Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 2. März 2015

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel»Ich bestehe darauf, dass ihr dieses Buch so bald wie möglich lest. Ich bin zufällig darauf gestoßen -, und es hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich sofort an Hatchards geschrieben und zwei Dutzend bestellt habe. Ich habe mir vorgenommen, es jedem zu schenken, dem ich begegne.«
Francis Wyndham: (»Der andere Garten«)

Die Möglichkeiten, arabische Literatur in deutscher Übersetzung lesen zu können, sind begrenzt. Seit vergangenem Herbst ist die Auswahl um einen Autor reicher geworden. Der irakische Schriftsteller Fadhil al-Azzawi lebt seit 1977 im Exil in Berlin. Sein Roman »Der Letzte der Engel« entstand Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und ist vor ein paar Monaten in der Übersetzung von Larissa Bender beim Schweizer Dörlemann Verlag erschienen.

Fadhil al-Azzawi nimmt den Leser mit in das Kirkuk der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Stadt im Nordirak liegt bedrohlich nahe an den großen Ölfeldern. Sie beherbergte damals Araber, Juden, Kurden, assyrische Christen, Turkmenen und zählte damit zu den vielen multikulturellen Orten im Vorderen Orient. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Chukor-Viertel, ein vergessener Stadtbezirk am Rand. Deren Einwohner plagen sich scheinbar nur mit Armut und Dämonen herum. Letztere heißen auch Dschinne und sind orientalische Geister, die den Menschen gern Streiche spielen. Sind sie etwa für die Einbrüche verantwortlich oder schüren den weit verbreiteten Aberglauben?

Multikulti birgt zahlreiche originelle wie dubiose Gestalten, deren Geschichten und ihre verhängnisvollen Schicksale. Fadhil al-Azzawi serviert sie dem Leser auf dem silbernen, reichlich verzierten Tablett à la Tausendundeiner Nacht. Er fabuliert ausschweifend, präsentiert die Geschichte in der Geschichte mit märchenhaften Details und übernatürlichen Handlungssträngen. Der Leser kann sich nie ganz sicher sein, ob er im Moment Satire, blühende Phantasie oder reine Poesie rezipiert. Larissa Bender gelingt es überzeugend, den durchgängig heiteren Grundton aufzunehmen und bis zum Ende widerzuspiegeln. Bei ignoranten Monarchen, die berechtigte Anliegen des Volkes kalt lassen, Gefahr durch Kommunisten, Putschversuchen und erfolglosen Streiks in den Ölfabriken ein anspruchsvolles Unternehmen.

Hamid Nylon wird von der britischen »Iraq Petroleum Company« entlassen, weil er die Frau seines Arbeitgebers mit einem Paar Nylonstrümpfen verführen will. Daher rührt auch sein Spitzname. Es folgen Demonstrationen gegen Hamids Entlassung, der junge König wird ermordet. Die Vertreibung der Engländer zieht sich bis in die Gegenwart hin, Putsch-Serien und Kriege ebenso. Der Leser nimmt an einer herrlich komischen Satire auf eine Revolution teil, dessen Anführer der selbst ernannte Oberst Hamid Nylon wird. Seiner Entschlossenheit steht der weise, besonnene und lebenserfahrene Chidr Musa entgegen, der sich vom geldgierigen Schafhändler zum selbstlosen verantwortungsbewussten Protagonisten entwickelt. Der siebenjährige Burhan Abdallah hat sich das Schreiben selbst beigebracht. Er begegnet in einer Kiste auf dem Dachboden seiner Eltern drei alten Männern, die in Hanfleinensäcken den Frühling mit sich führen. Wer will schon genau wissen, ob sie Engel, Geister oder die Seelen Verstorbener sind …

Während al-Azzawis abstruser und grausamer Geschichten versiegt das Leser-Lachen hin und wieder. Demonstranten jagen einem kopflos um sich schießenden Polizisten hinterher, der dabei einen schwarzhäutigen Friseur namens Qara Qol tötet. Als jemand in die Welt setzt, dass sein Geist in einer Lichtsäule zum Himmel aufgestiegen sei, verwandelt sich der Mann in einen Heiligen. Aus dem Heiligengrab entstehen eine Geschäftsidee und gleichzeitig das Ziel einer tragikomischen Schnitzeljagd. Spätestens als der Polizist den halbwüchsigen Söhnen Qara Qols in die Hände fällt, wacht man aus dem Tausend-und-eine-Nacht-Märchen-Traum auf. Von der grauenvollen Realität eingeholt, sieht der Leser die fürchterlichen Bilder eines totalitären islamistischen Staates vor Augen.

Burhan Abdallah kehrt am Ende nach 46 Jahren Exil noch einmal nach Kirkuk zurück, begleitet von zwei Visionen mit starker Symbolkraft: den endlich eingekehrten Frühling und den Weltuntergang.

Die Sicht auf den Nahen Osten scheint fünfhundert Seiten später ein wenig klarer geworden. Um sich in diese fremde Welt einzufühlen, braucht es weit mehr solcher Bücher.

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel | Deutsch von Larissa Bender
Dörlemann 2014 | 520 Seiten | amazon-info

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Daniel T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine GeistergeschichteIch habe David Foster Wallace nie kennengelernt. Unser einziges Zusammentreffen fand 1996 bei einer Party zum Erscheinen des Unendlichen Spaßes statt – die Verlagsparty, über die er später Don DeLillo schrieb, es sei die erste, die er je besucht hatte, »und wenn es einen Gott im Himmel gibt, auch meine letzte.«

Die Lebensgeschichte von David Foster Wallace. Er war ein hochbegabter Schüler, ein erfolgreicher Tennisspieler und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Literatur. Sein Selbstmord im Jahre 2008 ließ viele Fragen offen und einige von ihnen werden in diesem Buch beantwortet.

Der Autor stellt sehr schön den Bezug zwischen dem Werk und dem Leben von Wallace dar. Seine Verehrung für Thomas Pynchon in der Anfangszeit, die später einer noch größeren Bewunderung für Don DeLillo wich, mit dem er auch im regen Briefwechsel stand. Seine Freundschaft und sein Konkurrenzkampf mit Jonathan Franzen. Seine unzähligen Liebschaften, bis er nur wenige Jahre vor seinem Tod die große Liebe fand. Sein langer Kampf gegen Alkohol, Drogen, Angstattacken und Depressionen. Seine Süchte bekam er unter Kontrolle, doch die Depression gewann schließlich.

Eindringlich beschreibt der Autor, wie sehr Wallace an seinem Werk und seiner Krankheit gelitten hat. Heutzutage, da Wallace allerorts als Genie gefeiert wird, erscheint es schwer zu glauben, mit welchen Widerständen durch Lektoren und Kritiker er zu Beginn seiner Karriere zu kämpfen hatte. Nach der weltweiten Anerkennung für »Unendlicher Spaß« veröffentlichte er zehn Jahre lang erfolgreiche Sachtexte und Erzählungen, während alle auf den Nachfolgeroman warteten. »Der bleiche König« erschien erst posthum als unvollendeter Roman.

»Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte« ist ein sehr gut recherchiertes und unterhaltsam geschriebenes Buch. Ungeheuer detailliert und informativ, bis im letzten Drittel das Tempo angezogen wird. Das Ende erfolgt im Buch dann ebenso abrupt, wie es auf die Menschen in David Foster Wallaces Umgebung gewirkt haben muss.

Daniel T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte
David Foster Wallace. Ein Leben
| Deutsch von Eva Kemper
Kiepenheuer & Witsch 2014 | 512 Seiten | amazon-info

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen

Vorgestellt von Sabine Anders in Moderne Literatur am 9. Februar 2015

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganzen normalen BullshitWir sind doch alle in unseren Beruf reingescheitert.

Lukas Frey hat von einer Werbeagentur in die Marketingabteilung einer Firma, genannt Konzern AG, gewechselt. Dort soll er an der Werbekampagne für die Einführung eines neuen Produkts mitarbeiten. Das Problem: Niemand außer den Ingenieuren in der Entwicklungsabteilung kann das Produkt bedienen und es hat auch keinen »funktionalen Mehrwert«. Bezeichnenderweise erfährt der Leser nie, was das Produkt eigentlich ist oder was die Konzern AG genau macht. Die Werbung dafür, die Lukas’ Abteilung »Marketing II, New Products« entwickeln soll, ist völlig losgelöst vom Produkt.

Genauso losgelöst von jedem konkreten Inhalt scheinen auch alle anderen Aktivitäten in den Unternehmen und die meisten Äußerungen der Mitarbeiter, die sich hinter zahlreichen Anglizismen verstecken. Besonders gelungen ist Ramges Persiflage einer Vorstandssitzung, in der sich die Diskussion aus Sätzen zusammensetzt wie »Ob wir perspektivisch erfolgreich sind, ist doch vor allem ein Thema des Mindsets« – »Und um das Mindset zu ändern, brauchen wir eine breitere Awareness für das Thema«. Ein weiteres Highlight ist eine Mitteilung der Konzern AG für die Aktionäre, die Ramge laut Nachwort angeblich fast wortwörtlich von Daimler-Chrysler übernommen hat.

Der Protagonist Lukas spielt das Spiel zwar gekonnt mit, ist sich aber stets bewusst, dass das alles ziemlicher Blödsinn ist. Aus Ramges Imitation der Sprache der Arbeitswelt und den Überlegungen, die sein Protagonist dazu anstellt, ergibt sich ein sehr unterhaltsames, schnell gelesenes Buch, das auch ohne großen Plot auskommt.

Zu Lukas’ Team gehören unter anderem Julia, die früher auch in einer Werbeagentur gearbeitet hat, aber vorhat, sich demnächst selbständig zu machen; Daniel, der Überstundenrekordhalter, der um jeden Preis Karriere im Konzern machen will, aber gnadenlos scheitert; Dr. Meyerbeer, der ein Alkoholproblem hat und schnurstracks auf einen Burnout zuschlittert; und sein Chef, Dr. Jan-Phillip Wendenschloss, der früher bei McKinsey war. Erschwert wird ihre Arbeit für das Marketing durch einen Umstrukturierungsprozess, der gleichzeitig im Unternehmen läuft und ebenfalls von McKinsey-Leuten geleitet wird.

Zum Kennenlernen müssen alle in Lukas’ Team ein Überraschungs-Ei auspacken und erklären, warum sie genau so sind wie die Figur darin – oder warum nicht. Sie müssen einen Persönlichkeitstest machen mit Fragen wie »Neigen Sie eher zu Quadraten oder Kreisen?« Bei dem Warm-up für einen Workshop müssen sich alle gegenseitig in enthusiastischem Tonfall mit »Sales Du« anreden und als Teambuilding-Maßnahme – der Ersatz für gestrichene Betriebsausflüge – ein Rudel Wölfe bei der Fütterung beobachten und daraus Schlüsse über Führungskultur ziehen. Zwischendurch bekommen sie unter dem Motto »own the way you work« Gelegenheit auszuprobieren, wie es ist, von zu Hause aus zu arbeiten.

Kein Wunder, dass Lukas sich angesichts seines absurden Arbeitslebens immer öfter fragt, was er von seinem Leben eigentlich will. Als die Konzern-AG von einer chinesischen Firma übernommen wird, bieten sich ihm grandiose Aufstiegschancen. Sein Chef, der frühere McKinsey-Berater, hält aufgrund der Ergebnisse des Persönlichkeitstests sehr viel von ihm – obwohl Lukas die Fragen so verrückt fand, dass er sie nur mit Hilfe einer Flasche Bier beantworten konnte. Am Ende findet schließlich auch Lukas den Absprung.

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganz normalen Bullshit | Deutsch
rororo 2014 (3. Auflage) | 256 Seiten | amazon-info

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T.C. Boyle: Hart auf hart

Vorgestellt von Holger Reichard in Moderne Literatur am 2. Februar 2015

hart_auf_hartEr trug seinen Kampfanzug und hatte das Messer umgeschnallt. Die Stiefel waren schmutzig, und Gesicht und Kopfhaut waren gebräunt wie bei einem Rettungsschwimmer. Hinter ihm, in dem Flur, der zum Wohnzimmer führte, sah sie die dunklen Umrisse seines Rucksacks und den schmalen Schatten des Gewehrs, das an der Wand lehnte.

Der pensionierte Schuldirektor Stensen, kurz Sten, und seine Frau Carolee sind auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik unterwegs. Sie haben in Puerto Limón in Costa Rica angelegt und brechen mit einer kleinen Reisegruppe auf ins Landesinnere, zu einer Naturwanderung. Am Ziel angekommen werden die Touristen von drei jungen Bandidos überfallen. Was die Ticos nicht wissen: Sten ist Vietnam-Veteran und trotz seines hohen Alters noch immer geübt im Nahkampf. Er nutzt einen Moment ihrer Unachtsamkeit und setzt sich zur Wehr – mehr oder weniger erfolgreich. Der Ausgang dieses Raubüberfalls ist jedenfalls dramatisch.

Erzählt ist damit lediglich der Prolog von T.C. Boyles neuem Roman »Hart auf hart«, der in diesen Tagen auf Deutsch erscheint und damit noch vor der amerikanischen Originalausgabe erhältlich ist. Fokussiert ist die Erzählung allerdings weniger auf Sten, sondern vielmehr auf seinen Sohn Adam, ein eigenbrötlerischer, wortkarger Psychopath, der zurückgezogen in einer einsamen Waldhütte lebt, Schlafmohn anbaut und sich in beängstigender Schizophrenie für eine moderne Ausgabe des legendären Trappers John Colter hält.

Als Anhalter lernt Adam die 40jährige und damit nicht unwesentlich ältere Sara Hovarty Jennings kennen. Sie ist im Gegensatz zu Adam äußerst redselig und durch eine freiberufliche Tätigkeit als Hufschmiedin halbwegs in der Gesellschaft verankert. Dennoch hadert auch sie mit den Realitäten des Lebens, sieht in staatlichen Institutionen ihren größten Feind und ist nach einer bewussten Missachtung der Gurtpflicht, eigentlich ein recht banales Vergehen, nur allzu bereit, diese Feindschaft offen und eskalierend auszutragen. Dass ihr ausgerechnet jetzt der kompromisslose Adam über den Weg läuft, kommt ihr nicht ungelegen. Hart und hart treffen aufeinander. Der Titel der deutschen Ausgabe ist Programm und bemerkenswert gut gewählt.

Man ahnt an dieser Stelle schon, wie sich die Geschichte fortsetzen wird, zumal T.C. Boyle ihr Schöpfer ist. Es ist kennzeichnend für seine Romane und Kurzgeschichten, dass er die Menschen sehenden Leserauges ins offene Messer laufen lässt, sie scheitern lässt, an sich selbst – und an der Natur. Letzteres, das Scheitern an der Natur, zieht sich wie ein roter Faden durch Boyles Gesamtwerk. Und so nimmt es auch hier kein gutes Ende, für keinen der beteiligten Akteure.

Nach der letzten Seite ist man beinahe froh darüber, dass es kam, wie es kommen musste. Denn anders als sonst in Boyles Romanen, gibt es dieses Mal – bis in den kleinsten Winkel der Geschichte hinein – nicht eine einzige Figur, die man in sein Herz schließen möchte. Zu destruktiv sind ihre Handlungen, zu dämlich ihre Ansichten, zu groß ihre Vorurteile.

Am schlimmsten aber ist: Boyle liegt damit hart an der Realität, nicht nur an der amerikanischen, sondern auch an der europäischen. Denn man hat sie beim Lesen des Buches unweigerlich vor Augen, die Attentäter auf Charlie Hebdo, die unzähligen Verschwörungstheoretiker in den Sozialen Medien, die xenophoben Wutbürger der Pegida-Bewegung. Sie alle spiegeln sich in Adam und Sara und in den Nebenfiguren der Geschichte auf erschreckende Weise wider.

Deshalb wäre es falsch, bei »Hart auf hart« von einem großen Lesespaß zu sprechen. Nein, das Buch macht keinen Spaß. Aber gute, lesens- und empfehlenswerte Bücher, und zu dieser Kategorie zählt Boyles neuer Roman, haben ja nicht nur die Aufgabe, einem Freude zu bereiten.

T.C. Boyle: Hart auf hart | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Hanser 2015 | 400 Seiten | amazon-info

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Daniel Suarez: Control

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 26. Januar 2015

Daniel Suarez: ControlDer Physiker Jon Grady hat ein Verfahren entwickelt, um die Schwerkraft aufzuheben, und macht sich bereits Hoffnung auf den Nobelpreis. Doch im Augenblick seines größten Triumpfs stürmen Terroristen sein Labor und ermorden alle Anwesenden. Die Medien melden Gradys Tod.

Kurz darauf erwacht der Wissenschaftler in einer futuristischen Gefängniszelle. Eine geheime Regierungsorganisation verhindert seit Jahren die Veröffentlichung von wegweisenden Erfindungen, die die Welt verändern könnten. Angeblich zum Wohle der Menschheit, die für solches Wissen noch nicht bereit sei. Das hält die Organisation natürlich nicht davon ab, die Erfindungen für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Den entführten Wissenschaftlern bleibt nur die Wahl, entweder mit der Organisation zu kooperieren oder ihr Leben in ewiger Gefangenschaft zu verbringen.

Dies ist die Ausgangslage für einen spannenden Kampf zwischen Grady und der Organisation, die seinen Widerstand mit hochtechnisierten und auch recht primitiven Mitteln zu brechen versucht. Aber Grady beweist einen langen Atem.

Was folgt, hat wenig mit dem üblichen Thrillergeschehen zu tun. Die Erfindungen, die Suarez beschreibt, klingen wie erfunden. Allzu phantastisch erscheinen die Möglichkeiten, über die die Organisation verfügen soll. Aber so einfach macht es sich der Autor nicht. Alles, was in dem Buch geschildert wird, ist zumindest theoretisch möglich oder befindet sich bereits in der Entwicklung.

Suarez schreibt großartige Techno-Thriller und diesmal mit besonders großem Science-Fiction-Anteil, durch den die Hauptfiguren am Ende wie Superhelden wirken. Das letzte Drittel des Buches finde ich deshalb (oder trotzdem) nicht mehr so gelungen. Zuerst liest es sich wie eine spannende Mischung aus einem modernen Jules Verne und »Der Graf von Monte Christo«, danach wie ein eher mittelmäßiges Marvel-Drehbuch.

»Control« ist nicht mehr so überraschend und komplex wie Suarez’ Erstling »Daemon«, aber immer noch ein empfehlenswerter Thriller.

Daniel Suarez: Control | Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
rororo 2014 (2. Auflage) | 496 Seiten | amazon-info

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Lemmy Kilmister, Janiss Garza: White Line Fever

Vorgestellt von Holger Reichard in Musikbücher am 19. Januar 2015

lemmyNachdem ich also den Sex für mich entdeckt hatte, war es Zeit für Rock’n’Roll.

Ich bin nicht wirklich ein Fan von Metal oder harter Rockmusik, aber es gibt Ausnahmen. Zu ihnen gehört die Band Motörhead. Als ich sie zum ersten Mal hörte, drückte ich noch die Schulbank. Das war vor über 30 Jahren. Ich erinnere mich noch dunkel an einen wilden Fernsehauftritt der Band im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Berlin, Anfang der 80er Jahre, als Lemmy Kilmister, Gründer und Kopf von Motörhead, am Ende seine Gitarre zertrümmerte und auch Schlagzeuger Phil »Philthy Animal« Taylor sein Instrument mit Händen und Füßen zerlegte.

Seither haben es Motörhead immer wieder geschafft, sich in meinen Blickwinkel zu schieben. Zuletzt faszinierte mich die Aufnahme eines Konzerts 2006 in Santiago de Chile. Lemmy stand wie eine Eiche vor seinem Mikrofon: »Das Lied, das wir jetzt spielen, habe ich geschrieben, da ward Ihr alle noch nicht geboren«, brummte er dem jungen Publikum entgegen.

Tatsächlich ist Lemmy schon eine Ewigkeit im Musikbusiness unterwegs. Die Entstehung des Rock’n’Roll hat er von Anfang an und zum Teil sehr direkt miterlebt. Schon mit 16 Jahren hatte er das Elternhaus verlassen, um in verschiedenen Bands sein Glück zu suchen. Er arbeitete als Roadie für Jimi Hendrix und war mehrere Jahre lang Bassist der Spacerock-Band Hawkwind.

1975 wurde Lemmy an der kanadischen Grenze wegen illegalen Drogenbesitzes festgenommen. Es bedeutete das Ende bei Hawkwind. Die Band warf ihn raus. Den Titel des letzten Songs, den er für Hawkwind schrieb, nahm er mit: Motörhead. So nannte er nun seine eigene Band. Es gibt sie bis heute, in unterschiedlicher Besetzung zwar, doch der Mann hinter dem zu hoch eingestellten Mikrofon war immer derselbe.

Die ganze Geschichte vor und mit Motörhead lässt sich ausführlich nachlesen in Lemmys 2006 veröffentlichter Autobiographie »White Line Fever«. Das Buch bietet, wie nicht anders zu erwarten, jede Menge Sex, Drugs & Rock’n’Roll, aber eben auch 40 Jahre Musikgeschichte.

Lemmy hat einiges zu erzählen, und es sind viele hochkarätige Namen, die durch seine Anekdoten huschen: John Lennon, Ozzy Osbourne, Alice Cooper, Eric Clapton, Bill Laswell, Nina Hagen usw. usf., aber auch Namen, mit denen man in einer Autobiographie von Herrn Kilmister nicht unbedingt rechnet, wie z. B. Michael Palin von den Monty Pythons, Stevie Wonder oder Samantha Fox.

Es hätte dem Buch sicher gut getan, wären der Autor und seine Co-Autorin Janiss Garza auf die eine oder andere Begegnung etwas ausführlicher eingegangen. Aber Lemmy ist nun mal ein Speedfreak, ein Motorhead, und hakt in seinem ereignisreichen Leben alles zügig ab. Konzerte, Bettgeschichten, Todesfälle und die ständigen Streitereien mit den Plattenfirmen. Selbstverständlich in dem rauen Ton, den man von ihm gewohnt ist.

Er ist ein harter Hund, hat rustikale Ansichten und frönt mit dem Sammeln von Weltkriegsdevotionalien einem Hobby, mit dem sich jeder andere ins Aus schießen würde. Aber bei Lemmy ist das okay, weil man sowohl bei Interviews mit ihm als auch beim Lesen seiner Autobiographie immer das Gefühl hat, dass er sein Herz an der richtigen Stelle trägt. Bela B. von den Ärzten hat es in seinem kurzen Vorwort zu »White Line Fever« folgendermaßen formuliert:

Lemmy darf mit Drogen und Frauengeschichten kokettieren, und trotzdem gilt er als jemand, dessen Weisheiten uns etwas bedeuten. Das hat er gemein mit Johnny Cash, Elvis, auch Frank Sinatra und noch einer Handvoll der ganz, ganz Großen.

Lemmy Kilmister, Janiss Garza: White Line Fever | Deutsch von Klaas Ilse
Heyne 2006 (6. Auflage) | 336 Seiten | amazon-info

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…/Der Findling

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 12. Januar 2015

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…./Der FindlingAnlässlich ihres neunzigjährigen Bestehens brachte die Büchergilde Gutenberg im Herbst drei Novellen von Heinrich von Kleist in einem Band heraus, illustriert von drei Künstlern dreier Generationen. Mit einem der schönsten und aussagekräftigsten Gildenbücher dieses Jahres hat sich die Buch-Genossenschaft einmal mehr selbst übertroffen.

Dank Buchgestalterin Cosima Schneider vermittelt das bibliophile Kleinod dem Leser eine moderne Sicht auf Kleists Erzählungen (geprägter Leineneinband, drei Buchschleifen als Schutzumschlag). Das fördert den Zugang zum höchst anspruchsvollen Text, der fest in seiner Zeit verankert ist. Kleist, der einer Adelsfamilie entstammte, lebte zeitlebens in instabilen Verhältnissen. Zerrieben an den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen um die Jahrhundertwende 1800 entwickelte er seine Ideen und literarischen Experimente. Ein Nomade, ein Getriebener, der seine Protagonisten in der Realität handeln und scheitern lässt, leidenschaftlich, konsequent und ehrlich.

Zunächst begegnet der Leser dem einst angesehenen Rosshändler Michael Kohlhaas, dessen Geschichte auf die des Brandenburgischen Pferdehändlers Hans Kohlhase zurückgeht. Kohlhase opfert im frühen 16. Jahrhundert seine Familie, neben seiner gesellschaftlichen Stellung auch sonstiges Hab und Gut und verletzt sogar die Rechtsnormen. Nur, um in einem geringfügigen Streitfall Recht zu erhalten, bei dem ihm selbst klares Unrecht zugefügt wurde.

Kohlhaas, nach der Devise handelnd »Fiat iustitia, et pereat mundus« (»Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!«) gerät zwischen Spannungsfelder, in denen auch der Rezipient nach Orientierung sucht: Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Unterdrückung, Moral, Verbrechen und Selbstjustiz, Machtmissbrauch in Ämtern. Das unnachgiebige Verlangen von Michael Kohlhaas nach Gerechtigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung.

Nachdem der legale Versuch misslingt und Kohlhaas dabei seine Frau verliert, greift er zum Äußersten und übt Selbstjustiz. Ausufernde Maßlosigkeit bestimmt seinen persönlichen Racheakt gegen den Junker von Tronka und gipfelt im blutigen Feldzug gegen alles und jeden. Nicht nur Kohlhaas, der Wüterich nagt am Leser-Gewissen, Johannes Grützkes einfache Striche sorgen zusätzlich für Beklemmungen, auch wenn sie ohne den Text stehen könnten.

Das ungute Gefühl begleitet den Leser ebenso während der nächsten Novelle, beschreibt doch die »Marquise von O…« am Beispiel des Grafen F…, wie der Krieg einen Menschen verändern kann. Italien zur Zeit des Zweiten Koalitionskrieges zwischen 1799 und 1802: Die verwitwete Marquise von O… ist schwanger, ohne dass sie sich wissentlich mit einem Mann einließ. Über eine Zeitungsanzeige sucht sie nach dem unbekannten Vater.

Als der ihr vertraute Graf F… sich zur Vaterschaft bekennt, heiratet sie ihn. Seine Gewalttat verzeiht sie ihm jedoch erst viel später. Anke Feuchtenbergers Illustrationen überlagern bewusst die Zeiten in ihren Zeichnungen und holen die Darstellungen des Kriegsgräuels in das 20. Jahrhundert. Düster und vom Schwarz dominiert wirken sie besonders plastisch. Die zeitlose Ohnmacht der Frau rückt in den Mittelpunkt und ist noch am glücklichen Ende allgegenwärtig.

»Der Findling« handelt von dem wohlhabenden Immobilienhändler Antonio Piachi, der mit seinem elfjährigen Sohn Paolo auf Geschäftsreise nach Ragusa fährt. Seine deutlich jüngere zweite Frau Elvire bleibt zu Hause in Rom. Verfrüht kehrt Piachi mit einem Knaben namens Nicolo aus der pestinfizierten Stadt zurück. Sein eigener Sohn erlag der Krankheit. Er adoptiert Nicolo und zieht ihn groß. Im Verlauf des Geschehens zeigt Nicolo sein wahres Gesicht; angefangen von seinen zahlreichen Affären bis hin zum Versuch, seine Adoptivmutter Elvire zu vergewaltigen. Nachdem Elvire gestorben ist, rastet der einst ruhige und besonnene Piachi aus.

Unruhe herrscht in Martin Grobeckers Bildern vor, nichts Gutes verheißend. Die zum Teil wild angeordneten Schraffuren scheinen sich zu vermehren, die zahlreichen kleinen Striche dringen wie Nadeln unter die Leser-Haut.

Nachhaltig prägen sich dem Leser die Protagonisten aller drei Novellen ein und mit ihnen die wirkungsvollen Bilder. Das ist einzigartig!

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas/Die Marquise von O…./Der Findling | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 300 Seiten | amazon-info

Mrs. Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder?

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 5. Januar 2015

darling_fesselst_du_schon_malWaren heute Abend im Kino. Konnten zwischen einem Woody Allen und »Avatar« wählen, aber ich kann diese blöden Brillen nicht ab, also sind wir in »Avatar« gegangen.

Was wir bisher über Stephen Fry zu wissen glaubten: Er ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Hörbuchsprecher, Schauspieler, Regisseur, Journalist, Dichter, Komiker, Fernsehmoderator. Darüber hinaus bekennender Homosexueller, anerkanntes Universalgenie und eine britische Institution.

Da das Wetter heute so herrlich war, haben wir am Nachmittag gegrillt. Wie immer hat sich Stephen um alles gekümmert – das Anheizen, das Grillen, die Anrufe bei der Feuerwehr, die Notunterkünfte …

Jetzt bricht seine heimliche Ehefrau durch die Veröffentlichung ihres Tagebuches ihr Schweigen: Stephen Fry ist in Wahrheit Ehemann und mehrfacher Vater, mit einer ausgeprägten Vorliebe für leichte Mädchen. Er arbeitet als Taxifahrer und Fensterputzer, frönt dem Alkohol und einer obsessiven Leidenschaft für Karaoke.

Wir haben den Kindern gesagt, dass im Schrank heute ein gemeingefährlicher Clown haust. Es war kein Aprilscherz, wir fanden einfach, sie sollten es wissen.

Als großer Fan seiner Romane bedauere ich natürlich sehr, dass er so lange keinen mehr veröffentlicht hat. Stattdessen erschien soeben in England der dritte Teil seiner Autobiografie, davor veröffentlichte er ein Sachbuch über Lyrik und eben dieses fiktive Tagebuch seiner ebenso fiktiven Ehefrau.

Wir hoffen inständig, dass das Baby heute laufen lernt. Wenn nicht, müssen wir nämlich zum Supermarkt zurückfahren und es abholen.

Der Scherz mit der Identität wird konsequent beibehalten: Nicht nur heißt die Autorin Mrs. Stephen Fry und das Buch ist ihrem Mann Stephen gewidmet, als Übersetzerin liefert Ulrike Blumenbach ihr Debüt ab.

Stephen ist zu seiner CD »Klänge des Regenwalds« eingeschlafen. Er fand das Rauschen der Kettensägen schon immer beruhigend.

Manche Kalauer sind recht flach und auf Dauer ermüdet das Buch den Leser irgendwann, aber in kleinen Häppchen genossen, macht es einfach unglaublichen Spaß:

Ach du liebe Zeit, Stephen hat seinen kleinen Johannes gestern wieder mit Sekundenkleber eingeschmiert. Ich würde es ja zu gerne herumerzählen, aber meine Lippen sind versiegelt.

Mrs. Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder?
Das heimliche Tagebuch der Edna Fry
| Deutsch von Ulrike Blumenbach
Aufbau Verlag 2012 | 248 Seiten | amazon-info

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Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy

Vorgestellt von Sabine Anders in Sachbuch am 22. Dezember 2014

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, SpyHis style is of a man on a sandbank, laughing at the tide. Maybe we are all Venetians now.

2015 ist ein Jubiläumsjahr für den Venezianer Giacomo Casanova (geboren 1725). Obwohl sich in der Casanova-Forschung in den letzten Jahrzehnten eine Menge getan hat, ist er vielen nur als Stereotyp bekannt: Immer noch wissen die meisten nicht mehr über ihn, als dass er haufenweise Frauen verführt hat – allenfalls noch, dass er aus einem ausbruchssicheren Gefängnis in Venedig entkommen ist. Umso seltsamer, dass seit Ian Kellys Casanova-Biografie aus dem Jahr 2009 kein nennenswertes Buch über sein Leben erschienen ist und auch für 2015 keines in Sicht ist. Dabei wurde Kellys Biografie nie ins Deutsche übersetzt.

Casanova ist in Erinnerung geblieben, weil er als alter Mann (er wurde 64 Jahre alt) seine Memoiren unter dem Titel »Die Geschichte meines Lebens« niedergeschrieben hat. Dieser Text zählt zu den Werken der Weltliteratur und wurde 2010 für mehr als 7 Millionen Euro als bisher teuerstes literarisches Manuskript überhaupt vom Brockhaus Verlag an den französischen Staat verkauft.

Das Besondere an den Memoiren sind nicht die Liebesabenteuer, die Casanova festgehalten hat: Er selbst wäre wahrscheinlich überrascht, heute vor allem als Frauenheld bekannt zu sein. Da er sich in allen sozialen Schichten bewegte – er traf Päpste und Prostituierte, Wissenschaftler und Waschfrauen, Herrscher und Hochstapler – bieten seine Erinnerungen einen extrem vielfältigen Blick auf das Leben im Europa des 18. Jahrhunderts. Dazu ist Casanova nicht nur offen für alles und an allem interessiert, er berichtet auch sehr schonungslos, offen und nüchtern.

Casanova wurde als Sohn eines Schauspielerehepaars geboren. Seine Mutter widmete sich ihrer Karriere und überließ seine Erziehung der Großmutter, die versuchte, einen Priester aus ihm zu machen. Casanova versuchte sich unter anderem im Militär und als Theatergeiger, bevor er das Glück hatte, der Günstling eines reichen Patriziers in Venedig zu werden. Von da an spezialisierte er sich darauf, Gönner in höheren Kreisen zu finden, um den Lebensstil zu finanzieren, von dem er fand, dass er ihm zustand.

Obwohl er damit recht erfolgreich ist – unter anderem nehmen sich Katharina die Große, Friedrich der Große und Voltaire Zeit für ihn –, leidet er Zeit seines Lebens unter seiner nicht-adeligen Herkunft. Im Gefängnis landete er wahrscheinlich auch wegen seiner Art, sich unverfroren über Standesgrenzen hinwegzusetzen, und nicht wegen seines frivolen Lebenswandels, der keineswegs ungewöhnlich für die Zeit war, noch wegen seiner Ansichten über Religion oder seiner alchemistischen Experimente.

Seine Memoiren wurden im Laufe ihrer Editionsgeschichte immer nur in sehr verfälschenden und verkürzten Ausgaben und Übersetzungen veröffentlicht. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Originalmanuskript zugänglich. Kellys Biografie berücksichtigt nicht nur diesen Originaltext, sondern auch eine Vielzahl von anderem, zuvor nicht zugänglichem Archivmaterial über Casanova. Der Biograf zeichnet seinen Lebensweg unterhaltsam und mit faszinierenden Hintergrundinformationen über die Geschichte und Politik des 18. Jahrhunderts nach – vom Reisen über Essen bis hin zum Rechtssystem (Casanova war in vier verschiedenen Gefängnissen).

Natürlich sind Casanovas Memoiren selbst auch lesenswert, aber sie umfassen rund 4.000 Seiten. Wer nicht so viel Zeit übrig hat, sich aber trotzdem für Casanova oder das 18. Jahrhundert interessiert, findet beides in verdichteter Form in Kellys Biografie. Da Kelly selbst Schauspieler ist (seine berühmteste Rolle ist wohl die von Hermiones Vater in »Harry Potter«), wirft er eine besonders interessante Perspektive darauf, wie nachhaltig die Welt des Theaters Casanovas Wesen geprägt hat: Auf seinen unglaublich vielen Reisen durch ganz Europa suchte er, sobald er in einer fremden Stadt ankam, als Erstes meist die Schauspielergemeinde auf – oft bestehend aus italienischen Emigranten wie er selbst.

Kellys Schreibstil macht seine Biografie selbst zu einem literarischen Werk und bringt die Persönlichkeit Casanovas, wie sie in den Memoiren durchscheint, sehr gut herüber, ohne die Objektivität zu verlieren: Heute, schreibt Kelly, würde man Casanova natürlich als Verbrecher einordnen.

Ian Kelly: Casanova: Actor, Lover, Priest, Spy | Englisch
Tarcher 2008 | 416 Seiten | amazon-info

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John Niven: Straight White Male

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 15. Dezember 2014

John Niven: Straight White Male»Nun, lassen Sie es mich anders formulieren«, sagte Brendle und klickte mit dem Kugelschreiber. »Warum befleißigen Sie sich als ein intelligenter Mann, der Sie doch sind und dessen Job unzweifelhaft einen Gutteil Selbstanalyse erfordert, beständig eines Benehmens, von dem Sie genau wissen, dass es Ihr Umfeld verletzt?«

Kennedy gab vor, eine Weile darüber nachzudenken, während er an seiner Antwort feilte. Was er sagen wollte, war: »Warum schieben Sie sich Ihre Frage nicht in Ihren fetten Hintern?«

Kennedy Marr ist Ire, Autor, Alkoholiker und Zyniker. Er hat einige Bücher veröffentlicht, aber inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor in L. A., weil dies weniger Zeit kostet und mehr Geld bringt. Doch durch seinen exzessiven Lebenswandel droht ihm ständig die Pleite. Geldmangel ist für Kennedy natürlich kein Grund, mehr zu arbeiten, weniger zu trinken oder potenzielle Arbeitgeber freundlicher zu behandeln.

Dann wird er für einen hoch dotierten Literaturpreis vorgeschlagen, doch dafür muss er nach England ziehen und sich gewaltig am Riemen reißen. Ein Jahr soll er an einer Universität unterrichten, an der auch seine Ex-Frau lehrt, wofür ihm jede Motivation fehlt. Außerdem wäre er in der Nähe seiner übrigen Familie, mit der er vor Jahren gebrochen hat.

Die Handlung könnte direkt der dritten Staffel von »Californication« entnommen sein. Es ist die ansprechende Variation eines Themas (cooler Außenseiter in konservativer Umgebung), das nie langweilig wird, zumindest wenn es so schnoddrig und respektlos vorgetragen wird.

Nach dem eher oberflächlichen Thriller »Das Gebot der Rache« und der gelungenen Satire »Gott bewahre« hat sich Niven auf seine Anfänge besonnen und schickt ein großmäuliges, aber irgendwie sympathisches Arschloch ins Rennen. Dankenswerterweise befindet sich hinter der harten, vulgären Schale von Kennedy ein ebensolcher Kern, so dass man keine tränenreiche Läuterung im Hollywoodstil fürchten muss. Verglichen mit »Kill your friends« und »Coma« muss man allerdings feststellen, dass Niven selbst etwas milder und versöhnlicher geworden ist. Natürlich nur gemessen an seinen eigenen Maßstäben.

Mit anderen Worten: Sprache und Handlung von »Straight White Male« werden viele Leser abstoßen und verstören.

John Niven: Straight White Male | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne 2014 | 384 Seiten | amazon-info

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