Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Hörbuch am 28. Juli 2014

Nickolas Butler: Shotgun LovesongsMan nennt sie Shotgun Weddings eine Heirat mit Schießgewehr, weil der Vater der Braut dem Bräutigam währenddessen ein Gewehr in den Rücken drückt. Vorher ist irgendwas geschehen. Eine Schwangerschaft, ein Bankrott, der Ausbruch eines Krieges. Was auch immer passiert ist, diese Hochzeit wird jetzt vollzogen, und zwar schleunigst. (…) Genau so dachte ich auch über »Shotgun Lovesongs«. Während ich an den Songs arbeitete, fühlte es sich an, als würde ich mir selbst ein Gewehr in den Rücken drücken. Ich spürte den Druck, diesen unglaublichen Druck, es zu tun, zu vollenden, es Little Wing zu beweisen, Beth, Kip, Ronny und Henry zu beweisen, dass ich kein Versager war.

Fünf Freunde, vier Männer und eine Frau, stammen alle aus dem kleine Ort Little Wing im Norden Wisconsins. Zwei von ihnen haben den Ort verlassen. Kip wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann in Chicago und Lee ein berühmter Musiker, der mit seinem Album »Shotgun Lovesongs« Millionen verdiente und eine prominente Schauspielerin heiratete.

Kip kehrt nach Little Wing zurück und versucht, auch dort Erfolg zu haben. Auf seiner Hochzeit treffen die Freunde von damals zusammen. Darunter Henry und Beth, die seit der Schule ein Paar sind und gemeinsam mehr schlecht als recht eine Farm bewirtschaften. Er ist Lees bester Freund und sie hatte eine Affäre mit ihm. Der fünfte im Bunde ist der ehemalige Rodeo-Star Ronny, der nach einem Unfall zum Alkoholiker wurde.

Der Roman hat fünf Hauptfiguren, die abwechselnd als Ich-Erzähler auftreten. Was läge da näher, als sie im Hörbuch auch mit fünf verschiedenen Sprechern zu besetzen. Die wechselnden Erzähler im Buch ermöglichen es, bestimmte Ereignisse aus mehreren Perspektiven zu betrachten und manchmal muss man sie anschließend neu bewerten.

Die Werbezeile für das Buch zählt schon alle dramaturgischen Höhepunkte auf: »Drei Hochzeiten, zwei Scheidungen, ein Beinschuss und Lieder von der Liebe«. Trotzdem muss man hier keinen Spoiler-Alarm geben, denn in diesem Buch zählt nicht das Was, sondern das Wie. »Shotgun Lovesongs« ist im besten Sinne unspektakulär. Große Katastrophen bleiben aus, aber das macht die Protagonisten nur menschlicher und auch überzeugender. Sie müssen sich mit Alltagsproblemen herumschlagen, die die meisten Leser kennen.

Nickolas Butler erzählt seine Geschichte in einer sentimentalen, nostalgischen und sehr warmherzigen Art. Herausgekommen ist dabei ein Lob der Provinz, aber auch eine lesenswerte Hymne auf die Freundschaft und die Liebe. Ich fühlte mich während der Lektüre des Buches sehr an die Atmosphäre in Ted Demmes Film »Beautiful Girls« erinnert, den ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen möchte.

Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs | Hörbuch | Deutsch von Dorothee Merkel
Gelesen von Karoline Schuch, Fabian Busch, Andreas Döhler, Florian Lukas und Barnaby Metschurat
Hörbuch Hamburg 2013 | 6 CDs | Laufzeit: 414 Min. | amazon-info

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Radek Knapp: Reise nach Kalino

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 21. Juli 2014

reise_nach_kalino»Unsere Mitmenschen da draußen wollen kein Gold mehr, sondern ein hübsches Gesicht und das Gefühl, dass sie so bis in alle Ewigkeit weitermachen können …« (F. Osmos, Gründer von Kalino)

Die Geschichte mutet genauso mysteriös wie futuristisch an. Der erfolglose und altmodische Detektiv Julius Werkazy wird an einen Ort gerufen, den bis dahin kein Fremder vor ihm betreten hat. Der Ort heißt Kalino und ist von der übrigen Welt isoliert. Seine Bewohner haben sich eine völlig neue Wirklichkeit erschaffen. Sie sterben nicht, sind scheinbar nicht älter als dreißig Jahre und sehen überdurchschnittlich gut aus. Ihre Mobil-Telefone heißen »Gerlan«, sorgen für sogenannte »sympathische Unterbrechungen« und können weit mehr als unser geliebtes Smartphone.

Nicht nur der Gründer von Kalino, F. Osmos, ist über Gebühr reich. Die Polizisten heißen Perfektionsdiener; mit ihnen sollte man sich auf keinen Fall anlegen.
Kneipen sind Entspannungslokale, in denen vorher geübte Simulationen zwischen Mann und Frau stattfinden, die nachher im Geschlechtsakt enden. Die Häuser haben keine Fenster. Mit einem Translokationsschirm behält Osmos den Überblick, Probleme beseitigt er mit Extraktionen.

Die Kalinianer sind überdurchschnittlich intelligent. Ihr eigener typischer Lebensstil kommt Werkazy ebenso skurril vor wie dem Leser. Sie trinken gern einen »Dreifinger«, die Kühlschränke können sprechen, und auch die Autos (K-Mobile) nehmen Befehle ihrer Besitzer entgegen.

Eines Tages erschüttert ein Mord das Zweitausenddreihundertfünfundvierzig-Seelen-Örtchen Kalino. Um diesen aufklären zu können, muss Werkazy das Rätsel des kalinianischen Lebensstils lösen. Während seiner unkonventionellen Ermittlungen bricht die scheinbar heile, wundersam technisierte Plastik-Welt der reichen und schönen Unsterblichen auseinander. Und: Werkazy erfährt, dass Osmos ihn ganz bewusst verpflichtet hat.

Radek Knapps Sprache in der Detektiv-Geschichte »Reise nach Kalino« ist so phantasievoll wie die Story selbst. Voller Spannung taucht der Leser in die Satire von der schönen neuen Welt ein, wie sie sich wohl nicht nur die Reichen und Schönen aus Osteuropa erträumen. Bizarr mutet sie an, diese Gesellschafft, wenig erstrebenswert, wie der Leser recht schnell bemerkt.

Dennoch sind ihre Auswüchse amüsant und reizen, seine eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen. Bis die Ereignisse eine unerwartete Wendung nehmen, die Lager sich ein wenig zu offensichtlich in Gut und Böse teilen und ein paar zu konstruierte Zufälle in James-Bond-Manier helfen, den Fall zu lösen. Gut, dass der Spaß dennoch die Oberhand behält. Und der beschert uns einen guten Unterhaltungsroman mit einem Happy-Ending.

»Sie sollten sich freuen«, sagte Werkazy. »Keine Simulationen mehr, keine Gerlans oder sympathische Unterbrechungen. Und vor allem keine Osmos. Ab jetzt können sie ihr Leben in eine Vergangenheit und eine Zukunft einteilen.«

Wiweka betrachtete noch einmal den Holundersaft. In ihren Augen stand Ratlosigkeit, aber keineswegs Resignation.

Radek Knapp: Reise nach Kalino | Deutsch
Piper 2012 | 256 Seiten | amazon-info

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Thorsten Nesch: Als sich Gott das Leben nahm

Vorgestellt von Hardy Crueger in eBooks am 14. Juli 2014

Thorsten Nesch: Als sich Gott das Leben nahmIn einem Berliner Hinterhof passieren seltsame Dinge. Mitten in einen knacke heißen Sommertag hinein klatscht ein Mann auf das vertrocknete Gras der Beton-Rabatte. Der Tod des Mannes wird von mehreren Hausbewohnern beobachtet. Es wird versucht Hilfe zu holen, aber aufgrund der enormen Hitzewelle sind Rettungswagen und auch die Polizei nicht erreichbar. Was also tun mit einer Leiche im Hof?

Sieben ganz verschiedene Charaktere lässt der Autor um den Toten herum agieren. Da ist die junge Frau, die an einer Karriere als Schauspielerin arbeitet, der frustrierte Frührentner, die idealistische Fahrradkurierin, die alte Frau mit dem Kanarienvogel, der Taxifahrer aus Afrika, die beiden hormon- und partygesteuerten Jugendlichen. Alle bekommen sie vom Autor die ihrem Alter und ihrer Stellung angemessene Sprache und Gedanken verpasst. Das ist ihm gut gelungen und das allein sorgt schon für genug Abwechslung in dem Berliner Hinterhof. Aber er lässt uns auch in die Köpfe und in die Wohnungen der Menschen schauen, öffnet uns nach und nach die Päckchen, die ein jeder für sich zu tragen hat, wie im richtigen Leben.

Und da liegt die Stärke des Romans: Er lässt uns teilhaben an den ganz verschiedenen Lebenswegen und den Erlebnissen seiner spannenden Protagonisten. Denn immer wieder passiert etwas Unerwartetes, das die Tür zu einem handfesten Thriller öffnet, aber eben nur öffnet. Eine latent vorhandene Spannung, zwischen den Akteuren sowie in ihren Handlungen, ist so gut wie immer vorhanden. Durch den immer noch im Hof daliegenden Leichnam entwickelt sich eine fast schon klaustrophobische Szenerie, ein absurdes Theaterstück á la Samuel Becketts »Warten auf Godot«.

Zum Ende hin fügen sich die Schicksale der Protagonisten, für die einen positiv, für die anderen negativ. Wie im richtigen Leben. Und was mit der Leiche passiert? Das verrate ich hier natürlich nicht.

Der mehrfach ausgezeichnete Jugendbuchautor Thorsten Nesch präsentiert mit dem Roman »Als sich Gott das Leben nahm« eine ebenso unterhaltsame wie existentialistische Story für Erwachsene.

Thorsten Nesch: Als sich Gott das Leben nahm | Deutsch
epubli 2012 | ca. 169 Seiten | amazon-info

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T.C. Boyle: Talk Talk

Vorgestellt von Holger Reichard in Moderne Literatur am 7. Juli 2014

T.C. Boyle: Talk TalkTalk Talk, Ausdruck aus der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL), in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) »gebärden«, bedeutet ein entspanntes Gespräch unter Gehörlosen mittels Gebärden.

Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle liebt das Wechselspiel. Hat er gerade einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht, muss es danach wieder die Kunst des Romanschreibens sein, der er sich widmet. Hat er einen historischen Roman veröffentlicht, wie z.B. über den amerikanischen Sexualforscher Alfred Kinsey, so wechselt er mit dem nächsten wieder in die Gegenwart oder in die Zukunft.

Sein Werk »Talk Talk« betrifft sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft. Denn er thematisiert darin den Identitätsdiebstahl, ein aktuelles Problem, wenn man bedenkt, dass die US-Handelsaufsicht FTC bereits im Jahre 2002 insgesamt 168.000 Anzeigen und 380.000 Beschwerden wegen Identitätsdiebstahl registrieren musste und dieses Vergehen damit als eine der am stärksten zunehmenden Kriminalitätsformen in hochtechnisierten Ländern gilt.

Nicht nur die polizeilichen Ermittler professionalisieren ihre Methoden, auch die Kriminellen. Hierzulande mit Kameras und Scannern manipulierte Geldautomaten markieren da sicher nur den Anfang einer Entwicklung, deren Höhepunkt noch lange nicht in Sicht ist.

Opfer in Boyles Geschichte ist die gehörlose Dana Halter, die eines hektischen Morgens ein Stoppschild überfährt. Die Folge: Eine Geldstrafe und vielleicht ein paar Punkte im Verkehrssünderregister? Viel schlimmer! Dana Halter findet sich in Untersuchungshaft wieder. Die Delikte, die ihr vorgeworfen werden, reichen von Autodiebstahl bis zu Drogenmissbrauch und Angriff mit einer tödlichen Waffe. Zu Unrecht. Denn es stellt sich heraus, dass jemand ihre Identität gestohlen hat.

Nach mehreren Tagen eines – nicht zuletzt wegen ihrer körperlichen Behinderung – erniedrigenden Gefängnisaufenthalts begibt sich Dana Halter zusammen mit ihrem Freund Bridger Martin auf die Suche nach der Person, die ihr das angetan hat, nach der Person, die mit ihrem Namen und auf ihre Kosten in Saus und Braus lebt. Es ist der Beginn einer bis zum Ende offenen Verfolgungsjagd.

Den Übeltäter stellt Boyle in seinem Roman ebenfalls ausführlich vor. Er greift damit auf eine seiner bewährten Schreibtechniken zurück: das Schildern einer Geschichte aus verschiedenen Perspektiven.

Obwohl man nicht alle Handlungen von Dana Halter und ihrem Freund nachvollziehen kann oder Sympathien für ihren Gegenspieler entwickeln mag, fiebert man doch mit beiden Parteien mit. Denn Boyle knüpft in »Talk Talk« einen Spannungsbogen, der von der ersten bis zur letzten Seite reicht. Es ist sicher nicht sein gelungenstes Werk, wohl aber das temporeichste, das er bisher geschrieben hat.

T.C. Boyle: Talk Talk | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Hanser 2006 | 396 Seiten | amazon-info

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Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Vorgestellt von Sabine Anders in Moderne Literatur am 30. Juni 2014

Noah Hawley: Der Vater des AttentätersWir sehen die Vergangenheit durch das Prisma unserer Wahrnehmung. Wenn einem Menschen vorgeworfen wird, ein Verbrechen begangen zu haben, sucht man sein Leben nach entsprechenden Mustern ab. Vorfälle, die einem bis dahin bedeutungslos erschienen sind, spielen mit einem Mal eine Rolle.

Paul Allen, ein erfolgreicher Rheumatologe, kommt an einem ganz normalen Arbeitstag nach Hause und sieht im Fernsehen, dass sein Sohn Daniel aus seiner ersten Ehe den Präsidentschaftskandidat der Demokraten erschossen hat. Paul hatte Daniels Mutter, seine erste Ehefrau, verlassen, als Daniel sieben Jahre alt war. Daniel wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, während sein Vater ans andere Ende der USA, die Ostküste, zieht, dort ein zweites Mal heiratet und zwei weitere Söhne hat. Daniel besucht seinen Vater in den Feiertagen und Ferien und lebt, als er fünfzehn ist, ein Jahr bei Pauls neuer Familie. Danach hört sein Vater nur noch sporadisch von ihm, erfährt, dass er das College abgebrochen hat und ziellos mit dem Auto durch die USA fährt – bis zu jenem Abend, an dem Daniel, inzwischen 20, das Attentat begeht.

Bevor Paul Zeit hat, darauf zu reagieren, steht die Polizei vor der Tür und nimmt ihn mit. Sein Sohn hat bei dem Attentat selbst eine Kugel ins Bein bekommen, und nur aufgrund seiner guten Anwälte und heftigen Proteste darf Paul überhaupt für zehn Minuten im Krankenhaus mit seinem Sohn sprechen. Er kann nicht glauben, dass sein Sohn den Politiker wirklich ermordet hat und hält ihn für das Opfer einer Verschwörung. Daniel selbst sagt jedoch nichts dazu, ob er die Tat begangen hat oder nicht.

Für Paul beginnt eine verzweifelte Suche nach Beweisen für Daniels Unschuld. Er stellt fest, dass er eigentlich nicht viel über das Leben seines Sohns weiß, ihn kaum noch kennt. Er versucht, Daniels Leben, insbesondere das letzte Jahr vor dem Attentat, seine Gefühlswelt und seine Erlebnisse zu rekonstruieren, um irgendetwas zu finden, was den Mord erklären oder widerlegen könnte. Gleichzeitig recherchiert er Details über alle möglichen anderen amerikanischen Attentäter – über die Kennedy Mörder, den Unabomber, das Columbine Highschool Massaker, Timothy McVeigh – und sucht nach Parallelen zu seinem Sohn, die ihm sein Verhalten erklären könnten.

Dabei wird er unweigerlich mit seiner eigenen Schuld als Vater konfrontiert, der sich nicht sonderlich intensiv um sein Scheidungskind gekümmert hat. Er fragt sich, ob er und Daniels Mutter die Hauptschuld am Werdegang ihres Kindes haben, oder ob Daniel auch unter anderen Familienverhältnissen zu demselben Erwachsenen geworden wäre.

Pauls Beschäftigung mit Daniel wird zu einer Obsession, über der er seine zweite Familie und seine beiden anderen Söhne nicht nur vernachlässigt, sondern auch betrügt, weil er seine Recherchen wegen der Proteste seiner zweiten Frau nur noch heimlich betreiben kann. Als »Vater des Attentäters« wird Paul mit seiner Familie aus der bürgerlichen Gemeinschaft ihres Heimatorts ausgestoßen. Sie ziehen nach Colorado, in die Nähe des Gefängnisses, in dem Daniel auf seine Hinrichtung wartet, und »fangen ein neues Leben an«, ein Leben, in dem Paul den liebevollen Ehemann und Vater nur mehr spielt und fast nichts mehr von seinem früheren Ich übrig ist.

»Der Vater des Attentäters« ist ein von der ersten bis zur letzten Seite extrem spannendes und emotional aufrührendes Buch, das sich weigert, dem Leser einfache Antworten und Begründungen zu liefern, ohne jedoch dabei einfach nur offene Fragen in den Raum zu stellen.

Noah Hawley: Der Vater des Attentäters | Deutsch von Werner Löcher-Lawrence
Nagel & Kimche 2014 | 400 Seiten | amazon-info

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Frank Wedekind: Frühlings Erwachen

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 16. Juni 2014

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen – Eine KindertragödieAnlässlich des 150. Geburtstages von Frank Wedekind am 24. Juli diesen Jahres hat der Kunstanstifter Verlag Ende Februar das Jugend-Drama »Frühlings Erwachen« erstmals als illustriertes Buch herausgebracht.

Die junge aus Thüringen stammende Künstlerin Roberta Bergmann übernahm die Buchgestaltung und Illustration. Ihr ist damit ein Coup gelungen, der sich auf den ersten Blick den klassischen Dramen verpflichtet fühlt, zugleich jedoch jung und extravagant wirkt. Die ausdrucksvollen Bilder in eher gedeckten Farben ziehen den Betrachter geradezu in die Zeit des Jugendstils. Sie sprechen den Leser unmittelbar an und lassen ihn ihre Energie spüren, ohne jede vordergründige Effekthascherei.

Faszinierend, mit welcher Liebe zum Detail Roberta Bergmann hier vorgegangen ist: Das Buch in dunklem Leinen gebunden ziert ein Blumenornament. Auf dem Vorsatzpapier sprießen gelbe Blüten und saftig-grüne Blätter, die als rosa Herzen enden. Oh du zauberhafte »Art nouveau!« Absolut genial: Der Schutzumschlag lässt sich auf Plakatgröße aufklappen und enthält ein ausgefallenes Personenregister. Bergmanns Detailversessenheit geht bis hin zur Schrift; die Akt-Bezeichnungen, Überschriften und Seiten-Orientierungen als Symbole der Zeit.

Das 1891 erstmals veröffentlichte Drama von Frank Wedekind trägt den Untertitel »Eine Kindertragödie« und verarbeitet fast ausschließlich eigene persönliche Erfahrungen und Erlebnisse seiner Schulkameraden. Wedekind sticht mit seinem Drama um drei pubertierende Jugendliche in ein Wespennest. Er greift die konventionellen Moralvorstellungen im Wilhelminischen Deutschland an und eilt seiner Zeit voraus.

Die Gymnasiasten Melchior Gabor und Moritz Stiefel bemerken ihre ersten männlichen Regungen. Da sie nicht aufgeklärt sind, philosophieren sie darüber, was sie verändert und von nun an ihre Gedanken und ihr Tun bestimmt. Melchior verliebt sich in Wendla Bergmann. Auch sie ist nicht aufgeklärt und entdeckt an sich unerklärliche Triebe. Bei einer Begegnung mit Melchior im Wald bittet sie ihn sie zu schlagen. Melchior erfüllt ihr diesen rätselhaften Wunsch und flüchtet erschrocken über seine Tat. Als Wendlas Schwester ein Kind erwartet, erzählt ihre Mutter ihr die Mär vom Klapperstorch. Nachdem sie Melchior auf dem Heuboden verführt hat, ist sie erst recht durcheinander.

»Melchior, meine Mama sagt, man wird nur schwanger, wenn man jemanden liebt – aber ich liebe dich ja nicht …«

Daneben kämpft Moritz Stiefel um seine Versetzung. Weil er die nicht schafft, erschießt er sich. In Moritz’ Schulsachen finden sich illustrierte Aufzeichnungen seines Freundes Melchior zum Beischlaf. Diese müssen als Ursache für den Selbstmord herhalten. Daraufhin wird Melchior der Schule verwiesen und von seinen Eltern in eine »Besserungsanstalt« geschickt.

Wendla ist schwanger und stirbt bei einem Abtreibungsversuch. Nun treiben auch Melchior Selbstmordgedanken um. Während er über die Kirchhofmauer klettert, erscheint ihm ein vermummter Herr, der als Symbol des Lebens fungiert. Er schafft es, Melchior von seinem sinnlosen Vorhaben abzubringen.

» … Man soll seine Würde nicht außer acht lassen. – Unter Moral verstehe ich das reelle Produkt zweier imaginärer Größen. Die imaginären Größen sind ›Sollen‹ und ›Wollen‹. Das Produkt heißt Moral und lässt sich in seiner Realität nicht leugnen …«

Das vorliegende wunderschöne Buch wirft sicherlich auch die Frage nach seiner Aktualität auf. Gewiss haben die dargestellten Ereignisse heute nicht mehr den gleichen schockierenden Effekt wie einst, doch sind Themen wie die Verleugnung eigener Gefühle, gewaltfreie, moderne und offene Erziehungsmethoden, frühe und ungewollte Schwangerschaft usw. immer aktuell. Wedekinds kompakter und ereignisreicher Text ist rasch gelesen, bricht viele Tabus und ist deswegen immer noch spannend. Vor allem, wenn er uns so fein präsentiert wird.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen – Eine Kindertragödie | Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2014 | 96 Seiten | amazon-info

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Matt Ruff: Mirage

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 9. Juni 2014

Matt Ruff: MirageDies ist der Tag, der die Welt verändert. Es ist der 21. Scha’ban des Jahres 1422 nach der Hijra. Beziehungsweise laut dem internationalen Handelskalender: der 9. November 2001. Sonnenaufgang ist in Bagdad um 6 Uhr 25. Als die ersten Strahlen auf die Tigris-und-Euphrat-Zwillingstürme fallen, steht ein alter Mann im Hauptspeisesaal des Restaurants »Fenster zur Welt« und blickt hinaus auf die Stadt.

Am 9.11.2001 fliegen christliche Fundamentalisten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des Welthandelszentrums von Bagdad. Die Vereinigten Arabischen Staaten (VAS) beginnen einen jahrelangen Kampf gegen den Terrorismus und besetzen die terroristischen Hochburgen von Amerika. Acht Jahre nach dem Anschlag neigt sich der Kampf dem Ende zu und in Bagdad geht das Leben seinen gewohnten Gang. Dann erfahren drei Bundesagenten des Arabischen Heimatschutzes von einem verhafteten amerikanischen Selbstmordattentäter, dass sie sich alle in einer Parallelwelt befinden. Ihre Suche nach der Wahrheit wird von verschiedenen Seiten behindert. Seltsame Reliquien werden gefunden, die nur gefälscht sein können. Beispielsweise die New York Times vom 12. September mit den zerstörten Türmen des World Trade Center darauf.

Matt Ruffs Buch ist reich an Anspielungen, wobei er die Geschehnisse nicht Eins zu Eins umkehrt, sondern auch den jeweiligen kulturellen Begebenheiten anpasst. Dies beginnt bereits beim Datum und seiner Schreibweise. Die Anschläge in Bagdad fanden am neunten November statt, dem 9.11. In dieser Welt sind die VAS die einzige wirtschaftliche Supermacht, während Amerika in Trümmern liegt und Europa nie zu bedeutender Größe gewachsen ist. Ruff liefert diese Hintergrundinformationen zwischen den einzelnen Kapiteln durch Einträge aus der »Bibliothek von Alexandria« ein, einem Internetportal wie Wikipedia:

Ein davon sehr verschiedenes Bagdad – eines, das die Post-9.11.-Stimmung leider realistischer wiedergibt – wird in der gegenwärtig äußerst erfolgreichen Serie »24/7 Jihad« porträtiert, deren einzelne Staffeln jeweils einen Tag im Leben des Antiterror-Kämpfers Jafar Bashir schildern.

Bei Büchern über Parallelwelten gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man lässt die »verdrehte« Welt für sich stehen oder man versucht, ihre Herkunft zu erklären. Ruff hätte besser den ersten Weg beschritten, entschied sich aber für den zweiten, was zu einigen Längen in der zweiten Hälfte führt. Doch seine Auflösung ist so einfach wie genial, obwohl manche Leser sie unbefriedigend finden werden. Eine scheinbare Notlösung wie bei Stephen Kings »Die Arena«, aber angesichts des kulturellen Hintergrunds, in dem »Mirage« spielt, gefiel mir diese Erklärung ausgesprochen gut.

Wenn man den phantastischen Aspekt mal außer Acht lässt, handelt es sich um einen grundsoliden Politthriller – und zwar einen der besseren. Der Roman ist actionreich und spannend, darüber hinaus randvoll mit interessanten Ideen, klugen Anspielungen und prominentem Personal.

Verglichen mit Ruffs früheren Romanen ist der Stil knapp und sehr geradeaus. Mir fehlte die ungebremste Fabulierkunst seiner ersten beiden Romane, aber dies ist offensichtlich den Konventionen des Thrillergenres geschuldet, das der Autor hier nutzt. Trotzdem ist »Mirage« ein Volltreffer. Als Thriller, als Politsatire und als Science-Fiction-Roman.

Matt Ruff: Mirage | Deutsch von Ditte und Giovanni Bandini
dtv 2014 | 496 Seiten | amazon-info

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T. C. Boyle: World’s End

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 2. Juni 2014

T. C. Boyle: World's End»Your mother was a saint, yeah. Selfless. Good. Righteous. Those eyes of her. But maybe too good, too pure, you know what I mean? Maybe she made me feel like shit in comparison, made me feel like hurting her – just a little, maybe. Like your Jessica, right? Am I right? Goody-good?«

Walter van Brunt wächst bei Adoptiveltern auf, nachdem sein Vater seine Mutter eines Tages verlässt und sie sich daraufhin zu Tode trauert. Seine Eltern und seine Adoptiveltern wirkten 1949 bei der Organisation einer pro Bürgerrechts- und Arbeiterveranstaltung mit, die zu den im Roman so genannten Peterskill Riots entgleiste. Denn amerikanische »Patrioten« organisierten Proteste gegen die Veranstaltung. Sie verhinderten nicht nur, dass die geplanten Konzerte und Vorträge stattfanden, sondern griffen die bereits versammelten Teilnehmer an und verletzten viele von ihnen schwer, darunter Walters Adoptiveltern und seine Mutter. Sein Vater verließ die Veranstaltung, als ihnen die Bedrohung klarwurde, angeblich, um die nationale Polizei zu Hilfe zu rufen, was er aber nie getan hat. Stattdessen ist er ohne eine Erklärung verschwunden.

Bis zu seinem 22. Geburtstag im Jahr 1968 glaubt Walter diese Version darüber, was mit seinen Eltern passiert ist, die ihm seine Adoptiveltern sein ganzes Leben lang erzählt haben. Erst dann fängt er an zu hinterfragen, ob diese Geschichte mit der Version seines Vaters übereinstimmen würde, was sein Vater an jenem Abend wirklich getan und was ihn dazu getrieben hat.

Auslöser für Walters Zweifel ist ein Motorradunfall, bei dem Walter sein rechtes Bein verliert. Walter hält sich für einen »freien« und »seelenlosen« Existentialist, weshalb er es verschmäht, seinen Geburtstag mit seiner Freundin Jessica und seinen Adoptiveltern zu feiern. Stattdessen betrinkt er sich, fährt betrunken mit dem Motorrad nach Hause und stößt mit einer Gedenktafel zusammen, die an die Hinrichtung von einem gewissen Jeremy Mohonk und einem Cadwallader Crane erinnert, die im 16. Jahrhundert gegen die Autorität der Gutsherrenfamilie van Wart rebellierten.

Die van Warts, holländische Siedler, hatten verschiedenen Indianerstämmen, darunter die Kitchawanks, das Land abgeluchst und verteilten es an kleinere Farmer, die dafür einmal im Jahr einen festgelegten Betrag an Naturalien und Geld zahlen mussten – darunter auch Walters Vorfahren. Parallel zu Walters Suche nach seinem Vater, erzählt Boyle die Geschichte der van Brunts und van Warts im 16. Jahrhundert. T. C. Boyle vermeidet dabei jede Schwarz-Weiß-Malerei. Wunderbar ironisch charakterisiert er Walter, den Möchtegern-Einzelgänger, seine Freundin Jessica und seinen besten Freund Tom, zwei Hardcore-Anhänger der Flower-Power- und Umweltbewegung, den Großgrundbesitzer Depeyster van Wart, seine Hippie-Tochter Mardi, Depeysters Frau, die sich als Wohltäterin für Indianer engagiert.

Aus zahlreichen Querverweisen und Gemeinsamkeiten zwischen Vor- und Nachfahren im 16. und 20. Jahrhundert entsteht ein dichtes Netz an Zusammenhängen, das immer wieder die Frage nach Vorherbestimmung – sei es durch historische Umstände oder Genetik – und freiem Willen im menschlichen Handeln aufwirft. Über allem steht immer die Frage, warum Menschen handeln, wie sie handeln, besonders wenn ihr Verhalten völlig irrational und unerklärlich scheint. Gegen Ende des Romans bekommt Walter endlich die Gelegenheit, genau diese Frage auch seinem Vater zu stellen.

T. C. Boyle: World’s End | Englisch
Bloomsbury 1996 | 480 Seiten | amazon-info

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Zoran Drvenkar: Du

Vorgestellt von Hardy Crueger in Genreliteratur am 26. Mai 2014

Zoran Drvenkar: DuRagnar
Leo beugt sich über Oskar und schüttelt ihn. Keine Reaktion. Leo schlägt ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Einmal, zweimal und weicht zurück. Es passt nicht zu ihm. Wenn Leo zurückweicht, gibt es ein Problem. Du reagierst sofort. Deine Körperfunktionen fahren herunter. Die Atmung, der Herzschlag. Das Blut fließt langsamer, die Gedanken bewegen sich wie zähe Melasse. »Reptil, ich werde zu einem verdammten Reptil«, denkst du, als Leo auch schon feststellt:
- Er ist nicht mehr.

Der Plot des Romans »Du« ist genau so, wie ihn der Fan von einem ernstzunehmenden Thriller erwartet: fünf Mädchen, um die 16 Jahre alt, auf der Flucht. Verfolgt von der skrupellosen Verbrecherbande, der die fünf Kilo Heroin und die Pistole gehören, die die Mädels bei sich haben. Im letzten Drittel des Buches werden sie mit einem geklauten SUV von Berlin über Hamburg und Dänemark bis nach Norwegen fliehen. Allerdings kreuzt sich der Weg der Mädchen und ihrer Verfolger auf verhängnisvolle Weise mit dem eines Psychopathen. Dieser Mann bringt alle paar Jahre massenhaft Menschen um: mal ein Dutzend Autofahrer, die bei Nacht und Schneesturm in einem Stau stehen, mal rottetet er einen halben ICE aus, mal ein ganzes Dorf.

Aber der Stil und der Aufbau des Buches sind so gar nicht das, was ein trivialer Thriller-Fan erwartet. Der Roman verlangt dem Leser viel mehr Aufmerksamkeit ab, als die meisten anderen, zumeist seelenlosen Machwerke dieses Genres. Denn es sind viele, fein miteinander verwobene Handlungsstränge, die uns Drvenkar in seinem Buch erzählt. Sei es ein Junge, der den Mädchen helfen will, sei es der Chef der Bande oder der Psychopath, jede der knapp 20 Personen bekommt ein Gesicht und eine Vita. Und das alles erzählt er nicht nur auf eine dynamische, sehr erfrischende Art und Weise – sondern auch noch in einem äußerst bemerkenswerten Stil.

Es sind meist die einfachen Dinge, die genial sind. Hier ist es die Erzählebene: Der Autor schlüpft für jeden Mitspieler in dessen Kopf und erzählt uns das Kapitel in der zweiten Person Singular – »Du«. Das wirkt, als würde ich mit mir selber sprechen, zum Beispiel wenn mir mal wieder etwas aus der Hand gerutscht ist: »Na, das haste ja wieder toll hingekriegt.« Damit erreicht er gleichzeitig Nähe und Distanz zwischen Figuren und Leser, ganz anders, als wenn er das Buch in der Ich-Form geschrieben hätte. So sind die Kapitel dann auch nach der Person benannt, in dessen Kopf wir uns gerade befinden: Rute, Schnappi, Mirko, Ragnar, Nessi usw. … und das ist wirklich faszinierend zu lesen, zumal der Autor auch nicht davor zurückschreckt, in den Kopf eines bereits Verstorbenen zu schlüpfen.

Schnappi
Deine Freundinnen wissen nichts davon. Du hast Angst, dass sie dich für Psycho halten und sofort in eine Anstalt einweisen lassen. Wahrscheinlich hast du das von deiner Mutter geerbt. Sie nennt sich eine Schamanin und behauptet, sie kann spüren, wenn Tote an ihr vorbeilaufen. … Du hast das Wort nachgeschlagen und bist dir sicher, dass deine Mutter keine Schamanin ist, denn sie hat ihre Fähigkeiten nie zum Wohl der Gemeinschaft eingesetzt. Hexe passt besser.

Wenn der Roman wegen der jungen Protagonistinnen streckenweise an ein Jugendbuch erinnert, hat der Autor das vielleicht genau so gewollt. Vielleicht hat er ein spannendes Buch für eben diese Zielgruppe schreiben wollen. Ein ungewöhnlicher Thriller mit einer ausgefeilten Sprache ist ihm auf jeden Fall gelungen. Echte Klasse!

Zoran Drvenkar: Du | Deutsch
Ullstein 2012 | 576 Seiten | amazon-info

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Liselotte Foster: Oft erschreckt mich Abendrot

Vorgestellt von Sabine Anders in Deutschstunde am 19. Mai 2014

oft_erschreckt_mich_abendrotLiselotte Foster, geboren 1928 und langjährige Herausgeberin der Schwabmünchner Allgemeinen, erzählt im ersten Teil ihrer Memoiren »Oft erschreckt mich Abendrot« von ihrer Kindheit, die von Nationalsozialismus und Krieg geprägt ist. Dabei zitiert sie immer wieder aus ihren Original Tagebucheinträgen aus der Zeit und nimmt den Leser mit in die Wahrnehmung des Kindes, das oft noch nicht weiß, welche Reaktionen und Gefühle auf bestimmte Ereignisse und Informationen »normal« sind, also erwartet werden, das rasch und unbewusst die Indoktrination der Nationalsozialisten in sich aufnimmt, die Lehren aber auch gegen abweichende erwachsene Einstellungen abwägt. Zu dem kindlichen Erleben gesellt sich der Kommentar der erwachsenen Erzählerin aus der Rückschau, was eine faszinierende Perspektive auf diese Zeit ergibt.

Den Großteil ihrer Kindheit verbringt Liselotte Foster in einem kleinen Ort in der Nähe des Lechfelds. Einerseits sind da natürlich der Krieg und die Politik, die das Leben der Menschen maßgeblich bestimmen. Andererseits ergibt sich aus Fosters Geschichten über individuelle Schicksale der faszinierende Eindruck, dass der Krieg, abgesehen von Äußerlichkeiten, die Lebensläufe und vor allem Einstellungen vieler Menschen gar nicht sonderlich beeinflusst hat und eher mal mehr, mal weniger im Hintergrund gelaufen ist, dass lokale Ereignisse viel ausschlaggebender waren als die Weltpolitik.

Der Bürgermeister zum Beispiel und einige Dorfbewohner ignorieren politische Befehle und weigern sich, etwas an der Stellung des »Dorftrottels« oder der Juden in der Gegend zu ändern. Faszinierend ist beim Lesen auch, wie die Ausblicke auf die Zukunft der einzelnen Schicksale die Gegenwart relativieren: Immer wieder wird deutlich, wie vergänglich alles ist, was die Menschen sich in ihrem Leben aufbauen und wonach sie streben, wie plötzlich der Tod oder ein anderes unerwartetes Ereignis alles zunichtemachen kann, auch ohne Krieg.

Fosters Mutter ist zunächst begeisterte Hitler-Anhängerin und gerät darüber oft in Streit mit der Großmutter und anderen Verwandten und Bekannten. Auch Fosters Vater, der die erste Zeit ihrer Kindheit hauptsächlich abwesend im Ausland ist, ist »Altparteigenosse«. Als er zurückkehrt, überschattet er Fosters Kindheit mit seiner Gewalt. Trotzdem empfindet Foster gegen Kriegsende Respekt und Bewunderung für ihn, weil er es schafft, seine Stellung dazu zu benutzen, beim Herannahen der Amerikaner den Durchhaltebefehl zu sabotieren und den Ort friedlich zu übergeben.

Mit der gleichen gemischten Perspektive aus kindlicher Unbefangenheit, unbewusster Verstricktheit und Rückschau aus der Zukunft erzählt Foster, wie ihr Vater durchsetzt, dass sie als zehnjähriges Mädchen in ein Jungeninternat in Calw aufgenommen wird, in dem ihre Mitschüler alle älter sind als sie, ebenso wie die Mädchen in dem Heim, in dem sie wohnt. Trotzdem hat Foster diese Zeit in besserer Erinnerung als die daran anschließende Schulzeit in einem von Nonnen geführten Mädcheninternat in Augsburg. Als die Bombenangriffe zunehmen, kehrt sie nach Hause zurück und erlebt mit, wie ihr Elternhaus zerstört wird. Von da an hat ihre Familie fast nichts mehr zu verlieren außer das Leben. Faszinierend ist auch hier, wie das Schicksal eines Hundes und einer Katze in Fosters Schilderung der Bombenangriffe einen größeren Raum einnimmt als das einiger Menschen in ihrem Leben.

Auch den Wechsel der Machtverhältnisse nach Kriegsende beschreibt Foster einerseits aus ihrer Sicht als Siebzehnjährige und als Erwachsene mit viel Abstand. Die Entnazifizierungsversuche der Amerikaner muten dabei eher hilflos und ineffektiv an. Mit viel Glück gelingt es ihr, nach dem Krieg ein Stipendium für ein Journalistikstudium in den USA zu bekommen. In diesem Land trifft sie auf eine Generation, die in vollkommen anderen Verhältnissen aufgewachsen ist. Foster schließt ihre Memoiren mit den Worten: »Wir hatten keine politischen Ideale mehr und die amerikanischen sagten uns nicht zu. Wir wussten, dass es Jahre dauern würde, bis wir uns nicht mehr als Verlorene fühlten.« Man darf gespannt sein auf den zweiten Teil!

Liselotte Foster: Oft erschreckt mich Abendrot | Deutsch
Wißner Verlag 2014 | 200 Seiten | amazon-info

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