Daniel Suarez: Control

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 26. Januar 2015

Daniel Suarez: ControlDer Physiker Jon Grady hat ein Verfahren entwickelt, um die Schwerkraft aufzuheben, und macht sich bereits Hoffnung auf den Nobelpreis. Doch im Augenblick seines größten Triumpfs stürmen Terroristen sein Labor und ermorden alle Anwesenden. Die Medien melden Gradys Tod.

Kurz darauf erwacht der Wissenschaftler in einer futuristischen Gefängniszelle. Eine geheime Regierungsorganisation verhindert seit Jahren die Veröffentlichung von wegweisenden Erfindungen, die die Welt verändern könnten. Angeblich zum Wohle der Menschheit, die für solches Wissen noch nicht bereit sei. Das hält die Organisation natürlich nicht davon ab, die Erfindungen für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Den entführten Wissenschaftlern bleibt nur die Wahl, entweder mit der Organisation zu kooperieren oder ihr Leben in ewiger Gefangenschaft zu verbringen.

Dies ist die Ausgangslage für einen spannenden Kampf zwischen Grady und der Organisation, die seinen Widerstand mit hochtechnisierten und auch recht primitiven Mitteln zu brechen versucht. Aber Grady beweist einen langen Atem.

Was folgt, hat wenig mit dem üblichen Thrillergeschehen zu tun. Die Erfindungen, die Suarez beschreibt, klingen wie erfunden. Allzu phantastisch erscheinen die Möglichkeiten, über die die Organisation verfügen soll. Aber so einfach macht es sich der Autor nicht. Alles, was in dem Buch geschildert wird, ist zumindest theoretisch möglich oder befindet sich bereits in der Entwicklung.

Suarez schreibt großartige Techno-Thriller und diesmal mit besonders großem Science-Fiction-Anteil, durch den die Hauptfiguren am Ende wie Superhelden wirken. Das letzte Drittel des Buches finde ich deshalb (oder trotzdem) nicht mehr so gelungen. Zuerst liest es sich wie eine spannende Mischung aus einem modernen Jules Verne und »Der Graf von Monte Christo«, danach wie ein eher mittelmäßiges Marvel-Drehbuch.

»Control« ist nicht mehr so überraschend und komplex wie Suarez’ Erstling »Daemon«, aber immer noch ein empfehlenswerter Thriller.

Daniel Suarez: Control | Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
rororo 2014 (2. Auflage) | 496 Seiten | amazon-info

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Lemmy Kilmister, Janiss Garza: White Line Fever

Vorgestellt von Holger Reichard in Musikbücher am 19. Januar 2015

lemmyNachdem ich also den Sex für mich entdeckt hatte, war es Zeit für Rock’n’Roll.

Ich bin nicht wirklich ein Fan von Metal oder harter Rockmusik, aber es gibt Ausnahmen. Zu ihnen gehört die Band Motörhead. Als ich sie zum ersten Mal hörte, drückte ich noch die Schulbank. Das war vor über 30 Jahren. Ich erinnere mich noch dunkel an einen wilden Fernsehauftritt der Band im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Berlin, Anfang der 80er Jahre, als Lemmy Kilmister, Gründer und Kopf von Motörhead, am Ende seine Gitarre zertrümmerte und auch Schlagzeuger Phil »Philthy Animal« Taylor sein Instrument mit Händen und Füßen zerlegte.

Seither haben es Motörhead immer wieder geschafft, sich in meinen Blickwinkel zu schieben. Zuletzt faszinierte mich die Aufnahme eines Konzerts 2006 in Santiago de Chile. Lemmy stand wie eine Eiche vor seinem Mikrofon: »Das Lied, das wir jetzt spielen, habe ich geschrieben, da ward Ihr alle noch nicht geboren«, brummte er dem jungen Publikum entgegen.

Tatsächlich ist Lemmy schon eine Ewigkeit im Musikbusiness unterwegs. Die Entstehung des Rock’n’Roll hat er von Anfang an und zum Teil sehr direkt miterlebt. Schon mit 16 Jahren hatte er das Elternhaus verlassen, um in verschiedenen Bands sein Glück zu suchen. Er arbeitete als Roadie für Jimi Hendrix und war mehrere Jahre lang Bassist der Spacerock-Band Hawkwind.

1975 wurde Lemmy an der kanadischen Grenze wegen illegalen Drogenbesitzes festgenommen. Es bedeutete das Ende bei Hawkwind. Die Band warf ihn raus. Den Titel des letzten Songs, den er für Hawkwind schrieb, nahm er mit: Motörhead. So nannte er nun seine eigene Band. Es gibt sie bis heute, in unterschiedlicher Besetzung zwar, doch der Mann hinter dem zu hoch eingestellten Mikrofon war immer derselbe.

Die ganze Geschichte vor und mit Motörhead lässt sich ausführlich nachlesen in Lemmys 2006 veröffentlichter Autobiographie »White Line Fever«. Das Buch bietet, wie nicht anders zu erwarten, jede Menge Sex, Drugs & Rock’n’Roll, aber eben auch 40 Jahre Musikgeschichte.

Lemmy hat einiges zu erzählen, und es sind viele hochkarätige Namen, die durch seine Anekdoten huschen: John Lennon, Ozzy Osbourne, Alice Cooper, Eric Clapton, Bill Laswell, Nina Hagen usw. usf., aber auch Namen, mit denen man in einer Autobiographie von Herrn Kilmister nicht unbedingt rechnet, wie z. B. Michael Palin von den Monty Pythons, Stevie Wonder oder Samantha Fox.

Es hätte dem Buch sicher gut getan, wären der Autor und seine Co-Autorin Janiss Garza auf die eine oder andere Begegnung etwas ausführlicher eingegangen. Aber Lemmy ist nun mal ein Speedfreak, ein Motorhead, und hakt in seinem ereignisreichen Leben alles zügig ab. Konzerte, Bettgeschichten, Todesfälle und die ständigen Streitereien mit den Plattenfirmen. Selbstverständlich in dem rauen Ton, den man von ihm gewohnt ist.

Er ist ein harter Hund, hat rustikale Ansichten und frönt mit dem Sammeln von Weltkriegsdevotionalien einem Hobby, mit dem sich jeder andere ins Aus schießen würde. Aber bei Lemmy ist das okay, weil man sowohl bei Interviews mit ihm als auch beim Lesen seiner Autobiographie immer das Gefühl hat, dass er sein Herz an der richtigen Stelle trägt. Bela B. von den Ärzten hat es in seinem kurzen Vorwort zu »White Line Fever« folgendermaßen formuliert:

Lemmy darf mit Drogen und Frauengeschichten kokettieren, und trotzdem gilt er als jemand, dessen Weisheiten uns etwas bedeuten. Das hat er gemein mit Johnny Cash, Elvis, auch Frank Sinatra und noch einer Handvoll der ganz, ganz Großen.

Lemmy Kilmister, Janiss Garza: White Line Fever | Deutsch von Klaas Ilse
Heyne 2006 (6. Auflage) | 336 Seiten | amazon-info

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Heinricht von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…/Der Findling

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 12. Januar 2015

Heinricht von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…./Der FindlingAnlässlich ihres neunzigjährigen Bestehens brachte die Büchergilde Gutenberg im Herbst drei Novellen von Heinrich von Kleist in einem Band heraus, illustriert von drei Künstlern dreier Generationen. Mit einem der schönsten und aussagekräftigsten Gildenbücher dieses Jahres hat sich die Buch-Genossenschaft einmal mehr selbst übertroffen.

Dank Buchgestalterin Cosima Schneider vermittelt das bibliophile Kleinod dem Leser eine moderne Sicht auf Kleists Erzählungen (geprägter Leineneinband, drei Buchschleifen als Schutzumschlag). Das fördert den Zugang zum höchst anspruchsvollen Text, der fest in seiner Zeit verankert ist. Kleist, der einer Adelsfamilie entstammte, lebte zeitlebens in instabilen Verhältnissen. Zerrieben an den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen um die Jahrhundertwende 1800 entwickelte er seine Ideen und literarischen Experimente. Ein Nomade, ein Getriebener, der seine Protagonisten in der Realität handeln und scheitern lässt, leidenschaftlich, konsequent und ehrlich.

Zunächst begegnet der Leser dem einst angesehenen Rosshändler Michael Kohlhaas, dessen Geschichte auf die des Brandenburgischen Pferdehändlers Hans Kohlhase zurückgeht. Kohlhase opfert im frühen 16. Jahrhundert seine Familie, neben seiner gesellschaftlichen Stellung auch sonstiges Hab und Gut und verletzt sogar die Rechtsnormen. Nur, um in einem geringfügigen Streitfall Recht zu erhalten, bei dem ihm selbst klares Unrecht zugefügt wurde.

Kohlhaas, nach der Devise handelnd »Fiat iustitia, et pereat mundus« (»Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!«) gerät zwischen Spannungsfelder, in denen auch der Rezipient nach Orientierung sucht: Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Unterdrückung, Moral, Verbrechen und Selbstjustiz, Machtmissbrauch in Ämtern. Das unnachgiebige Verlangen von Michael Kohlhaas nach Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung.

Nachdem der legale Versuch misslingt und Kohlhaas dabei seine Frau verliert, greift er zum Äußersten und übt Selbstjustiz. Ausufernde Maßlosigkeit bestimmt seinen persönlichen Racheakt gegen den Junker von Tronka und gipfelt im blutigen Feldzug gegen alles und jeden. Nicht nur Kohlhaas, der Wüterich nagt am Leser-Gewissen, Johannes Grützkes einfache Striche sorgen zusätzlich für Beklemmungen, auch wenn sie ohne den Text stehen könnten.

Das ungute Gefühl begleitet den Leser ebenso während der nächsten Novelle, beschreibt doch die »Marquise von O…« am Beispiel des Grafen F…, wie der Krieg einen Menschen verändern kann. Italien zur Zeit des Zweiten Koalitionskrieges zwischen 1799 und 1802: Die verwitwete Marquise von O… ist schwanger, ohne dass sie sich wissentlich mit einem Mann einließ. Über eine Zeitungsanzeige sucht sie nach dem unbekannten Vater.

Als der ihr vertraute Graf F… sich zur Vaterschaft bekennt, heiratet sie ihn. Seine Gewalttat verzeiht sie ihm jedoch erst viel später. Anke Feuchtenbergers Illustrationen überlagern bewusst die Zeiten in ihren Zeichnungen und holen die Darstellungen des Kriegsgräuels in das 20. Jahrhundert. Düster und vom Schwarz dominiert wirken sie besonders plastisch. Die zeitlose Ohnmacht der Frau rückt in den Mittelpunkt und ist noch am glücklichen Ende allgegenwärtig.

»Der Findling« handelt von dem wohlhabenden Immobilienhändler Antonio Piachi, der mit seinem elfjährigen Sohn Paolo auf Geschäftsreise nach Ragusa fährt. Seine deutlich jüngere zweite Frau Elvire bleibt zu Hause in Rom. Verfrüht kehrt Piachi mit einem Knaben namens Nicolo aus der pestinfizierten Stadt zurück. Sein eigener Sohn erlag der Krankheit. Er adoptiert Nicolo und zieht ihn groß. Im Verlauf des Geschehens zeigt Nicolo sein wahres Gesicht; angefangen von seinen zahlreichen Affären bis hin zum Versuch, seine Adoptivmutter Elvire zu vergewaltigen. Nachdem Elvire gestorben ist, rastet der einst ruhige und besonnene Piachi aus.

Unruhe herrscht in Martin Grobeckers Bildern vor, nichts Gutes verheißend. Die zum Teil wild angeordneten Schraffuren scheinen sich zu vermehren, die zahlreichen kleinen Striche dringen wie Nadeln unter die Leser-Haut.

Nachhaltig prägen sich dem Leser die Protagonisten aller drei Novellen ein und mit ihnen die wirkungsvollen Bilder. Das ist einzigartig!

Heinricht von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…./Der Findling | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 300 Seiten | amazon-info

Mrs. Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder?

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 5. Januar 2015

darling_fesselst_du_schon_malWaren heute Abend im Kino. Konnten zwischen einem Woody Allen und »Avatar« wählen, aber ich kann diese blöden Brillen nicht ab, also sind wir in »Avatar« gegangen.

Was wir bisher über Stephen Fry zu wissen glaubten: Er ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Hörbuchsprecher, Schauspieler, Regisseur, Journalist, Dichter, Komiker, Fernsehmoderator. Darüber hinaus bekennender Homosexueller, anerkanntes Universalgenie und eine britische Institution.

Da das Wetter heute so herrlich war, haben wir am Nachmittag gegrillt. Wie immer hat sich Stephen um alles gekümmert – das Anheizen, das Grillen, die Anrufe bei der Feuerwehr, die Notunterkünfte …

Jetzt bricht seine heimliche Ehefrau durch die Veröffentlichung ihres Tagebuches ihr Schweigen: Stephen Fry ist in Wahrheit Ehemann und mehrfacher Vater, mit einer ausgeprägten Vorliebe für leichte Mädchen. Er arbeitet als Taxifahrer und Fensterputzer, frönt dem Alkohol und einer obsessiven Leidenschaft für Karaoke.

Wir haben den Kindern gesagt, dass im Schrank heute ein gemeingefährlicher Clown haust. Es war kein Aprilscherz, wir fanden einfach, sie sollten es wissen.

Als großer Fan seiner Romane bedauere ich natürlich sehr, dass er so lange keinen mehr veröffentlicht hat. Stattdessen erschien soeben in England der dritte Teil seiner Autobiografie, davor veröffentlichte er ein Sachbuch über Lyrik und eben dieses fiktive Tagebuch seiner ebenso fiktiven Ehefrau.

Wir hoffen inständig, dass das Baby heute laufen lernt. Wenn nicht, müssen wir nämlich zum Supermarkt zurückfahren und es abholen.

Der Scherz mit der Identität wird konsequent beibehalten: Nicht nur heißt die Autorin Mrs. Stephen Fry und das Buch ist ihrem Mann Stephen gewidmet, als Übersetzerin liefert Ulrike Blumenbach ihr Debüt ab.

Stephen ist zu seiner CD »Klänge des Regenwalds« eingeschlafen. Er fand das Rauschen der Kettensägen schon immer beruhigend.

Manche Kalauer sind recht flach und auf Dauer ermüdet das Buch den Leser irgendwann, aber in kleinen Häppchen genossen, macht es einfach unglaublichen Spaß:

Ach du liebe Zeit, Stephen hat seinen kleinen Johannes gestern wieder mit Sekundenkleber eingeschmiert. Ich würde es ja zu gerne herumerzählen, aber meine Lippen sind versiegelt.

Mrs. Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder?
Das heimliche Tagebuch der Edna Fry
| Deutsch von Ulrike Blumenbach
Aufbau Verlag 2012 | 248 Seiten | amazon-info

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Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy

Vorgestellt von Sabine Anders in Sachbuch am 22. Dezember 2014

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, SpyHis style is of a man on a sandbank, laughing at the tide. Maybe we are all Venetians now.

2015 ist ein Jubiläumsjahr für den Venezianer Giacomo Casanova (geboren 1725). Obwohl sich in der Casanova-Forschung in den letzten Jahrzehnten eine Menge getan hat, ist er vielen nur als Stereotyp bekannt: Immer noch wissen die meisten nicht mehr über ihn, als dass er haufenweise Frauen verführt hat – allenfalls noch, dass er aus einem ausbruchssicheren Gefängnis in Venedig entkommen ist. Umso seltsamer, dass seit Ian Kellys Casanova-Biografie aus dem Jahr 2009 kein nennenswertes Buch über sein Leben erschienen ist und auch für 2015 keines in Sicht ist. Dabei wurde Kellys Biografie nie ins Deutsche übersetzt.

Casanova ist in Erinnerung geblieben, weil er als alter Mann (er wurde 64 Jahre alt) seine Memoiren unter dem Titel »Die Geschichte meines Lebens« niedergeschrieben hat. Dieser Text zählt zu den Werken der Weltliteratur und wurde 2010 für mehr als 7 Millionen Euro als bisher teuerstes literarisches Manuskript überhaupt vom Brockhaus Verlag an den französischen Staat verkauft.

Das Besondere an den Memoiren sind nicht die Liebesabenteuer, die Casanova festgehalten hat: Er selbst wäre wahrscheinlich überrascht, heute vor allem als Frauenheld bekannt zu sein. Da er sich in allen sozialen Schichten bewegte – er traf Päpste und Prostituierte, Wissenschaftler und Waschfrauen, Herrscher und Hochstapler – bieten seine Erinnerungen einen extrem vielfältigen Blick auf das Leben im Europa des 18. Jahrhunderts. Dazu ist Casanova nicht nur offen für alles und an allem interessiert, er berichtet auch sehr schonungslos, offen und nüchtern.

Casanova wurde als Sohn eines Schauspielerehepaars geboren. Seine Mutter widmete sich ihrer Karriere und überließ seine Erziehung der Großmutter, die versuchte, einen Priester aus ihm zu machen. Casanova versuchte sich unter anderem im Militär und als Theatergeiger, bevor er das Glück hatte, der Günstling eines reichen Patriziers in Venedig zu werden. Von da an spezialisierte er sich darauf, Gönner in höheren Kreisen zu finden, um den Lebensstil zu finanzieren, von dem er fand, dass er ihm zustand.

Obwohl er damit recht erfolgreich ist – unter anderem nehmen sich Katharina die Große, Friedrich der Große und Voltaire Zeit für ihn –, leidet er Zeit seines Lebens unter seiner nicht-adeligen Herkunft. Im Gefängnis landete er wahrscheinlich auch wegen seiner Art, sich unverfroren über Standesgrenzen hinwegzusetzen, und nicht wegen seines frivolen Lebenswandels, der keineswegs ungewöhnlich für die Zeit war, noch wegen seiner Ansichten über Religion oder seiner alchemistischen Experimente.

Seine Memoiren wurden im Laufe ihrer Editionsgeschichte immer nur in sehr verfälschenden und verkürzten Ausgaben und Übersetzungen veröffentlicht. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Originalmanuskript zugänglich. Kellys Biografie berücksichtigt nicht nur diesen Originaltext, sondern auch eine Vielzahl von anderem, zuvor nicht zugänglichem Archivmaterial über Casanova. Der Biograf zeichnet seinen Lebensweg unterhaltsam und mit faszinierenden Hintergrundinformationen über die Geschichte und Politik des 18. Jahrhunderts nach – vom Reisen über Essen bis hin zum Rechtssystem (Casanova war in vier verschiedenen Gefängnissen).

Natürlich sind Casanovas Memoiren selbst auch lesenswert, aber sie umfassen rund 4.000 Seiten. Wer nicht so viel Zeit übrig hat, sich aber trotzdem für Casanova oder das 18. Jahrhundert interessiert, findet beides in verdichteter Form in Kellys Biografie. Da Kelly selbst Schauspieler ist (seine berühmteste Rolle ist wohl die von Hermiones Vater in »Harry Potter«), wirft er eine besonders interessante Perspektive darauf, wie nachhaltig die Welt des Theaters Casanovas Wesen geprägt hat: Auf seinen unglaublich vielen Reisen durch ganz Europa suchte er, sobald er in einer fremden Stadt ankam, als Erstes meist die Schauspielergemeinde auf – oft bestehend aus italienischen Emigranten wie er selbst.

Kellys Schreibstil macht seine Biografie selbst zu einem literarischen Werk und bringt die Persönlichkeit Casanovas, wie sie in den Memoiren durchscheint, sehr gut herüber, ohne die Objektivität zu verlieren: Heute, schreibt Kelly, würde man Casanova natürlich als Verbrecher einordnen.

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy | Englisch
Tarcher 2008 | 416 Seiten | amazon-info

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John Niven: Straight White Male

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 15. Dezember 2014

John Niven: Straight White Male»Nun, lassen Sie es mich anders formulieren«, sagte Brendle und klickte mit dem Kugelschreiber. »Warum befleißigen Sie sich als ein intelligenter Mann, der Sie doch sind und dessen Job unzweifelhaft einen Gutteil Selbstanalyse erfordert, beständig eines Benehmens, von dem Sie genau wissen, dass es Ihr Umfeld verletzt?«

Kennedy gab vor, eine Weile darüber nachzudenken, während er an seiner Antwort feilte. Was er sagen wollte, war: »Warum schieben Sie sich Ihre Frage nicht in Ihren fetten Hintern?«

Kennedy Marr ist Ire, Autor, Alkoholiker und Zyniker. Er hat einige Bücher veröffentlicht, aber inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor in L. A., weil dies weniger Zeit kostet und mehr Geld bringt. Doch durch seinen exzessiven Lebenswandel droht ihm ständig die Pleite. Geldmangel ist für Kennedy natürlich kein Grund, mehr zu arbeiten, weniger zu trinken oder potenzielle Arbeitgeber freundlicher zu behandeln.

Dann wird er für einen hoch dotierten Literaturpreis vorgeschlagen, doch dafür muss er nach England ziehen und sich gewaltig am Riemen reißen. Ein Jahr soll er an einer Universität unterrichten, an der auch seine Ex-Frau lehrt, wofür ihm jede Motivation fehlt. Außerdem wäre er in der Nähe seiner übrigen Familie, mit der er vor Jahren gebrochen hat.

Die Handlung könnte direkt der dritten Staffel von »Californication« entnommen sein. Es ist die ansprechende Variation eines Themas (cooler Außenseiter in konservativer Umgebung), das nie langweilig wird, zumindest wenn es so schnoddrig und respektlos vorgetragen wird.

Nach dem eher oberflächlichen Thriller »Das Gebot der Rache« und der gelungenen Satire »Gott bewahre« hat sich Niven auf seine Anfänge besonnen und schickt ein großmäuliges, aber irgendwie sympathisches Arschloch ins Rennen. Dankenswerterweise befindet sich hinter der harten, vulgären Schale von Kennedy ein ebensolcher Kern, so dass man keine tränenreiche Läuterung im Hollywoodstil fürchten muss. Verglichen mit »Kill your friends« und »Coma« muss man allerdings feststellen, dass Niven selbst etwas milder und versöhnlicher geworden ist. Natürlich nur gemessen an seinen eigenen Maßstäben.

Mit anderen Worten: Sprache und Handlung von »Straight White Male« werden viele Leser abstoßen und verstören.

John Niven: Straight White Male | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne 2014 | 384 Seiten | amazon-info

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T.C. Boyle: Drop City

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 8. Dezember 2014

T.C. Boyle: Drop City»No rules,« he shouted, »no zoning laws, no taxes, no county dicks and ordinances. You want to build, you build. You want to take down some trees and put up a cabin by the most righteous far-out turned-on little lake in the world, you go right ahead and do it and you don’t have to go groveling for anybody’s permission because there’s no-fucking-body there – do you hear me people? Nobody. You can live like Daniel Boone, live like the original hippies, like our great-grandfathers and great-grandmothers – off the land, man, doing your own thing, no apologies.«

Hippie Norm Sender stellt Ende der 1960er-Jahre in Kalifornien 47 Hektar Land zur Verfügung, damit Hippies und andere Aussteiger dort ein »naturnahes« Leben frei von den Zwängen der Konsumgesellschaft leben können. Jeder, der sich dort niederlassen will, ist willkommen – so das Motto. Dieses Angebot nehmen auch zahlreiche Menschen an: Manche davon wohnen dauerhaft in »Drop City«, manche schauen nur touristenartig am Wochenende vorbei, fast alle nehmen Drogen, um ihr Bewusstsein zu erweitern, und viele sind Anhänger der freien Liebe – so auch Ronnie, genannt Pan, der mit seiner Schulfreundin Paulette, genannt Star, nach einem Road Trip quer durchs Land in Drop City landet. Schnell stellt er jedoch fest, dass das Leben in solchen Kommunen nur solange halbwegs funktioniert, solange es dort Frauen gibt, die bereit sind, freiwillig das Kochen, Abspülen und Putzen zu übernehmen. Schließlich soll ja niemand zum Arbeiten gezwungen werden.

Doch Drop City hat noch ein anderes Problem, nämlich fehlende sanitäre Einrichtungen, weshalb bald das gesamte Gelände als Open-Air-Toilette fungiert. Als Guru Norm dann auch noch unter LSD-Einfluss einen Autounfall verursacht, die Vergewaltigung einer Minderjährigen im Raum steht und ein Kind beinahe ertrinkt, nachdem seine Mutter ihm Orangensaft mit ein bisschen LSD zum Frühstück gegeben hat, nehmen die Behörden das als willkommenen Anlass, Drop City räumen zu lassen. Norm, immer optimistisch, schlägt vor, Drop City auf einem anderen Stück Land neu zu errichten, das er von seinem Onkel Roy geerbt hat: in Alaska, wo es laut Norm viel weniger Regeln und Gesetze gibt und jeder wirklich tun und lassen könnte, was er will.

In einem ausrangierten Schulbus machen sich die Hippies, die Norm folgen wollen, auf den Weg nach Alaska. Unter ihnen sind auch Ronnie, Star und Stars neuer Freund Marco, einer der wenigen Drop City-Bewohner, der Arbeiten als etwas Sinnvolles und Erfüllendes ansieht – zum Glück, denn in Alaska stellen die Hippies schnell fest, dass ihr Überleben in Gefahr ist, wenn sie sich den ganzen Tag nur darauf konzentrieren, Spaß zu haben und sich keinen Zwang anzutun, wenn es keine Regeln für das Zusammenleben gibt, an die sich alle halten, und wenn keiner arbeiten will. Den Rest des Sommers in Alaska überstehen die meisten noch ganz gut, doch im Winter, als die Polarnacht für ständige Dunkelheit sorgt, trennt sich die Spreu vom Weizen.

Während Norm und einige andere zurück nach Kalifornien fliehen, bleiben Star und Marco in Alaska und bauen sich ein neues Leben auf. Sie freunden sich mit einem einheimischen Ehepaar an, Sess und Pamela, das den Traum von einem Leben als Selbstversorger in einem selbstgebauten Blockhaus schon verwirklicht hat – so gut es eben geht. Ganz ohne den Supermarkt im nächsten Ort kommen auch diese beiden Buschexperten nicht aus.

Boyle nimmt in diesem Roman die Ideale der Hippies und verschiedene andere Träume vom Aussteigen aus der Gesellschaft gnadenlos und in seiner typischen witzig-ironischen Art auseinander, mit mehr und weniger sympathischen, aber immer sehr lebensechten Figuren.

T.C. Boyle: Drop City | Englisch
Bloomsbury 2004 | 464 Seiten | amazon-info

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Nick Harkaway: Der goldene Schwarm

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 1. Dezember 2014

Nick Harkaway: Der goldene SchwarmDa morgens um Viertel nach sieben die Temperatur in seinem Schlafzimmer noch unter Weltraumniveau liegt, hat Joshua Joseph Spork einen langen Ledermantel und ein Paar der Golfsocken seines Vaters angezogen. Eigentlich ist Papa Spork gar kein wahrer Golfer gewesen. Wahre Golfer besorgen sich ihre Socken nicht, indem sie einen Lastwagen auf dem Weg nach St Andrews überfallen. So was gehört sich einfach nicht. Golf huldigt der Geduld. Socken kommen und Socken gehen, und der weise Golfer wartet ab, bis er das Paar entdeckt, das ihm zusagt, und kauft es dann ohne viel Getue. Stattdessen einem vierschrötigen Lastwagenfahrer aus Glasgow eine Maschinenpistole ins Gesicht zu halten und ihm zu sagen, er solle sein Führerhaus verlassen oder in ihm das Zeitliche segnen … nun ja. Ein Mann, der sich so verhält, wird nie ein Handicap unter zehn zustande bringen.

Joe Spork verbringt ein ruhiges Dasein als Uhrmacher in London. Sein Vater war eine Gangsterlegende, aber Joe hat mit seiner Familiengeschichte abgeschlossen. Aus Versehen aktiviert er eine Weltuntergangsmaschine und muss nun alles versuchen, diese wieder außer Kraft zu setzen. Dabei kreuzt er den Weg der neunzigjährigen Ex-Geheimagentin Edie Banister, die seit Jahrzehnten gegen den diabolischen asiatischen Diktator Shem Shem Tsien kämpft. Sie verbünden sich, um die drohende Gefahr abzuwenden. Dazu muss Joe die kriminellen Kontakte seines Vaters wieder aufleben lassen. Zusammen mit der Londoner Unterwelt nimmt er den Kampf gegen mysteriöse Regierungsbeamte, mechanische Bienen und den asiatischen Diktator auf.

Neun Jahre später stand Edie am Rande eines Abgrunds und starrte in die Tiefe. Sie hatte rund um die Erde gegen Shem Shem Tsien gekämpft, und nie hatte sich etwas verändert oder war besser geworden. Er verübte irgendeine Schandtat, sie räumte hinter ihm auf; in Rom, in Kiew, in Havanna. Sie kämpften auf Schiffen und in Höhlen, auf Häuserdächern und in dunklen Gassen. Manchmal hatte der eine oder der andere eine Armee im Rücken, manchmal waren sie allein. Es hörte und hörte nicht auf.

Der Roman ist anfangs etwas schleppend und verlangt Geduld, aber sobald er in Fahrt kommt, saust er wie eine Lawine zu Tale. Und zwar genauso unberechenbar und ausufernd. Man weiß schon früh, dass der Autor die vielen Handlungsbälle, die er in die Luft wirft, nie alle wieder auffangen wird, aber es ist einem völlig gleichgültig. Und das ist das Schöne an diesem Buch, es ist zu keinem Zeitpunkt berechen- oder beherrschbar. Die Handlung bricht in jede Richtung aus und manche gedankliche Ausschweifung verliert sich in unendlichen Weiten.

So geschieht die Wandlung Joes vom sympathischen Loser zum unbezwingbaren Unterweltkämpfer mit MacGyver-Attitüde völlig abrupt, fällt in dieser abgedrehten Handlung aber nicht negativ ins Gewicht. Wer zuvor die Weltuntergangsmaschine und eine neunzigjährige Geheimagentin geschluckt hat, ist als Leser zu weitaus mehr bereit. Manche mögen das offensichtliche Mängel nennen, ich nenne es ungebremste Fabulierlust.

»Der goldene Schwarm« hat mich genauso begeistert, wie der Vorgänger »Die gelöschte Welt«. Beide sind nicht einfach zu lesen, manchmal verworren, aber immer lohnend. Harkaways Debüt war in erster Linie Science Fiction, diesmal hingegen erwartet den Leser eine Mischung aus Gangsterkomödie, Abenteuerroman und Mystery-Krimi. Ein gutgelauntes Sammelsurium an Themen, Abschweifungen und skurrile Details in verschwenderischer Fülle. »Der goldene Schwarm« gehört eindeutig zu jenen Romanen, die man mehrmals mit Gewinn lesen kann. Für mich eines der besten Bücher dieses Jahres.

Nick Harkaway: Der goldene Schwarm | Deutsch von André Mumot
Albrecht Knaus Verlag 2014 | 608 Seiten | amazon-info

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Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 24. November 2014

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte»Die Weltereignisse im Jahre 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte – ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland, – zerrissen mich wiederholt vielfältig, ohne mich von meiner Bahn abzulenken. Ich schrieb in diesem Sommer, um mich zu zerstreuen und die Kinder eines Freundes zu ergötzen, das Märchen Peter Schlemihl, das in Deutschland günstig aufgenommen und in England volkstümlich geworden ist.« (Adelbert von Chamisso)

Zugegeben, Chamissos Märchen »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« in der Ausgabe des Kunstanstifter-Verlages ist schon einige Jahre zu haben. Dennoch üben die Illustrationen von Franziska Walther und die Einheit von Buchgestaltung, Typografie und Text immer noch einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Der sprichwörtliche »Pechvogel«, Unglücksrabe und Narr; der »Schlamassel«, wie man in der ostjüdischen Kultur sagt, hatte es im 19. Jahrhundert auch anderen Autoren angetan. E.T.A. Hoffmann veranschaulicht das Schicksal des Protagonisten in seiner »Geschichte vom verlorenen Spiegelbild«, Jacques Offenbach verewigt Schlemihl als Nebenbuhler in seinen berühmten Hoffmanns Erzählungen. Drei Jahrzehnte später wagen sich Friedrich Christoph Förster und Ludwig Bechstein an zwei Fortsetzungen und Hans Christian Andersen schreibt sein Märchen »Der Schatten«.

Mit einem Empfehlungsschreiben für eine neue Anstellung sucht Peter Schlemihl nach einer anstrengenden Seefahrt den reichen Kaufmann Thomas John auf. Im dortigen Garten fällt ihm ein merkwürdiger grauer Herr auf, der vom türkischen Teppich bis hin zum Feierzelt alles aus seiner Tasche zaubern kann. Ein paar Tage später begegnet Schlemihl ihm wieder und verkauft dem Unbekannten seinen Schatten gegen ein Säckel voller Gold, das nie versiegt.

Von nun an meiden ihn die Menschen. Bemerken sie seine Schattenlosigkeit, halten sie sich aus Angst vor ihm fern oder verspotten ihn. In einem fernen Badeort richtet sich Peter Schlemihl mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel so ein, dass seine Schattenlosigkeit anfangs nicht auffällt. Doch die Liebe zu der schönen Mina und der Verrat durch seinen hinterhältigen zweiten Diener Rascal lassen den Helden der Geschichte in große Not geraten.

Chamisso verwendet für sein fein gesponnenes Märchen die im 19. Jahrhundert populäre Briefform und verarbeitet darin eine selbst erlebte Begebenheit. Freilich ist die Geschichte sprachlich ganz in ihrer Zeit gefangen, dennoch liest sie sich eingängig. Die drei Elemente aus dem Märchen (Glückssäckel, Siebenmeilenstiefel, Teufelspakt) wecken die unerfüllten Wünsche des Lesers.

Schlemihls Ringen mit dem Teufel kratzt an den eigenen Wertevorstellungen. Warum ist der Verlust des Schattens so schlimm? Achten nur redliche Menschen auf ihn? Müssen Reiche immer einen solchen haben? Verlieren nur einfache Leute ihren Schatten während einer schweren Krankheit? Ist in ihm gar die menschliche Seele manifestiert? Ist Schattenlosigkeit ein Makel, der den Ausschluss aus der Gesellschaft zur Folge hat? Welche Symbolik dem Schatten zukommt, bleibt allein des Lesers Phantasie vorbehalten.

Genügend angeregt wird diese durch die wunderschönen Illustrationen von Franziska Walther, deren zum Teil doppelseitige Bilder eine ganz eigene Aussagekraft entwickeln. Lediglich drei Farben benötigt sie dafür: Dunkelgrün, Blau und Gelb. Ihre Schatten auf dem Umschlag und dem Hardcover wirken präsent, wichtig, überdimensional. Der Teufel als übler Bursche zaubert neben den erwähnten Dingen im Märchen noch Brillantring, I-Pod und Kreditkarte dazu, die Siebenmeilenstiefel messen sich mit einem Flugzeug und Schlemihls Fluchtwagen gleicht einer amerikanischen Luxus-Limousine. Wohl dosierte Farbspritzer sorgen für die Lebendigkeit der Bilder.

Peter Schlemihl ist im Heute angekommen. Mögen noch viele Leser dieses schönen Buches auf ihn aufmerksam werden, wenn er uns als ethnische Minderheit, als politisch oder religiös Verfolgter, als Gestrauchelter, Drogensüchtiger oder Obdachloser begegnet.

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte | Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2011 | 128 Seiten | amazon-info

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin

Vorgestellt von Sabine Anders in Kurzgeschichten am 17. November 2014

Elizabeth Ellen: Die letzte AmerikanerinIch hatte schlimme Dinge getan, aber nichts, was durch die Amputation eines Armes nicht überschattet worden wäre. Er war kein unvernünftiger Mensch. Es war nur wahrscheinlich, dass er genau wie ich auf so etwas wartete.

Elizabeth Ellen hat ihre Kurzgeschichten in den USA in renommierten Literaturmagazinen veröffentlicht und ist selbst Mitherausgeberin eines Literaturmagazins.

Der Band »Die letzte Amerikanerin« bietet laut Klappentext eine Auswahl ihrer besten Geschichten. Ellen scheint bei ihren Lesern recht extreme Reaktionen hervorzurufen: Einige hassen ihre Geschichten und lesen nie wieder eine, andere lesen sie schon seit Jahrzehnten und finden sie toll, hauptsächlich wohl wegen ihres künstlerischen Werts.

Inhaltlich geht es in allen Geschichten in diesem Band um selbstzerstörerische, gescheiterte Frauenfiguren, die sich am Rande der Normalität bewegen – oder auch schon jenseits davon. Mit schuld daran sind in einigen Geschichten erwartungsgemäß die männlichen Figuren, die die Frauen misshandeln oder bestenfalls ausnutzen, in erstaunlich vielen Fällen aber auch die eigenen Mütter.

Gewalt gegen andere und gegen sich selbst bestimmt die Lebenswelt dieser Figuren, oft gemischt mit Drogen und Sex, manchmal wirkt ihre Umwelt fast surreal. Liebe kommt eigentlich nur in Form von ungesunder und zerstörerischer Besessenheit vor. Die Mütter scheinen ihre Töchter durchweg damit zu traumatisieren, dass sie sich keinerlei Mühe geben, ihr Sexleben vor ihren Kindern zu verbergen.

Die ersten drei Geschichten, die fast die Hälfte des Buches ausmachen, werden aus der Sicht derselben Protagonistin erzählt. Ihre Mutter schläft im Nebenzimmer ihrer minderjährigen Tochter mit wechselnden Liebhabern, sodass diese es mithören kann. Die Tochter fühlt sich davon halb abgestoßen, halb erregt. Die Mutter schiebt ihre Tochter auf ein Internat ab, in dem sie mit den anderen Mädchen ruinöse erotische Beziehungen eingeht. Bei einem Aufenthalt beim Vater, über den man nicht viel erfährt, außer dass es die Mutter partout nicht mit ihm ausgehalten hat, bedrängt sie schließlich ihre Halbschwester sexuell.

Ein anderes Mädchen hat eine Liebesbeziehung mit ihrem Bruder und bildet sich ein, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Die Frau der titelgebenden Geschichte amputiert sich selbst den Arm, als sie unter einem gefällten Baumstamm festliegt, als Selbstbestrafung und Botschaft für den Mann, der sie verlassen hat. Eine weitere Frau fantasiert sich eine Internetbeziehung mit einem prominenten Autor zusammen.

Ellen bewegt sich mit ihren Geschichten in der Tradition der amerikanischen Erzählliteratur, in der Brutalität und Hässlichkeit als Zeichen für die Realitätsnähe und Authentizität einer Geschichte gelten. Ob man ihre Geschichten mag oder nicht, hängt wahrscheinlich entsprechend stark davon ab, was für ein Wirklichkeitsbild man selbst hat. Passend dazu – und äußerst ungewöhnlich für die heutige Zeit – bildet der Umschlag die Autorin mit einer Zigarette in der Hand ab. Die Sprache ist klar und schnörkellos, gelegentliche Bilder sind verstörend, aber auch treffend. Sehr gelungen ist die Übersetzung.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin | Deutsch von Christoph Jehlicka
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014 | 240 Seiten | amazon-info

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