Andreas Zwengel: Wespennest

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Genreliteratur am 20. Oktober 2014

Andreas Zwengel: WespennestDer Ort blieb ein Theaterstück ohne Zuschauer. Ein privater Themenpark wie die Neverlandranch von Michael Jackson, wo dieser seine Kindheit nachholen wollte.

Wer den Ort Ginsberg im hessischen Oberlahnkreis auf der Landkarte sucht, wird enttäuscht sein, dass er nicht zu finden ist. Wer jedoch die gut erzählte, spannende Geschichte über das fiktive Dörfchen liest, wird den Ort und seine charakteristischen Bewohner noch lange im Gedächtnis behalten. Obwohl diese frei erfunden sind, wie der Autor Andreas Zwengel vornweg betont. »Wespennest« heißt der Krimi, der ohne Tote und fast bis zum Ende ohne Polizei auskommt, dafür aber mit reichlich Situationskomik gespickt ist.

Im Mittelpunkt stehen die Geschehnisse in Ginsberg. Bürgermeister Carlhainz Garth ist Millionär. Mit seinem Geld, List und Tücke hat er Ginsberg die Hülle beschaulichen Landlebens übergestülpt. Sein neuester Coup ist ein Bauprojekt, mit dem er seinen Reichtum mehren und die High Society aus der Stadt anziehen möchte. Seine engsten Mitarbeiter Viktor und Villeroy sollen Garths schärfste Kritiker mit Gewalt aus dem Dorf vertreiben. Zu ihnen gehören Felix Gernhardt, dessen Onkel Leo sowie Bruno Lorenz und Lothar Wicke. Letztere setzen alles daran, das Hotelprojekt zu sabotieren.

Zugegeben, ganz legal sind die Mittel nicht, die Lorenz und Wicke anwenden. Ihre ein wenig ungeschickt wirkenden Unternehmungen provozieren komödienreife Momente, die einer Lawine gleichen. Felix versucht indes, den (Flur-)Schaden für sich und seine Freunde so klein wie möglich zu halten. Da kann schon mal ein Passat zwischen zwei Bäumen eingekeilt sein oder ein Fußballspiel aus reiner Wettlust manipuliert werden. Felix gerät in eine Massenschlägerei, Leos Waffen verschwinden aus einem billigen Spind, der Einbruch in Garths Firma wird auf einer Videokassette festgehalten und jemand legt die Baumaschinen für Garths nächste Einnahmequelle lahm. Der Autor überspitzt die Verwicklungen in seiner Geschichte und der Leser ahnt, dass des Bürgermeisters filmreife Manipulationen in einer Sackgasse enden werden.

Die Polizei bekommt doch noch ein wenig zu tun. Andreas Zwengel erzählt die Geschichte über Korruption und Machtmissbrauch in einem hessischen Dorf dicht und sehr bildhaft. Seine präzise entwickelten Charaktere beflügeln des Lesers Phantasie und geben so dem Kopfkino genügend Nahrung. Besonders einnehmend, der durchweg leichte Ton, der hier und da auch ironische Züge trägt. Natürlich wird der aufmerksame Leser das eine oder andere Klischee registrieren, doch sind diese wie die famosen Übertreibungen wohl dosiert und sorgen für die Portion Spaß beim Lesen. Gute Unterhaltungsromane müssen unter die Leserschaft, hier ist einer mit langer Nachwirkung.

Das gewohnte Leben in Ginsberg kam schleppend wieder in Gang. Viele Einwohner hatten Grund, sich bei ihren Nachbarn zu entschuldigen, und für eine kurze Weile strahlte eine Aura von Harmonie und Zuvorkommenheit über dem Ort.

Andreas Zwengel: Wespennest | Deutsch
Saphir im Stahl 2014 | 250 Seiten | buchhandel.de

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Alfred Lansing: Endurance – Shackleton’s Incredible Voyage

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 13. Oktober 2014

Alfred Lansing: Endurance - Shackleton’s Incredible VoyageHe now faced an adversary so formidable that his own strength was nothing in comparison, and he did not enjoy being in a position where boldness and determination count for almost nothing, and in which victory is measured only in survival.

Die Geschichte klingt wie der Stoff für einen typischen T. C. Boyle-Roman: Ein leicht größenwahnsinniger Mann ist besessen von einer ziemlich verrückten fixen Idee und setzt sie gegen alle Widerstände in die Tat um. Obwohl die Aussichten auf Erfolg eher unwahrscheinlich sind, gelingt es ihm, Mitstreiter in seinen Bann zu schlagen, die ihm dann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Er zieht sie mit ins Verderben und alle scheitern, aber großartig.

Die Rede ist von dem Antarktisforscher Ernest Shackleton. Der Autor, der die Geschichte erzählt hat, ist Alfred Lansing. Er beginnt sein Buch, das 1959 erschienen, aber bis vor einigen Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten war, mit den Worten: »The story that follows is true.« T. C. Boyle hätte sich wahrscheinlich mehr dichterische Freiheiten erlaubt und die Geschichte dadurch etwas ansprechender erzählt, aber sie ist auch so sehr spannend zu lesen.

Da der Südpol seit 1911 schon erobert war, nimmt Shackleton sich vor, stattdessen den antarktischen Kontinent zu durchqueren – von Küste zu Küste über den Südpol hinweg. Er hatte zwar Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden, die dieses Vorhaben finanziell überhaupt erst möglich machten, aber es war wohl überhaupt kein Problem, Mitfahrer anzuwerben: Angeblich bewarben sich mehr als 5.000 Personen, obwohl Shackleton die Bedingungen der Unternehmung nicht beschönigte.

Mit diesem Ziel, den antarktischen Kontinent zu durchqueren, bricht er 1914 in Richtung Antarktis auf – in einem Schiff mit dem passenden Namen Endurance. Denn im Weddell-Meer bleibt die Endurance im Eis stecken, mit dem sie einige Monate treibt, das sie jedoch schließlich zerdrückt und sinken lässt. Shackletons Expedition war damit bereits gescheitert, wurde aber berühmt, weil er es schaffte, alle seine Männer lebend wieder aus der lebensfeindlichen Eiswüste herauszuholen – wofür er allerdings Jahre brauchte. Nach monatelangem Campieren auf Eisschollen, die immer wieder auseinanderbrechen, beschließt Shackleton, per Boot eine der Inseln »in der Nähe« anzusteuern und von dort aus mit einem Teil seiner Mannschaft zur nächstgelegenen Walfangstation zu fahren, um Hilfe zu holen. Die Boote, die er dafür verwendete, wie auch die restliche Ausrüstung waren für keine der beiden Seereisen geeignet.

Aufgrund seiner Persönlichkeit, vor allem seiner Qualitäten als Führungskraft, schafft Shackleton es nicht nur, dass die einzelnen Männer sich selbst übertreffen und weit mehr leisten als das, wozu sie von sich aus in der Lage gewesen wären. Durch seine geschickte Auswahl, welche der Männer er auf die riskante Bootreise mitnimmt und welche auf der Insel im Eis zurückbleiben und auf Hilfe warten, verhindert er zudem, dass die Männer sich gegenseitig die Köpfe einschlagen oder aufessen – eine durchaus reale Gefahr angesichts der Lebensumstände in der Südpolregion.

Deswegen wird Lansings Buch heute manchmal auch Führungskräften als inspirierende Lektüre empfohlen, wie man ein aussichtsloses Unterfangen mit völlig inadäquaten Mitteln und einem bunt zusammengewürfelten Team zum Erfolg führen kann. Interessanterweise hat Shackleton nämlich bei der Rekrutierung der Expeditionsteilnehmer keine systematischen Vorstellungsgespräche geführt, sondern seine Begleiter hauptsächlich nach Laune und persönlicher Sympathie ausgewählt.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte von Lansings Erzählung ist, wie zufrieden die Männer im ewigen Eis die meiste Zeit sind, wie sie ohne die Zerstreuungen der Zivilisation auf sich selbst zurückgeworfen sind und wie gut sie damit zurechtkommen. Lansings Schilderung basiert dabei auf Tagebüchern, aus denen er immer wieder wörtlich zitiert, und auf Gesprächen und seiner Korrespondenz mit einigen der Expeditionsteilnehmer.

Bemerkenswert ist auch Lansings Beschreibung der Naturgewalten, denen die Männer auf eine Weise ausgeliefert sind, die heute unvorstellbar ist. Die größten Probleme entstehen ihnen dadurch, dass sie ihre Position nicht immer genau bestimmen und das Verhalten des Wetters und der Meeresströmungen nicht durchschauen oder vorhersagen können. Einen Großteil der Zeit navigieren sie auf gut Glück und haben eine Menge Pech, geben aber nie auf.

Alfred Lansing: Endurance – Shackleton’s Incredible Voyage | Englisch
Basic Books 2014 | 357 Seiten | amazon-info

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Christopher Moore: Lange Zähne

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 6. Oktober 2014

Christopher Moore: Lange ZähneC. Thomas Flood (Tommy für seine Freunde) erreichte gerade die Schlussgerade eines feuchten Traums, als er von dem Getrappel und Geplapper der fünf Wongs aus dem Schlaf gerissen wurde. Geishas in Strapsen trollten sich unbefriedigt ins Traumland davon, während Tommy auf den Lattenrost des Bettes über ihm starrte. Der Raum war kaum größer als ein begehbarer Kleiderschrank. Die Betten waren in drei Etagen zu beiden Seiten eines schmalen Gangs aufgetürmt, in dem jeder der fünf Wongs gerade drängelnd versuchte, genügend Platz für sich zu ergattern, um sich eine Hose anzuziehen. Privatsphäre ist schon was Wunderbares, dachte er. Wie die Liebe ist auch die Privatsphäre am deutlichsten spürbar, wenn es an ihr fehlt.

Der junge Tommy Flood ist nach San Francisco gekommen, um ein berühmter Schriftsteller zu werden. Aus finanziellen Gründen muss er sich ein Zimmer mit fünf Chinesen teilen, die ihn alle für eine Aufenthaltserlaubnis heiraten möchten. Er übernimmt die Nachtschicht in einem Supermarkt, die ausschließlich mit Freaks und Nerds besetzt ist, und verliebt sich in seine Zufallsbekanntschaft Jody. Sie wurde gerade von einem alten und mächtigen Vampir gebissen. Während Jody lernen muss, wie man als Vampir überlebt, versucht Tommy seine erste längerfristige Beziehung zu bewahren. Doch der Vampir erhebt Anspruch auf seine Beute.

»Lange Zähne« ist weder eine reine Horrorgeschichte noch eine Mystery-Romanze oder eine Twilight-Parodie, sondern eine Komödie in einem ungewohnten Umfeld. Jody muss sich in ihrer neuen Rolle als Blutsaugerin zurechtfinden. Die Alltagsprobleme, mit denen sie sich herumschlagen muss, sind einfach köstlich. Noch besser haben mir Tommys Arbeitskollegen im Supermarkt gefallen, die ihre Nächte mit Kiffen und Truthahn-Bowling verbringen. Ihre Aktionen sind urkomisch zu lesen, obwohl man solchen Leuten in der Realität nicht begegnen möchte. Tommy steigt rasch zu ihrem Anführer auf. Mit diesen und anderen schillernden Nebenfiguren nimmt er den Kampf gegen den Vampir auf, um Jody zu retten. Deshalb kommt in diesem Buch auch die Spannung nicht zu kurz.

Dies war Mitte der Neunziger mein erster Roman von Christopher Moore und auch jetzt beim erneuten Lesen hatte er dieselbe Wirkung wie damals. Mit einigen Jahren Abstand hat Moore zwei Fortsetzungen geschrieben, die zeitlich direkt an die Handlung von »Lange Zähne« anschließen. »Liebe auf den ersten Biss« hat mich enttäuscht, da es nur ein Aufguss des ersten Buches ist, und die zweite Fortsetzung »Ein Biss sagt mehr als tausend Worte« (Wer denkt sich nur diese Titel aus?) bleibt deshalb vorerst noch im Regal. Aber Highlights wie »Ein todsicherer Job«, »Flossen weg«, »Der törichte Engel« und »Himmelsgöttin« seien jedem ans Herz gelegt.

Christopher Moore: Lange Zähne | Deutsch von Ute Thiemann
Goldmann 2007 | 384 Seiten | amazon-info

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Martin Cruz Smith: Tatjana

Vorgestellt von Karsten Weyershausen in Genreliteratur am 29. September 2014

Martin Cruz Smith: TatjanaWenn man die Chronologie der Romane von Martin Cruz Smith betrachtet, müsste Arkadi Renko eigentlich im Rentenalter sein. Wer aber konnte 1981 ahnen, dass »Gorki Park«, der erste US-Roman, der einen russischen Polizisten zum Helden hatte, so ein Erfolg werden würde? Sicher nicht der Autor, der sich anfangs noch zierte eine Fortsetzung nachzuschieben.

Die ersten drei Bände endeten mit dem Niedergang des Kommunismus und bescherten dem Ermittler zudem noch ein privates Happy End. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn treue Leser wissen natürlich, dass ein Held wie Arkadi Renko nicht zum Glückspilz taugt. Er ist eine durch und durch tragische Gestalt, die zwar ab und zu einige Erfolge aufweisen kann, doch diese Erfolge sind nie von Dauer. Selbst wenn er am Ende der Geschichte den Fall gelöst und das Mädchen bekommen hat, steht er spätestens im nächsten Buch wieder mit leeren Händen da.

Nach Abschluss der ersten Trilogie wusste Cruz Smith anscheinend nicht so recht, was er mit seinen Ermittler anfangen soll. Der Kommunismus war am Ende und keiner ahnte, was nun passieren würde. Nach einem Abstecher nach Kuba, der das schwächste Buch der Reihe darstellt, lies er seinen Helden nach Moskau zurückkehren, um von dort die wildwüchsige Korruption des Landes in all ihren Facetten zu schildern. Die Renko-Romane waren immer auch eine Bestandsaufnahme, die es gerade ihren amerikanischen Lesern erlaubten mit wohligem Gruseln auf die Miss- und Mangelwirtschaft des ehemaligen Feindes zu schauen.

Mit »Treue Genossen« verpasste Cruz Smith ihm einen süffisant-versoffenen Kollegen, einen unbarmherzigen Vorgesetzten und einen Ziehsohn, Schenja, der nebenbei ein echtes Schachgenie ist. Das Alter Renkos, der mittlerweile hart auf die siebzig zugehen müsste, während Schenja im neuen Band »Tatjana« fast volljährig ist, lässt er diskret unter dem Tisch fallen.

Überhaupt hat Cruz Smith seinen Stil auf das Wesentliche reduziert. In der Kunst des Weglassens hat er es zu wahrer Meisterschaft gebracht. Während es seine Bücher früher nicht selten auf 500 Seiten brachten, benötigt er in seinem neuen Roman gerade 320 Seiten, um zum Ende seiner Geschichte zu gelangen. Inzwischen wird skizziert und angedeutet, wo früher pure Erzählfreude herrschte. Vorbei sind die Zeiten, in denen er zum Beispiel ausführlich das Leben an Bord einer schwimmenden Fischfabrik schilderte, oder die Todeszone von Tchernobyl.

Kaliningrad, der Schauplatz seines neuen Romans erwacht daher an keiner Stelle des Buchs zum Leben. Nur als er er das »Haus der Sowjets« beschreibt, dass von den Bewohnern des Stadt als »Rache der Preußen« verspottet wird, blitzt die alte Erzählfreude auf. Sein ganzes Augenmerk scheint heute den Dialogen zu gelten, die zugegebenermaßen lakonisch sind wie nie.

Im neuen Roman wird unser Ermittler von seinem Vorgesetzten ignoriert und aufs Abstellgleis geschoben bis er auf eigene Faust den ominösen Selbstmord der Reporterin Tatjana Petrowna untersucht. War es Mord, oder wusste die streitbare Journalistin zuviel? Und was ist mit dem verschlüsselten Notizbuch eines Schweizer Dolmetschers, der tot an einem Strand aufgefunden wird? Dann gibt es noch Alexi, den Sohn eines verstorbenen Mafiosi, der ein Auge auf Renkos Freundin geworfen hat und den undurchsichtigen Dichter Maxim.

Sie alle und ein verschwundenes Fahrrad spielen eine wichtige Rolle in einem Fall, der als simple Mordgeschichte beginnt und im Laufe der Handlung immer weitere Kreise zieht. Aber so kennen wir es ja von Martin Cruz Smith. Was dem Leser bei der Stange hält sind die kleinen Momente, wenn er spielerisch die Grenze zur Literatur überschreitet. Diese Momente gibt es im neuen Buch kaum, aber Cruz Smith ist mittlerweile 71 und leidet unter Parkinson, so dass er nur noch per Diktat arbeiten kann. Ob ein weiterer Roman erscheint ist fraglich. Gerade deshalb ist das Ende des Buchs versöhnlich. Untypisch zwar, aber irgendwie passend.

Martin Cruz Smith: Tatjana | Deutsch von Susanne Aeckerle
C. Bertelsmann Verlag 2013 | 320 Seiten | amazon-info

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Dennis Lehane: In der Nacht

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 22. September 2014

Dennis Lehane: In der Nacht»Wir sind süchtig danach. Wonach? Nach der Nacht – sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde keine Regeln.«

Vielleicht ist manchen Dennis Lehanes Roman »Der Aufruhr jener Tage« noch in Erinnerung. Die Familiengeschichte der Coughlins, die in den Jahren 1918/19 in Boston begann, findet nun »In der Nacht« ihre Fortsetzung. Der Leser begegnet dem stellvertretenden Polizeichef von Boston Thomas Coughlin 1926. Sein Sohn Danny, der Protagonist aus »jenen Tagen«, ist inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschieden und versucht sein Glück in Hollywood als Stuntman, später als Drehbuchautor. Man liest nur am Rande von ihm, denn Dennis Lehane rückt im Roman »In der Nacht« seinen jüngeren Bruder Joseph ins Rampenlicht.

Zu Beginn erfährt der Leser erst einmal von Joseph Coughlins Ende. Oder vielleicht doch nicht? Er steckt mit beiden Beinen in einem zementgefüllten Fass auf hoher See – kurz davor gewaltsam über die Reling zu kippen – und lässt dabei sein aufregendes, abwechslungsreiches Leben Revue passieren.

»Und plötzlich kam ihm der Gedanke, das sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal an jenem Morgen nicht mit Emma Gould zusammengeführt.«

Als Zwanzigjähriger beraubt der Sohn irischer Einwanderer den mächtigsten und brutalsten Gangsterboss von Boston namens Albert White. Außerdem spannt Joe ihm seine Geliebte Emma Gould aus. Sie ist die Liebe seines Lebens und femme fatale zugleich. Ihre Dezemberaugen entfachen ein kaltes Feuer in ihm, das ihn bis zuletzt umtreibt. Albert Withe rächt sich. Emma verschwindet spurlos, wurde vermutlich sogar ermordet. Joe will sich beweisen, alles anders, alles besser machen als sein Vater, der so stark ist … und gerät dabei auf die schiefe Bahn. Er wird Opfer eines Verrats und landet im grauenvollsten Zuchthaus von Massachusetts. Hier lernt er zu Überleben und bereitet seinen Aufstieg in der Unterwelt vor.

Im Laufe der Geschichte entwickelt Dennis Lehane seinen Helden vom gebeutelten Kleinkriminellen zum geschäftstüchtig und selbstbewusst auftretenden Rum-Schmuggler, dessen Wirkungskreis bis nach Kuba reicht. Für ihn ist das Verbrechen ein Geschäft. Joe befriedigt Bedürfnisse, die erst durch die Prohibition entstanden sind, eine lukrative Einnahmequelle. Sein Weg ist gepflastert mit Überfällen, verruchten Kneipen, Prostituierten, Glücksspiel, Rum und jede Menge Blut. Die zweite Frau, die Joes Geschicke beeinflusst, heißt Graciela. Sie steht ihm in Ybor (Tampa, Florida) mit Rat und Tat zur Seite und sorgt dafür, dass er sein Herz behält.

Der Leser hegt Sympathie für Joe Coughlin, glaubt an das Happy-End, bis die Dame mit den Dezemberaugen wieder auftaucht. Konkurrenten greifen nach Joes Reich in Florida. Nun ahnt der Leser, dass sich Joseph Coughlin in eine Sackgasse verrannt hat. Er liest bis in die Nacht, wird von den Ereignissen überrollt und … liest den Anfang wieder und wieder.

Hollywood reißt sich um das Drehbuch und die zu vergebenden Hauptrollen.

Lehane erzählt sein Gangsterepos dicht und distanziert, jedoch zutiefst menschlich. Sorgfältig und kenntnisreich hat er es in ein Stück Zeitgeschichte verpackt, dass man ansatzweise zu kennen glaubt (die Zeit der Prohibition, des Rassenhasses, des Kampfes gegen Diktaturen und Unterdrückung, des Ku-Klux-Klans, der großen Gangstersyndikate). »In der Nacht« ist ein exzellenter Unterhaltungsroman, dramatisch und bewegend.

Dennis Lehane: In der Nacht | Deutsch von Sky Nonhoff
Diogenes 2013 (3. Auflage) | 592 Seiten | amazon-info

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Dan Simmons: Drood

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 15. September 2014

Dan Simmons: DroodIch heiße Wilkie Collins, und da ich die Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen auf einen Zeitpunkt hinauszuschieben gedenke, der mindestens eineinviertel Jahrhunderte nach meinem Ableben liegt, vermute ich, dass Du meinen Namen nicht kennst. Manche nennen mich zu Recht einen Spieler, und daher wette ich mit Dir, lieber Leser, dass Du kein einziges meiner Bücher und Stücke gelesen, ja noch nicht einmal von ihnen gehört hast.

Wilkie Collins ist auch heute noch bekannt und »Die Frau in Weiß« ein Klassiker. Er war ein Zeitgenosse von Charles Dickens und arbeitete eng mit ihm zusammen. Dickens ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, seine Bücher sind Bestseller und seine Lesereisen ausgebucht. Simmons hat Collins als Ich-Erzähler gewählt und schildert aus seiner Sicht die Ereignisse im Jahr 1865. Bei einem Zugunglück beobachtet Dickens einen unheimlichen Mann. Dickens macht sich wie ein Besessener auf die Spur des Mannes, der sich als eine Unterweltgröße namens Drood herausstellt. Er unternimmt häufig Ausflüge in die Londoner Unterwelt, macht Droods Bekanntschaft und verhält sich immer seltsamer.

Dan Simmons hat mit den »Hyperion«-Romanen Klassiker der Science Fiction verfasst, im Festa-Verlag erschien eine sehr empfehlenswerte Hardboiled-Serie von ihm und er schrieb tausendseitige historische Schmöker wie »Terror«, »Der Berg« und auch das vorliegende Buch.

»Drood« ist keine viktorianische Gruselgeschichte, sondern eine Mischung aus Krimi, Sittengemälde und Biografie. Man erfährt sehr viel über die damalige Gesellschaft und die Lebensumstände in den verschiedenen Schichten, wie auch über das Leben und Werk von Dickens und Collins. Dickens wird dabei als ein selbstgefälliger und überheblicher Workaholic dargestellt, mit gelegentlichen Anwandlungen eines Sherlock Holmes. Absolut mitreißend ist die Schilderung von Dickens’ Arbeit und seinen öffentlichen Auftritten. Man kann dabei die Atmosphäre in den Theatern und Salons nachempfinden.

Der opiumsüchtige Collins erweist sich im Verlauf des Romans nicht immer als zuverlässiger Erzähler und der Leser muss gelegentlich selbst entscheiden, ob er einzelnen Schilderungen glaubt oder sie dem Opiumrausch zuschreibt.

Der historische Hintergrund für das Buch ist Dickens’ letzter, unvollendeter Roman »Das Geheimnis des Edwin Drood«. Wer sich nur für die spannenden Aspekte der Geschichte begeistert, wird viele Längen in dem Buch finden. Wen aber auch die Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden Autoren interessiert, die von Neid und Konkurrenzdenken geprägt waren, wird diesen unterhaltsamen, faktenreichen und gutgeschriebenen historischen Roman sehr schätzen.

Dan Simmons: Drood | Deutsch von Friedrich Mader
Heyne 2010 | 976 Seiten | amazon-info

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Michael Chabon: Telegraph Avenue

Vorgestellt von Holger Reichard in Moderne Literatur am 8. September 2014

Michael Chabon: Telegraph Avenue»Na gut«, sagte Archy. Er warf sich den Riemen der Reisetasche über die Schulter und sah Gwen an. »Danke.« Dann wandte er sich ab, ihn schnürte sich die Kehle zu, er versuchte es mit einem Husten zu tarnen, hustete wie sein El Camino. Sein kaputtes altes Auto, sein kaputter Friseurladen voll alter kaputter Platten und die kaputte zweifarbige Zwillingsstadt Brokeland: Das war das Inventar seines Lebens.

Archy Stallings hat es nicht leicht. Zunächst erwischt ihn seine hochschwangere Gattin Gwen im äthiopischen Restaurant »Queen of Sheba« beim Fremdgehen mit der Nichte des Restaurantbesitzers. Sein von Geldnöten geplagter Vater Luther, ein abgehalfterter Star von Blaxploitation-Filmen aus den 1970ern, bereitet ihm wieder einmal große Schwierigkeiten. Dann taucht plötzlich ein 14jähriger Junge auf, der sich als unehelicher Sohn von Archy entpuppt. Und schließlich stirbt auch noch Archys Ersatzvater, der Musiker Cochise Jones, kurz vor einem gemeinsamen Gig, comichaft unter der Last seiner Hammond-B3, die Archy gerade erst frisch repariert hatte.

Als wären das nicht schon Probleme genug, droht in unmittelbarer Nähe von Archys Jazzplattenladen Brokeland Records, den er zusammen mit seinem Freund Nat Jaffe betreibt, ein neuer Megastore seine Tore zu öffnen, mit einer Jazzplattenabteilung, die die liebenswerte, aber beschauliche Vinylsammlung von Archy und Nat zigfach in den Schatten stellt.

Auch die Ehefrauen von Archy und Nat sorgen sich um ihre berufliche Existenz. Sie arbeiten als Hebammen und kämpfen mit den Folgen einer missglückten Hausgeburt. Über allem schwebt ein Mordfall, der sich vor vielen Jahrzehnten im Umfeld der Black Panther Bewegung ereignete und nie geklärt werden konnte. Nur für die Leserinnen und Leser dieses Buches wird der Fall gelöst, am Ende der Geschichte.

Willkommen auf der »Telegraph Avenue«.

Michael Chabon zu lesen, insbesondere diesen Roman, lässt sich vielleicht vergleichen mit einer Achterbahn. Man steht zunächst ehrfürchtig davor und fragt sich, ob man wirklich in dieses Ding einsteigen soll, und noch bevor man eine Entscheidung getroffen hat, sitzt man in einer der Gondeln und rast kreischend und mit wehendem Haupthaar in die Talsohlen.

Schwindelgefühle gibt es auch auf der »Telegraph Avenue«. Man staunt, in welcher Fülle, mit welcher Sprachakrobatik und vor allem mit welchem Elan (nicht nur aufgrund der großzügigen Verwendung von Kommata) Michael Chabon seine Metaphern rauf und runter flitzen lässt. Etwa 30 Seiten lang überlegt man, ob oder vielmehr wie man einsteigen soll, doch plötzlich (spätestens als Gwen ihren Gatten wegen des Seitensprungs auf offener Straße zur Rede stellt und ihn prüfend in den Schritt fasst) ist man drin in diesem Ding und fährt berauscht mit – von einer Alltagskatastrophe zur nächsten.

Die vielen Schwierigkeiten, Unglücksfälle und Hiobsbotschaften, die sich den Protagonisten der »Telegraph Avenue« auf knapp 600 Seiten auftun, hat Chabon keineswegs einfallslos aneinander gereiht, sondern anspruchsvoll und komplex miteinander verdrahtet. Bemerkenswert ist auch, dass er als weißer Schriftsteller größtenteils aus der Sicht der Farbigen schreibt. Ihnen sollte vorbehalten sein, darüber zu urteilen, wie gut Chabon dies gelungen ist.

Fest steht: »Telegraph Avenue« ist Unterhaltung vom Feinsten. Wer wie Michael Chabon kulturell in den 70ern und frühen 80ern verankert ist und Sympathien hegt für den schrulligen Plattenladen am Rande der Fußgängerzone oder andere Formen vinyler Nostalgie, wird dieses Buch lieben.

Michael Chabon: Telegraph Avenue | Deutsch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2014 | 592 Seiten | amazon-info

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Nicolas Robel: Topo Limbo

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 1. September 2014

Nicolas Robel: Topo Limbo»…und was für einen Zweck haben schließlich Bücher, in denen überhaupt keine Bilder und Unterhaltungen vorkommen?« (Lewis Caroll, Alice im Wunderland)

In den Jahren 1991 – 2012 wurden die »Tollen Hefte« von dem Verleger und Illustrator Armin Abmeier herausgegeben. Sie erschienen zunächst im Maro Verlag, ab Heft 16 bei der Büchergilde Gutenberg. Alle Hefte sind von einem Schutzumschlag eingekleidet, 32 Seiten dick und sind fadengeheftet. Als zusätzliches Bonbon liegt ihnen eine Graphik oder ein Poster bei.

Der verlockende Reiz dieser buchkünstlerischen Kleinode liegt in der limitierten Auflage, der Original-Flachdruck-Graphik (vergleichbar mit einer Lithographie) und der einzigartigen Illustration und Gestaltung. Als Armin Abmeier nach einjähriger Krankheit im Sommer 2012 verstarb, übernahm seine Witwe Rotraut Susanne Berner auf seinen Wunsch hin die Herausgabe der bibliophilen Kostbarkeiten. In der Bücherwelt fest etabliert ist sie als Wimmelbuch-Macherin, wo sie ihrem verstorbenen Mann mit dem Buchhändler Armin ein Denkmal gesetzt hat.

Im März dieses Jahres erschien Heft Nr.41, das die Geschichte von drei Teenagern erzählt, die einen Ausweg aus einer fremden und unheimlichen Welt suchen. Der Mitte der Siebziger Jahre geborene kanadische Autor Nicolas Robel ist auch Illustrator, Graphiker und Verleger. Er sagt von sich, dass er zwischen mehreren Welten schwankt, bezeichnet sich als Traumtänzer und Papierliebhaber.

Zugegeben, ein wenig »verrückt« scheint die Geschichte von »Topo Limbo«. Im »Anderssein« liegt jedoch auch die Anziehungskraft dieses farbenfrohen Heftchens. Der Forscher und Amateurkartograph Nicholay Baker findet auf dem Müllplatz seines Heimatortes die herausgetrennten Aufzeichnungen eines Tagebuches, das von drei Jugendlichen Elan, Irayna und Leonyd verfasst wurde. Da er die Landschaft nicht kennt, beginnt er anhand der unvollständigen Notizen mit der Erstellung einer Karte und der chronologischen Ordnung der zusammenhanglosen Ereignisse.

Gibt es diese Welt überhaupt, die die Teenager beschreiben? Ihr Geheimnis bleibt unergründbar, das kleine Heftchen gibt jede Menge Rätsel auf, überlässt den Leser seinem Grübeln. Voller Ungewissheit entfaltet er die beiliegende einzigartige topografische Karte, brauchbare Hinweise suchend. »Die Suche nach der ultimativen Karte …« scheint ins Leere zu laufen, »… die Herausforderung, alles zu vermessen …« unannehmbar. »Glauben an etwas, was nicht wirklich existierte …« fällt schwer, denn »… unser Sehvermögen ist begrenzt, und doch wollen wir alles sehen.«

Loten die klein gedruckten Sätze am Rand der Karte den Sinn oder Irrsinn der Karte aus? Der einzige Bewohner der geheimnisvollen Insel ist ein Seelenräuber, ein Schattenkind. Die drei Teenies dokumentieren, dass sie den richtigen Weg gewählt haben. Doch sitzen sie in einem löchrigen Boot mit unbekanntem Ziel.

Die 1A-Schulausgangsschrift verleiht der Geschichte etwas Naives, Gutgläubiges; die grellen Farben der Illustrationen verwirren, die bunten Bilder wirken befremdlich. Skurrile Lebewesen, die da Menschen ähnlich sehen, dort Wolken, ein andermal grauen Schatten. Der Schritt von Limbo zu Limbus ist kurz. Sollten die drei Jugendlichen tatsächlich in der Vorhölle gefangen sein?

Die dunklen Gedanken und Vorstellungen entrücken Robels Heftchen dem traditionellen Jugendbuch, die unheimliche Spannung beim Entdecken und Rezipieren behält jedoch die Oberhand. Liegt das kleine, feine Kunstwerk in der Nähe, übt es einen Zauber aus, der einen zwingt, es in die Hand zu nehmen. Und augenblicklich blüht die Phantasie …

»Wir sind empfindliche Geschöpfe, umgeben von einer Welt feindlicher Tatsachen.«

Nicolas Robel: Topo Limbo | Deutsch von Tobias Scheffel
Edition Büchergilde 2014 | 32 Seiten | amazon-info

Christopher Buckley: Hohes Gericht

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 11. August 2014

Christopher Buckley: Hohes GerichtAm Dienstagmorgen saß Senator Dexter Mitchell in seinem Büro auf dem Capitol Hill, als das Telefon läutete. Es war Graydon Clenndennynn, der anrief, der Obermandarin persönlich. Die beiden Männer kannten – und verabscheuten – einander. Graydon bezeichnete Mitchell (natürlich niemals öffentlich) als »mittelmäßigen Emporkömmling«. Dexter bezeichnete Graydon (in aller Öffentlichkeit) als »unerträglichen, überbezahlten Egomanen«. Beide Standpunkte entbehrten nicht einer gewissen Richtigkeit.

Ein Posten am Obersten Gerichtshof muss neu besetzt werden, nachdem Richter Brinnin offenbar den Verstand verloren hat. Senator Dexter Mitchell ist Vorsitzender des Ausschusses, der geeignete Nachfolger überprüft. Dexter ist selbst an dem Posten interessiert und lässt deshalb zwei hochqualifizierte Kandidaten aus fadenscheinigen Gründen durchfallen. Der eher simpel gestrickte Präsident der Vereinigten Staaten ist von der Verzögerung frustriert, als er zufällig die Gerichtsshow »Courtroom Six« sieht. Er ist hingerissen vom Charme und dem Sexappeal der Fernsehrichterin Pepper Cartwright und wild entschlossen, ihr eines der höchsten Richterämter des Landes zu verschaffen.

»Barbara Salesch übernimmt den Vorsitz beim Bundesverfassungsgericht« wäre wohl hierzulande das entsprechende Szenario. Buckley schildert den Obersten Gerichtshof als ein Sammelbecken für Paradiesvögel und Exzentriker, das von einem texanischen Cowgirl im Richteramt aufgemischt wird. Peppers Ehemann und Produzent ihrer Sendung fühlt sich nach ihrem Ausstieg betrogen und verklagt sie wegen Vertragsbruch. Er entwickelt einen Racheplan, in dem Dexter Mitchell eine Hauptrolle spielen soll.

Erwartungsgemäß entzieht sich das Geschehen sehr schnell der Kontrolle aller Beteiligten und der Autor treibt es lustvoll auf die Spitze. Sein lakonischer Stil passt wunderbar und bis in die Fußnoten hinein wimmelt es von gepfefferten Spitzen gegen das Showbiz, die Washingtoner Politszene und das amerikanische Rechtssystem. Man beneidet Pepper und ihre Kollegen nicht um die Fälle, die sie bearbeiten müssen: Ein Bankräuber, dessen Waffe versagt, als er sich den Weg freischießen will, und der nun die Herstellerfirma verklagt. Ein männlicher, amerikanischer Ladendieb, der unter einer Burka CDs und DVDs stiehlt und nach seiner Festnahme die Polizei und die Ladenkette wegen rassistischer und religiöser Diskriminierung auf 20 Millionen Dollar verklagt.

Christopher Buckley verfasste bereits die brillanten Satiren »Danke, dass Sie hier rauchen« und »Kleine grüne Männchen«. Auch in diesem Buch gelingen ihm wieder witzige und intelligente Dialoge in einer aberwitzigen Handlung, die allerdings (leider) nie unrealistisch wirkt.

Christopher Buckley: Hohes Gericht | Deutsch von Joachim Körber
KuK Verlag 2011 | 350 Seiten | amazon-info

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Robert B. Parker: Terror auf Stiles Island

Vorgestellt von Detlef Knut in Genreliteratur am 4. August 2014

terror_auf_stiles_islandDies ist der zweite Fall des alkoholabhängigen Polizeichefs von Paradise, der aus der Feder des bereits 2010 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Robert B. Parker (auch bekannt durch die Spenser-Krimis) stammt. Er schließt fast nahtlos an »Das dunkle Paradies« an.

Es ist ruhig im kleinen Städtchen Paradise. Seit einem Jahr ist Jesse Stone hier Polizeichef. Von seinen Leuten wird er geachtet. Die Lösung seines ersten Falles im vorigen Jahr hat ihm Respekt verschafft. Das heißt aber nicht, dass Detective »Suitcase« Simpson keine Späße mit seinem Boss macht, nachdem er weiß, dass Jesse nicht nur mit der Rechtsanwältin und mit seiner Ex, sondern auch noch mit einer Immobilienmaklerin techtelmechtelt.

Derbe Sprüche und Witze zu seinen Lasten quittiert Jesse mit stoischer Zurückhaltung und wartet nur auf die Gelegenheit für einen Gegenschlag. Die Ruhe im Örtchen scheint aber nur die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Noch ahnt Jesse nicht, dass sich James Macklin, ein frisch entlassener Berufsverbrecher in seinem beschaulichen Örtchen niedergelassen hat und an einem großen Raubzug bastelt.

Während Jesse damit beschäftigt ist, drei Jugendliche, die das Haus eines schwulen Pärchens angezündet haben, auf den rechten Weg zurückzuholen, sucht sich Macklin seine Crew zusammen und plant, sämtliche Einwohner der zu Paradise gehörenden Insel Stiles Island, auf der nur Villen stehen, mit einem Schlag auszurauben. Er selbst schreckt nicht vor Leichen zurück, aber auch der angeheuerte Crow, der von sich selbst behauptet, Apache zu sein, ist ein kaltblütiger Killer.

Die Jesse-Stone-Romane lesen sich erfrischend anders als herkömmliche Krimis. Als Hardboiled-Krimis mit dem »einsamen Wolf« als Kämpfer werden dem Leser prinzipiell beide Seiten offengelegt. Die Frage nach dem Täter stellt sich hier nicht, sondern lediglich, ob und wie er vom »Mann für Recht und Gesetz« geschnappt wird.

Damit wird die Sichtweise des Lesers ganz klar auf die einzelnen Figuren im Allgemeinen und dem Hauptprotagonisten im Besonderen gelegt. Der Leser kann also nicht miträtseln, sondern wird immer mitfiebern. Und dies macht mindestens genauso viel Spaß, lernt er doch Figuren viel besser kennen, kann sich mit ihnen arrangieren, sie lieben oder verabscheuen.

Im Falle von Jesse Stone ist für mich persönlich das Bild sehr prägnant vorgegeben, denn dessen Bücher wurden mit Tom Selleck (bekannt als Magnum P. I.) verfilmt und zum Teil von ihm produziert. Obwohl die Romane vor den Filmen entstanden, scheint ihm die Rolle des Jesse Stone wie auf den Leib geschrieben. Dieser Polizist steckt voller Probleme und seine Entwicklung ist Stoff, aus dem gute Romane entstehen.

Als Leser stellen sich über alle Romane hinweg die Fragen, ob er sein Alkoholproblem und sein Beziehungsproblem mit seiner Ex-Frau Jenn in den Griff bekommt. Der Spannungsbogen für den einzelnen Roman, wie auch dem vorliegenden, ergibt sich aus der Jagd nach den Tätern. Diesen Roman zu empfehlen, bereitet keine Schwierigkeiten.

Robert B. Parker: Terror auf Stiles Island | Deutsch von Bernd Gockel
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