennedy ein ebensolcher Kern, so dass man keine tränenreiche Läuterung im Hollywoodstil fürchten muss. Verglichen mit »Kill your friends« und »Coma« muss man allerdings feststellen, dass Niven selbst etwas milder und versöhnlicher geworden ist. Natürlich nur gemessen an seinen eigenen Maßstäben.

Mit anderen Worten: Sprache und Handlung von »Straight White Male« werden viele Leser abstoßen und verstören.

John Niven: Straight White Male | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne 2014 | 384 Seiten | amazon-info

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T.C. Boyle: Drop City

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 8. Dezember 2014

T.C. Boyle: Drop City»No rules,« he shouted, »no zoning laws, no taxes, no county dicks and ordinances. You want to build, you build. You want to take down some trees and put up a cabin by the most righteous far-out turned-on little lake in the world, you go right ahead and do it and you don’t have to go groveling for anybody’s permission because there’s no-fucking-body there – do you hear me people? Nobody. You can live like Daniel Boone, live like the original hippies, like our great-grandfathers and great-grandmothers – off the land, man, doing your own thing, no apologies.«

Hippie Norm Sender stellt Ende der 1960er-Jahre in Kalifornien 47 Hektar Land zur Verfügung, damit Hippies und andere Aussteiger dort ein »naturnahes« Leben frei von den Zwängen der Konsumgesellschaft leben können. Jeder, der sich dort niederlassen will, ist willkommen – so das Motto. Dieses Angebot nehmen auch zahlreiche Menschen an: Manche davon wohnen dauerhaft in »Drop City«, manche schauen nur touristenartig am Wochenende vorbei, fast alle nehmen Drogen, um ihr Bewusstsein zu erweitern, und viele sind Anhänger der freien Liebe – so auch Ronnie, genannt Pan, der mit seiner Schulfreundin Paulette, genannt Star, nach einem Road Trip quer durchs Land in Drop City landet. Schnell stellt er jedoch fest, dass das Leben in solchen Kommunen nur solange halbwegs funktioniert, solange es dort Frauen gibt, die bereit sind, freiwillig das Kochen, Abspülen und Putzen zu übernehmen. Schließlich soll ja niemand zum Arbeiten gezwungen werden.

Doch Drop City hat noch ein anderes Problem, nämlich fehlende sanitäre Einrichtungen, weshalb bald das gesamte Gelände als Open-Air-Toilette fungiert. Als Guru Norm dann auch noch unter LSD-Einfluss einen Autounfall verursacht, die Vergewaltigung einer Minderjährigen im Raum steht und ein Kind beinahe ertrinkt, nachdem seine Mutter ihm Orangensaft mit ein bisschen LSD zum Frühstück gegeben hat, nehmen die Behörden das als willkommenen Anlass, Drop City räumen zu lassen. Norm, immer optimistisch, schlägt vor, Drop City auf einem anderen Stück Land neu zu errichten, das er von seinem Onkel Roy geerbt hat: in Alaska, wo es laut Norm viel weniger Regeln und Gesetze gibt und jeder wirklich tun und lassen könnte, was er will.

In einem ausrangierten Schulbus machen sich die Hippies, die Norm folgen wollen, auf den Weg nach Alaska. Unter ihnen sind auch Ronnie, Star und Stars neuer Freund Marco, einer der wenigen Drop City-Bewohner, der Arbeiten als etwas Sinnvolles und Erfüllendes ansieht – zum Glück, denn in Alaska stellen die Hippies schnell fest, dass ihr Überleben in Gefahr ist, wenn sie sich den ganzen Tag nur darauf konzentrieren, Spaß zu haben und sich keinen Zwang anzutun, wenn es keine Regeln für das Zusammenleben gibt, an die sich alle halten, und wenn keiner arbeiten will. Den Rest des Sommers in Alaska überstehen die meisten noch ganz gut, doch im Winter, als die Polarnacht für ständige Dunkelheit sorgt, trennt sich die Spreu vom Weizen.

Während Norm und einige andere zurück nach Kalifornien fliehen, bleiben Star und Marco in Alaska und bauen sich ein neues Leben auf. Sie freunden sich mit einem einheimischen Ehepaar an, Sess und Pamela, das den Traum von einem Leben als Selbstversorger in einem selbstgebauten Blockhaus schon verwirklicht hat – so gut es eben geht. Ganz ohne den Supermarkt im nächsten Ort kommen auch diese beiden Buschexperten nicht aus.

Boyle nimmt in diesem Roman die Ideale der Hippies und verschiedene andere Träume vom Aussteigen aus der Gesellschaft gnadenlos und in seiner typischen witzig-ironischen Art auseinander, mit mehr und weniger sympathischen, aber immer sehr lebensechten Figuren.

T.C. Boyle: Drop City | Englisch
Bloomsbury 2004 | 464 Seiten | amazon-info

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Nick Harkaway: Der goldene Schwarm

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 1. Dezember 2014

Nick Harkaway: Der goldene SchwarmDa morgens um Viertel nach sieben die Temperatur in seinem Schlafzimmer noch unter Weltraumniveau liegt, hat Joshua Joseph Spork einen langen Ledermantel und ein Paar der Golfsocken seines Vaters angezogen. Eigentlich ist Papa Spork gar kein wahrer Golfer gewesen. Wahre Golfer besorgen sich ihre Socken nicht, indem sie einen Lastwagen auf dem Weg nach St Andrews überfallen. So was gehört sich einfach nicht. Golf huldigt der Geduld. Socken kommen und Socken gehen, und der weise Golfer wartet ab, bis er das Paar entdeckt, das ihm zusagt, und kauft es dann ohne viel Getue. Stattdessen einem vierschrötigen Lastwagenfahrer aus Glasgow eine Maschinenpistole ins Gesicht zu halten und ihm zu sagen, er solle sein Führerhaus verlassen oder in ihm das Zeitliche segnen … nun ja. Ein Mann, der sich so verhält, wird nie ein Handicap unter zehn zustande bringen.

Joe Spork verbringt ein ruhiges Dasein als Uhrmacher in London. Sein Vater war eine Gangsterlegende, aber Joe hat mit seiner Familiengeschichte abgeschlossen. Aus Versehen aktiviert er eine Weltuntergangsmaschine und muss nun alles versuchen, diese wieder außer Kraft zu setzen. Dabei kreuzt er den Weg der neunzigjährigen Ex-Geheimagentin Edie Banister, die seit Jahrzehnten gegen den diabolischen asiatischen Diktator Shem Shem Tsien kämpft. Sie verbünden sich, um die drohende Gefahr abzuwenden. Dazu muss Joe die kriminellen Kontakte seines Vaters wieder aufleben lassen. Zusammen mit der Londoner Unterwelt nimmt er den Kampf gegen mysteriöse Regierungsbeamte, mechanische Bienen und den asiatischen Diktator auf.

Neun Jahre später stand Edie am Rande eines Abgrunds und starrte in die Tiefe. Sie hatte rund um die Erde gegen Shem Shem Tsien gekämpft, und nie hatte sich etwas verändert oder war besser geworden. Er verübte irgendeine Schandtat, sie räumte hinter ihm auf; in Rom, in Kiew, in Havanna. Sie kämpften auf Schiffen und in Höhlen, auf Häuserdächern und in dunklen Gassen. Manchmal hatte der eine oder der andere eine Armee im Rücken, manchmal waren sie allein. Es hörte und hörte nicht auf.

Der Roman ist anfangs etwas schleppend und verlangt Geduld, aber sobald er in Fahrt kommt, saust er wie eine Lawine zu Tale. Und zwar genauso unberechenbar und ausufernd. Man weiß schon früh, dass der Autor die vielen Handlungsbälle, die er in die Luft wirft, nie alle wieder auffangen wird, aber es ist einem völlig gleichgültig. Und das ist das Schöne an diesem Buch, es ist zu keinem Zeitpunkt berechen- oder beherrschbar. Die Handlung bricht in jede Richtung aus und manche gedankliche Ausschweifung verliert sich in unendlichen Weiten.

So geschieht die Wandlung Joes vom sympathischen Loser zum unbezwingbaren Unterweltkämpfer mit MacGyver-Attitüde völlig abrupt, fällt in dieser abgedrehten Handlung aber nicht negativ ins Gewicht. Wer zuvor die Weltuntergangsmaschine und eine neunzigjährige Geheimagentin geschluckt hat, ist als Leser zu weitaus mehr bereit. Manche mögen das offensichtliche Mängel nennen, ich nenne es ungebremste Fabulierlust.

»Der goldene Schwarm« hat mich genauso begeistert, wie der Vorgänger »Die gelöschte Welt«. Beide sind nicht einfach zu lesen, manchmal verworren, aber immer lohnend. Harkaways Debüt war in erster Linie Science Fiction, diesmal hingegen erwartet den Leser eine Mischung aus Gangsterkomödie, Abenteuerroman und Mystery-Krimi. Ein gutgelauntes Sammelsurium an Themen, Abschweifungen und skurrile Details in verschwenderischer Fülle. »Der goldene Schwarm« gehört eindeutig zu jenen Romanen, die man mehrmals mit Gewinn lesen kann. Für mich eines der besten Bücher dieses Jahres.

Nick Harkaway: Der goldene Schwarm | Deutsch von André Mumot
Albrecht Knaus Verlag 2014 | 608 Seiten | amazon-info

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Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 24. November 2014

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte»Die Weltereignisse im Jahre 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte – ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland, – zerrissen mich wiederholt vielfältig, ohne mich von meiner Bahn abzulenken. Ich schrieb in diesem Sommer, um mich zu zerstreuen und die Kinder eines Freundes zu ergötzen, das Märchen Peter Schlemihl, das in Deutschland günstig aufgenommen und in England volkstümlich geworden ist.« (Adelbert von Chamisso)

Zugegeben, Chamissos Märchen »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« in der Ausgabe des Kunstanstifter-Verlages ist schon einige Jahre zu haben. Dennoch üben die Illustrationen von Franziska Walther und die Einheit von Buchgestaltung, Typografie und Text immer noch einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Der sprichwörtliche »Pechvogel«, Unglücksrabe und Narr; der »Schlamassel«, wie man in der ostjüdischen Kultur sagt, hatte es im 19. Jahrhundert auch anderen Autoren angetan. E.T.A. Hoffmann veranschaulicht das Schicksal des Protagonisten in seiner »Geschichte vom verlorenen Spiegelbild«, Jacques Offenbach verewigt Schlemihl als Nebenbuhler in seinen berühmten Hoffmanns Erzählungen. Drei Jahrzehnte später wagen sich Friedrich Christoph Förster und Ludwig Bechstein an zwei Fortsetzungen und Hans Christian Andersen schreibt sein Märchen »Der Schatten«.

Mit einem Empfehlungsschreiben für eine neue Anstellung sucht Peter Schlemihl nach einer anstrengenden Seefahrt den reichen Kaufmann Thomas John auf. Im dortigen Garten fällt ihm ein merkwürdiger grauer Herr auf, der vom türkischen Teppich bis hin zum Feierzelt alles aus seiner Tasche zaubern kann. Ein paar Tage später begegnet Schlemihl ihm wieder und verkauft dem Unbekannten seinen Schatten gegen ein Säckel voller Gold, das nie versiegt.

Von nun an meiden ihn die Menschen. Bemerken sie seine Schattenlosigkeit, halten sie sich aus Angst vor ihm fern oder verspotten ihn. In einem fernen Badeort richtet sich Peter Schlemihl mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel so ein, dass seine Schattenlosigkeit anfangs nicht auffällt. Doch die Liebe zu der schönen Mina und der Verrat durch seinen hinterhältigen zweiten Diener Rascal lassen den Helden der Geschichte in große Not geraten.

Chamisso verwendet für sein fein gesponnenes Märchen die im 19. Jahrhundert populäre Briefform und verarbeitet darin eine selbst erlebte Begebenheit. Freilich ist die Geschichte sprachlich ganz in ihrer Zeit gefangen, dennoch liest sie sich eingängig. Die drei Elemente aus dem Märchen (Glückssäckel, Siebenmeilenstiefel, Teufelspakt) wecken die unerfüllten Wünsche des Lesers.

Schlemihls Ringen mit dem Teufel kratzt an den eigenen Wertevorstellungen. Warum ist der Verlust des Schattens so schlimm? Achten nur redliche Menschen auf ihn? Müssen Reiche immer einen solchen haben? Verlieren nur einfache Leute ihren Schatten während einer schweren Krankheit? Ist in ihm gar die menschliche Seele manifestiert? Ist Schattenlosigkeit ein Makel, der den Ausschluss aus der Gesellschaft zur Folge hat? Welche Symbolik dem Schatten zukommt, bleibt allein des Lesers Phantasie vorbehalten.

Genügend angeregt wird diese durch die wunderschönen Illustrationen von Franziska Walther, deren zum Teil doppelseitige Bilder eine ganz eigene Aussagekraft entwickeln. Lediglich drei Farben benötigt sie dafür: Dunkelgrün, Blau und Gelb. Ihre Schatten auf dem Umschlag und dem Hardcover wirken präsent, wichtig, überdimensional. Der Teufel als übler Bursche zaubert neben den erwähnten Dingen im Märchen noch Brillantring, I-Pod und Kreditkarte dazu, die Siebenmeilenstiefel messen sich mit einem Flugzeug und Schlemihls Fluchtwagen gleicht einer amerikanischen Luxus-Limousine. Wohl dosierte Farbspritzer sorgen für die Lebendigkeit der Bilder.

Peter Schlemihl ist im Heute angekommen. Mögen noch viele Leser dieses schönen Buches auf ihn aufmerksam werden, wenn er uns als ethnische Minderheit, als politisch oder religiös Verfolgter, als Gestrauchelter, Drogensüchtiger oder Obdachloser begegnet.

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte | Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2011 | 128 Seiten | amazon-info

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin

Vorgestellt von Sabine Anders in Kurzgeschichten am 17. November 2014

Elizabeth Ellen: Die letzte AmerikanerinIch hatte schlimme Dinge getan, aber nichts, was durch die Amputation eines Armes nicht überschattet worden wäre. Er war kein unvernünftiger Mensch. Es war nur wahrscheinlich, dass er genau wie ich auf so etwas wartete.

Elizabeth Ellen hat ihre Kurzgeschichten in den USA in renommierten Literaturmagazinen veröffentlicht und ist selbst Mitherausgeberin eines Literaturmagazins.

Der Band »Die letzte Amerikanerin« bietet laut Klappentext eine Auswahl ihrer besten Geschichten. Ellen scheint bei ihren Lesern recht extreme Reaktionen hervorzurufen: Einige hassen ihre Geschichten und lesen nie wieder eine, andere lesen sie schon seit Jahrzehnten und finden sie toll, hauptsächlich wohl wegen ihres künstlerischen Werts.

Inhaltlich geht es in allen Geschichten in diesem Band um selbstzerstörerische, gescheiterte Frauenfiguren, die sich am Rande der Normalität bewegen – oder auch schon jenseits davon. Mit schuld daran sind in einigen Geschichten erwartungsgemäß die männlichen Figuren, die die Frauen misshandeln oder bestenfalls ausnutzen, in erstaunlich vielen Fällen aber auch die eigenen Mütter.

Gewalt gegen andere und gegen sich selbst bestimmt die Lebenswelt dieser Figuren, oft gemischt mit Drogen und Sex, manchmal wirkt ihre Umwelt fast surreal. Liebe kommt eigentlich nur in Form von ungesunder und zerstörerischer Besessenheit vor. Die Mütter scheinen ihre Töchter durchweg damit zu traumatisieren, dass sie sich keinerlei Mühe geben, ihr Sexleben vor ihren Kindern zu verbergen.

Die ersten drei Geschichten, die fast die Hälfte des Buches ausmachen, werden aus der Sicht derselben Protagonistin erzählt. Ihre Mutter schläft im Nebenzimmer ihrer minderjährigen Tochter mit wechselnden Liebhabern, sodass diese es mithören kann. Die Tochter fühlt sich davon halb abgestoßen, halb erregt. Die Mutter schiebt ihre Tochter auf ein Internat ab, in dem sie mit den anderen Mädchen ruinöse erotische Beziehungen eingeht. Bei einem Aufenthalt beim Vater, über den man nicht viel erfährt, außer dass es die Mutter partout nicht mit ihm ausgehalten hat, bedrängt sie schließlich ihre Halbschwester sexuell.

Ein anderes Mädchen hat eine Liebesbeziehung mit ihrem Bruder und bildet sich ein, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Die Frau der titelgebenden Geschichte amputiert sich selbst den Arm, als sie unter einem gefällten Baumstamm festliegt, als Selbstbestrafung und Botschaft für den Mann, der sie verlassen hat. Eine weitere Frau fantasiert sich eine Internetbeziehung mit einem prominenten Autor zusammen.

Ellen bewegt sich mit ihren Geschichten in der Tradition der amerikanischen Erzählliteratur, in der Brutalität und Hässlichkeit als Zeichen für die Realitätsnähe und Authentizität einer Geschichte gelten. Ob man ihre Geschichten mag oder nicht, hängt wahrscheinlich entsprechend stark davon ab, was für ein Wirklichkeitsbild man selbst hat. Passend dazu – und äußerst ungewöhnlich für die heutige Zeit – bildet der Umschlag die Autorin mit einer Zigarette in der Hand ab. Die Sprache ist klar und schnörkellos, gelegentliche Bilder sind verstörend, aber auch treffend. Sehr gelungen ist die Übersetzung.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin | Deutsch von Christoph Jehlicka
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014 | 240 Seiten | amazon-info

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Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 10. November 2014

Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen»Eigentlich war ich anfangs wenig begeistert darüber, ausgerechnet den ›Unrat‹ zu illustrieren, den ich in der Schule schon gelesen und seitdem nie wieder angefasst hatte …« (Martin Stark, Illustrator)

In Heinrich Manns Heimatstadt Lübeck, in der auch sein berühmter Roman »Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen« angesiedelt ist, wurde das Buch möglichst nicht erwähnt. Dennoch erlangte es als Verfilmung unter dem Titel »Der blaue Engel« mit Marlene Dietrich als Rosa Fröhlich Weltruhm.

Der verwitwete 57-jährige Gymnasiallehrer Raat lebt allein und zurückgezogen. Zu seinem Sohn pflegt er keinen Kontakt, weil dessen Lebensstil von seinen spießigen Vorstellungen abweicht (kein Examen, Umgang mit zu vielen unverheirateten Frauenzimmern). Als Professor ist er Generationen von Schülern, deren Kindern und Kindeskindern unter dem Spitznamen »Unrat« bekannt.

Die ironische Wertschätzung, die ihm mit diesem Beinamen entgegen gebracht wird, erkennt Raat nicht. Für ihn steht nur seine Verunglimpfung im Mittelpunkt. Seine Schüler betrachtet er als respektlose Feinde. Einer davon ist der 17-jährige Sprössling des Konsuls Lohmann. Der ist ebenso intelligent wie gewitzt, so dass Unrats drakonische Strafen an ihm abprallen.

Als Raat ihn wegen der Verwendung des Spitznamens erneut an den Pranger stellt, bemerkt er im Aufsatzheft des Schülers ein Gedicht mit dem Titel »Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich«. Um seine Schüler vor dem Umgang mit der zweifelhaften Dame zu schützen und Lohmann endlich zu Fall zu bringen, geht er auf die Suche nach ihr. Er findet heraus, dass sie als »Barfußtänzerin« in dem Vergnügungslokal »Der blaue Engel« auftritt.

Raat sucht das Lokal auf, tritt von einem Fettnäpfchen ins andere und kann sich letztendlich der Anziehungskraft von Rosa Fröhlich nicht mehr entziehen. Rosa umgarnt den Professor. Die Fassade des Tyrannen bröckelt und kehrt den Anarchisten nach außen. Der lässt sich immer mehr auf sie ein, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab, verteidigt sie vehement, bis er sich mit den harten Konsequenzen auseinander setzen muss. Von nun an lebt es sich noch ungenierter. Die Freizügigkeit und ihre Verlockungen rufen einige Opportunisten auf den Plan, die sich an den anrüchigen Gesellschaften im Hause Unrat beteiligen. Der einstige Professor wird als Krimineller zum Sündenbock der kleinstädtischen Doppelmoral vor dem ersten Weltkrieg.

Heinrich Mann karikiert den Bildungsbürger im wilheminischen Deutschland und führt dessen Mentalität ad absurdum. Genau dort setzen auch Martin Starks Illustrationen in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg an. Hier verbindet sich des Lesers Freude an Heinrich Manns einzigartiger Fabulierkunst mit dem Entzücken über Martin Starks moderne Illustrationen im Stil der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie regen des Betrachters Phantasie an, halten sich geradezu zwingend an den Film »Der blaue Engel« oder machen gar jüngere Leser neugierig auf den alten Ufa-Streifen.

Die zeitgemäßen Abstraktionen wirken zuweilen fast bizarr und heben sehr schön das Skurrile der Geschichte heraus. Der Professor am Pult gleicht einem Comic-Helden, seine Ecken und Kanten überspitzen den kauzigen Charakter. Die expressionistischen Schwarz-Weiß-Bilder holen den satirischen Klassiker ins Heute, nachvollziehbar und (im wahrsten Sinne des Wortes) mit Fingerspitzengefühl. Die mit dem diesjährigen Gestalterpreis der Büchergilde ausgezeichneten Illustrationen werden bei der zukünftigen Schul-Leserschaft dafür sorgen, dass sie das Buch öfter in die Hand nehmen wird und Professor Unrat so in Erinnerung bleibt.

Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 232 Seiten | amazon-info

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten

Vorgestellt von Holger Reichard in Genreliteratur am 3. November 2014

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten»Was? Unsinkbare Gummienten?«

»Der Ausdruck stammt von James ›The Amazing‹ Randi, einem kanadischen Bühnenzauberer und weltbekannten Skeptiker, der damit Leute meint, die immer weiter an den Hokuspokus glauben, egal wie viele Gegenbeweise man ihnen vorsetzt.«

Man muss das mit den Gummienten erklären. Denn bei einem Buch mit dem Titel »Angriff der unsinkbaren Gummienten« denkt man vielleicht zuerst an einen billigen Science-Fiction-Klamauk. Tatsächlich handelt es sich bei dem neuen Roman des schottischen Schriftstellers Christopher Brookmyre um einen intelligent strukturierten und witzig geschriebenen Krimi, in dem Esoteriker, Trickbetrüger, Geisterbeschwörer und Parapsychologen die Hauptrolle spielen – und ein unbequemer Journalist namens Jack Parlabane. Seine Aufgabe es ist, dem ganzen Hokuspokus ein Ende zu setzen und nebenbei noch den einen oder anderen Mordfall aufzuklären.

Ausgangspunkt der Story ist eine Séance auf Glassford Hall, dem Landsitz des schwerreichen schottischen Möbelunternehmers Bryant Lemuel. Lemuels kürzlich verstorbene Ehefrau meldet sich in dieser Sitzung mit weinerlicher Stimme und intimen Details aus dem Jenseits zu Wort. Gabriel Lafayette, ein amerikanischer TV-Star mit besonderen Gaben, hat dies ermöglicht und will nach der gemeinsamen übernatürlichen Erfahrung ein Institut zur Untersuchung paranormaler Phänomene ins Leben rufen, an der altehrwürdigen Kelvin University in Glasgow, natürlich gut ausgestattet mit Lemuels Millionen.

Doch Lafayette hat einige Gegner. Zum Beispiel Professor Niall Blake, der um den guten Ruf der Universität fürchtet. Oder der sonderbare Student Michael Loftus, der bemüht ist, die Tricks des großen Geisterbeschwörers Lafayette offenzulegen. Und eben Jack Parlabane, der im Laufe der Geschichte einen hohen Universitätsposten annimmt und daher nicht mehr nur als investigativer Journalist ein Anliegen hat, die Wahrheit herauszufinden. Letzteres wird immer dringlicher, weil es zu merkwürdigen Todesfällen kommt und Entscheidungen über den Fortgang des geplanten Instituts zu treffen sind.

Brookmyre lässt die Protagonisten seines Buches, sowohl Gegner als auch Anhänger Lafayettes, abwechselnd zu Wort kommen. Alle erzählen aus ihrer eigenen Perspektive. So liest sich der »Angriff der unsinkbaren Gummienten« (vor allem am Anfang) wie eine Sammlung von Berichten, Protokollen und persönlichen Rückblicken. Alles schön subjektiv, zugleich aber auch ungemein spannend.

Der Leser darf hier fleißig mit ermitteln. Muss er aber nicht. Denn es gibt ja Jack Parlabane und Michael Loftus. Dank ihnen wird nach und nach klar, dass es für viele vermeintlich unerklärliche Dinge doch eine recht einfache Erklärung gibt. Erzählt wird übrigens auch, wie der ganze Spuk einmal angefangen hat. Alles in allem gewährt Brookmyre einige interessante Blicke hinter die Kulissen des Zauberers.

Man kann sein Buch aber auch als eine geist(er)reiche Abrechnung mit (fundamentalen) Gläubigen und Abergläubigen lesen. Deutlich wird dies u.a., wenn er sein Alter Ego Jack Parlabane beinahe ein ganzes Kapitel lang über die Zeugen Jehovas lästern lässt bzw. über den Irrsinn ihrer Ablehnung von Bluttransfusionen. Es ist eine der stärksten Passagen dieses starken Romans und im Gegensatz zu vielen anderen sehr real und frei von allem Übernatürlichen.

»Kann ich nicht machen? Ich kann Ihnen sagen, was ich ›nicht machen kann‹. Gestern Abend habe ich zwei Kinder sterben sehen, weil weder ich noch sonst wer sie retten konnte. Den hier kann ich retten. Und jetzt geben Sie mir die Blutkonserven!«

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten | Deutsch von Hannes Meyer
Galiani 2014 | 414 Seiten | amazon-info

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Max Brooks: World War Z

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 27. Oktober 2014

Max Brooks: World War ZMan erfand Namen wie »Die Krise«, »Die dunklen Jahre«, »Die wandelnde Pest«, aber auch »schicke« Bezeichnungen wie »Z-Weltkrieg« oder »Erster Z-Weltkrieg« dafür. Mir persönlich missfällt letzterer Ausdruck, da er zwangsläufig von einem »Zweiten Z-Weltkrieg« ausgeht. Für mich wird er stets der »Zombie-Krieg« bleiben, und auch wenn viele Leute Einwände gegen die wissenschaftliche Genauigkeit des Wortes »Zombie« vorbringen werden, dürfte es ihnen schwerfallen, einen Ausdruck für die Kreaturen zu finden, die fast unsere Ausrottung bewerkstelligt hätten, der weltweit mehr akzeptiert würde. »Zombie« ist und bleibt ein verheerendes Wort, das wie kein anderes die Macht besitzt, so viele Erinnerungen und Emotionen heraufzubeschwören; ebendiese Erinnerungen und Emotionen sind Gegenstand dieses Buches.

Das Buch ist eine Sammlung von Augenzeugenberichten aus allen Teilen der Welt, die das gesamte Geschehen vom Entstehen der Pandemie bis zu ihrer Bekämpfung schildern. Die Interviews aus den verschiedenen Ländern stellen nicht nur die Bedrohung durch die Zombies dar, sondern auch die Zustände in diesen Ländern, die in vielen Fällen die Ausbreitung der Zombies noch begünstigten. Um sie zu vertuschen oder weil die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Eindämmung fehlen oder weil einfach die falschen Entscheidungen getroffen werden.

Brooks beschreibt in faszinierenden Kapiteln, wie beispielsweise Nordkorea und Israel der Pandemie begegnen, welchen Einfluss die jeweiligen Kulturen und politischen Systeme haben. Faszinierend erzählt aus der Sicht eines Insassen der Raumstation ISS, eines erblindeten Hiroshima-Überlebenden und eines Geschäftsmannes, der überlegt, wie er die Zombie-Bedrohung vermarkten könnte. Jede Geschichte berichtet ein einzigartiges Szenario. In diesem Buch sind so viele Ideen versammelt, dass danach keine weiteren Zombieromane mehr nötig wären, weil jedes Thema hier behandelt wurde.

Brooks beschäftigt sich mit interessanten Aspekten, die nichts mit den üblichen Horrorklischees zu tun haben. Zum Beispiel, wie die ganze Zivilisation zurückgeworfen wird und heute hochbezahlte Tätigkeiten keine Rolle mehr spielen, sondern handwerkliche Fertigkeiten wieder mehr Bedeutung bekommen. Oder dass Kriegsführung sehr viel mit Psychologie zu tun hat, aber Zombies weder Angst noch Moral haben und sich auf keine Weise beeinflussen lassen. Es gibt zahlreiche Schockmomente, aber die meisten von ihnen werden nicht von den Zombies, sondern durch menschliche Abgründe verursacht. Besonders schonungslos wird das moralische Dilemma geschildert, wenn man seinen Mitmenschen nicht helfen kann und sie sterben lassen bzw. sie sogar aktiv töten muss, um die weitere Ausbreitung zu verhindern und damit die gesamte Menschheit zu retten.

Max Brooks ist der Sohn von Mel Brooks und Anne Bancroft, vielleicht hatte der Verlag deshalb den Eindruck, er müsse das Buch unter dem Titel »Wer länger lebt, ist später tot« als Komödie vermarkten. Die Verfilmung mit Brad Pitt hat einige der spannendsten Ideen aufgegriffen und durch eine gemeinsame Hauptfigur verbunden. Ein häufiger Kritikpunkt an dem Film war, dass er nicht blutig genug für einen Zombiefilm sei, aber angesichts der rasenden Horden wird einem schon gehörig mulmig. Man kann über den Film sagen, was man will, auf jeden Fall hat er dem Buch jetzt seinen Originaltitel und ein angemessenes Cover verschafft.

Max Brooks: World War Z | Deutsch von Joachim Körber
Goldmann 2013 | 448 Seiten | amazon-info

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Andreas Zwengel: Wespennest

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Genreliteratur am 20. Oktober 2014

Andreas Zwengel: WespennestDer Ort blieb ein Theaterstück ohne Zuschauer. Ein privater Themenpark wie die Neverlandranch von Michael Jackson, wo dieser seine Kindheit nachholen wollte.

Wer den Ort Ginsberg im hessischen Oberlahnkreis auf der Landkarte sucht, wird enttäuscht sein, dass er nicht zu finden ist. Wer jedoch die gut erzählte, spannende Geschichte über das fiktive Dörfchen liest, wird den Ort und seine charakteristischen Bewohner noch lange im Gedächtnis behalten. Obwohl diese frei erfunden sind, wie der Autor Andreas Zwengel vornweg betont. »Wespennest« heißt der Krimi, der ohne Tote und fast bis zum Ende ohne Polizei auskommt, dafür aber mit reichlich Situationskomik gespickt ist.

Im Mittelpunkt stehen die Geschehnisse in Ginsberg. Bürgermeister Carlhainz Garth ist Millionär. Mit seinem Geld, List und Tücke hat er Ginsberg die Hülle beschaulichen Landlebens übergestülpt. Sein neuester Coup ist ein Bauprojekt, mit dem er seinen Reichtum mehren und die High Society aus der Stadt anziehen möchte. Seine engsten Mitarbeiter Viktor und Villeroy sollen Garths schärfste Kritiker mit Gewalt aus dem Dorf vertreiben. Zu ihnen gehören Felix Gernhardt, dessen Onkel Leo sowie Bruno Lorenz und Lothar Wicke. Letztere setzen alles daran, das Hotelprojekt zu sabotieren.

Zugegeben, ganz legal sind die Mittel nicht, die Lorenz und Wicke anwenden. Ihre ein wenig ungeschickt wirkenden Unternehmungen provozieren komödienreife Momente, die einer Lawine gleichen. Felix versucht indes, den (Flur-)Schaden für sich und seine Freunde so klein wie möglich zu halten. Da kann schon mal ein Passat zwischen zwei Bäumen eingekeilt sein oder ein Fußballspiel aus reiner Wettlust manipuliert werden. Felix gerät in eine Massenschlägerei, Leos Waffen verschwinden aus einem billigen Spind, der Einbruch in Garths Firma wird auf einer Videokassette festgehalten und jemand legt die Baumaschinen für Garths nächste Einnahmequelle lahm. Der Autor überspitzt die Verwicklungen in seiner Geschichte und der Leser ahnt, dass des Bürgermeisters filmreife Manipulationen in einer Sackgasse enden werden.

Die Polizei bekommt doch noch ein wenig zu tun. Andreas Zwengel erzählt die Geschichte über Korruption und Machtmissbrauch in einem hessischen Dorf dicht und sehr bildhaft. Seine präzise entwickelten Charaktere beflügeln des Lesers Phantasie und geben so dem Kopfkino genügend Nahrung. Besonders einnehmend, der durchweg leichte Ton, der hier und da auch ironische Züge trägt. Natürlich wird der aufmerksame Leser das eine oder andere Klischee registrieren, doch sind diese wie die famosen Übertreibungen wohl dosiert und sorgen für die Portion Spaß beim Lesen. Gute Unterhaltungsromane müssen unter die Leserschaft, hier ist einer mit langer Nachwirkung.

Das gewohnte Leben in Ginsberg kam schleppend wieder in Gang. Viele Einwohner hatten Grund, sich bei ihren Nachbarn zu entschuldigen, und für eine kurze Weile strahlte eine Aura von Harmonie und Zuvorkommenheit über dem Ort.

Andreas Zwengel: Wespennest | Deutsch
Saphir im Stahl 2014 | 250 Seiten | buchhandel.de

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