Thomas Pynchon: Bleeding Edge

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 20. April 2015

bleeding_edge»DeepArcher, die Zentrale«, sagt Lucas mit einer ausladenden Darf-ich-vorstellen-Geste.

Ursprünglich – und man wundert sich über ihren Weitblick – hatten die Jungs vor, einen virtuellen Ort zu erschaffen, an dem man vor den zahlreichen Misslichkeiten der wirklichen Welt Zuflucht finden kann. Ein riesiges Motel für die Geplagten, ein Asyl, das mit dem virtuellen Nachtexpress von überall, wo es eine Tastatur gibt, erreicht werden kann.

Bisher wurde in Pynchon-Rezensionen immer auf seine mediale Abwesenheit und die wenigen existierenden Fotos aus den Fünfzigern hingewiesen. Anlässlich der Rezeption von »Bleeding Edge« wich dieser Punkt dem allgegenwärtigen Hinweis auf das fortgeschrittene Alter des Autors. Pynchon ist inzwischen 77 Jahre alt und trotzdem atmet sein neues Werk mehr teen spirit als alle Hipster-Debüts der Saison.

Die Verwunderung beruht wahrscheinlich auf den fundierten Kenntnisse der Computer- und Hacker-Szene, die er hier vorführt. Aber Pynchon hat schon immer gewusst, worüber er schreibt, weil er sich zuvor die Materie umfassend aneignete. Sei es die Welt der Landvermesser im 18. Jahrhundert, die Trivialliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg oder die kalifornische Hippieszene der 70er und 80er Jahre. Kein Wunder also, dass er auch über die Dotcom-Gesellschaft unzählige Anspielungen und Insider-Gags einflechten kann. Aber die Scherze über Computerspiele, Law & Order, Dragonball Z usw. zeugen neben einem großartigen Sinn für Humor auch von einem tiefempfundenen Verständnis für die Inhalte. Trotz des Alters des Autors also alles andere als ein Alterswerk.

Worum geht es? Nun, wie immer um alles. Maxine Tarnow hat ihre Lizenz als Wirtschaftsprüferin verloren und arbeitet nun als Privatdetektivin in New York. Zwischen dem Platzen der Dotcomblase und den Anschlägen vom 11. September erfährt sie von den Machenschaften einer übermächtigen Computerfirma. Sie lernt DeepArcher kennen, eine sehr radikale Form von Second Life, und begegnet Legionen von skurrilen Figuren, wie sie sich wohl nur in New York tummeln können. Die Handlung ist wieder einmal Nebensache, das Genre eine Mischung aus Krimi und Stadtpanorama, und natürlich gibt es auch ein paar Songs.

Wie immer bei der Lektüre von Pynchon – jedenfalls geht es mir so – entfaltet sich die ganze Pracht des Buches erst beim zweiten Durchgang. Beim ersten Lesen gab ich nach der Hälfte auf, weil ich nichts verstand und sich alle Dialoge wie unzusammenhängendes Geplapper anhörten und anfühlten. Nach zwei Monaten wagte ich einen neuen Versuch und ließ mir mehr Zeit. Mein Fehler war klar: Ungeduld. Als hätte ich nach monatelanger Vorfreude die neueste Staffel meiner Lieblingsserie im schnellen Vorlauf angesehen und hinterher das Gefühl beklagt, die Handlung nicht verstanden zu haben.

Die zweite Lektüre war das wunderbare Leseerlebnis, das ich schon beim ersten Mal erhofft hatte. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, ein völlig anderes Buch zu lesen. Ich behielt den Überblick über die Figuren, alles ergab Sinn und die verqueren Gedankengänge ließen mich mehrmals laut auflachen. Man muss konzentriert sein, denn dieser Text verzeiht gedankliche Abschweifung nicht, dazu schlägt er zu viele und zu schnelle Haken und enthält zu viele Informationen.

Ein anstrengendes Buch, das Durchhaltevermögen erfordert und belohnt. Aber wenn man sich an Pynchons Stil gewöhnt hat, ein unerschöpflicher Quell der Freude. Jedes seiner Bücher kann man immer wieder lesen und jedes Mal neue Satzperlen, Gags und Erkenntnisse finden. Möge er noch lange so weitermachen!

Thomas Pynchon: Bleeding Edge | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Rowohlt 2014 | 602 Seiten | amazon-info

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Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 13. April 2015

Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit»In einer Nacht wie dieser … eine Verabredung mit wem? Die heutige Welt schlief, und meine Welt erwachte erst, wenn die Droge mich in ihre Gewalt bekam … Ich parkte den Wagen dicht am Graben, kletterte über das Tor zum Feld und suchte meinen Weg zu der Grube neben dem Steinbruch, denn hier hatte einst die Eingangshalle gelegen. Dort im Dunkeln neben einem Baumstumpf schluckte ich den Inhalt des Fläschchens…«

In ihrem ersten Quartalsprogramm 2015 präsentiert die Büchergilde Gutenberg nicht nur einen Klassiker im neuen Gewand, sondern liefert einmal mehr starke Argumente für das schöne Buch. Dass der Leser mit der außergewöhnlichen Geschichte um eine Droge der Sucht nach den Seiten erliegt und nicht merkt, dass die Geschichte bereits 1969 geschrieben wurde, beweist die einzigartige Erzählkunst der Grand Dame der englischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Die Rede ist von Daphne du Maurier und ihrem letzten großen Roman »Ein Tropfen Zeit«.

Der Professor der Biophysik Magnus Lane aus London experimentiert in seiner Freizeit heimlich mit einer Zeitdroge. Er überredet seinen Freund, den Schriftsteller Richard Young, sich für seine Versuche zur Verfügung zu stellen. Als Dank darf Young mit seiner Frau Vita und ihren beiden Söhnen aus erster Ehe in Lanes abgelegenem Landhaus in Cornwall Urlaub machen.

Im geheimnisvollen Keller geschieht das Unvorstellbare: Mit der Einnahme weniger Tropfen von Lanes »Zauber«-Flüssigkeit wird Young in das 14. Jahrhundert versetzt. Immer stärker verfallen Lane und Young dem gefährlichen Verlangen nach den historischen Ereignissen und Orten. Der eine lässt die Begebenheiten der Vergangenheit sogar von einem Studenten untersuchen und zeitlich belegen. Der andere fühlt sich von den Schauplätzen magisch angezogen. Manchmal fällt es Young schwer, die Zeiten auseinanderzuhalten und sich im Heute zu orientieren. Seine Angst, etwas zu verpassen – unbeherrschbar; der Trieb zum Voyeurismus – zügellos.

Als sich die beiden Freunde an einem Wochenende für einen gemeinsamen »Trip« in die Vergangenheit verabreden, wartet Young vergeblich auf seinen Freund. Lane kommt unter mysteriösen Umständen ums Leben. Young ist inzwischen so abhängig von den bizarren historischen Geschehnissen, dass er seine Frau, die Polizei und gar den Richter, der Lanes Tod untersucht, belügt. Er riskiert leichtfertig seine Gesundheit und setzt seine Ehe aufs Spiel. Die Sucht hat ihn so fest im Griff, wie die unheimliche Geschichte inzwischen den Leser.

Wer den Text heute liest, lässt sich auf einen ungemein aktuellen Roman ein, der sich mit den Folgen herkömmlicher Sucht auseinandersetzt, aber auch die heutigen digitalen Entgleisungen, den exzessiven Gebrauch von Handy, Tablet und Co. oder die Sogwirkung der virtuellen Welt erklären kann. Mauriers Sprache ist kultiviert, an Metaphern reich und zeitlos. Der Leser wird hin und her gerissen zwischen den unglaublichen Geschichten, immer mit dem Verlangen noch tiefer einzudringen.

Einzig die wunderbar atmosphärischen Ölbilder von Kristina Andres lassen den Rezipienten zeitweilig inne halten und den Inspirationen nachspüren, die die Bilder zum Gelesenen wachrufen. Natürlich könnten die auch ganz für sich stehen. Doch sie fangen die mal traumverlorene, mal beklemmende und sogar heitere Stimmung des Romans hervorragend ein. Nicht nur der traurige Junge mit dem gesenkten Blick wird sich im Leser-Gedächtnis einbrennen, auch das kleine Fläschchen mit den Zeittropfen wird lange nachwirken.

Daphne du Maurier: Ein Tropfen Zeit | Deutsch von Margarete Bormann
Edition Büchergilde 2015 | 304 Seiten | amazon-info

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Anthony Doerr: All the light we cannot see

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 23. März 2015

all_the_light_we_cannot_seeWerner is succeeding. He is being loyal. He is being what everybody agrees is good. And yet every time he wakes and buttons his tunic, he feels that he is betraying something.

Werner Pfennig, ein Waisenkind mit weißem Haar, wächst in den 1930er-Jahren zusammen mit seiner Schwester Jutta in einem Waisenhaus in der Zeche Zollverein im Ruhrgebiet auf – heute Bergbaumuseum und Unesco-Welterbe. Werners Vater ist im Bergwerk zu Tode gekommen und dem Jungen graut vor dem Tag, wenn er, wie es vorgeschrieben ist, als Jugendlicher selbst zu der Arbeit unter Tage herangezogen werden wird. Doch es kommt anders: Werner ist technisch und mathematisch begabt. Durch sein Geschick im Reparieren von Radios fällt er den Nationalsozialisten auf und kommt auf eine militärische Eliteschule – für Werner die einzige Möglichkeit, die er sieht, einer für ihn erdrückenden Zukunft als Bergbauarbeiter zu entkommen.

Auf der Schule trägt Werner dazu bei, eine Technik zu entwickeln, die es den Nazis erlaubt, feindliche Radiosender aufzuspüren. Zunächst freut Werner sich über die wissenschaftliche Arbeit und über seinen Erfolg und versucht, das latent schlechte Gefühl, das die Nazipropaganda in ihm verursacht, zu unterdrücken und nicht aufzufallen. Wenig später wird sein Alter gefälscht und er wird als 18-Jähriger – in Wirklichkeit ist er erst 16 – an die Front in Russland geschickt. Während er sich noch fragt, ob er das als Belohnung oder Bestrafung seines Mathelehrers auffassen sollte, sieht er, wozu seine Technik angewandt wird.

Parallel zu Werners Geschichte konstruiert der Autor Anthony Doerr, der Amerikaner ist, einen Erzählstrang rund um ein blindes Mädchen, Marie-Laure, die in Paris als Halbwaise mit ihrem Vater aufwächst, der für das Naturkundemuseum arbeitet. Als die Deutschen Paris besetzen, fliehen die beiden in den Küstenort Saint-Malo zu Marie-Laures Onkel Etienne, der noch vom Ersten Weltkrieg so traumatisiert ist, dass er sein Haus nicht verlässt.

Wie der Roman Marie-Laure und Werner zusammenführt, ist zugegebenermaßen wenig plausibel: Etienne beherbergt in seinem Haus ein Radio, über das die Résistance verschlüsselte Botschaften verschickt – ein Sender, den Werners Einheit gegen Kriegsende aufspüren soll. Als Kind hat Werner jedoch auf einem selbstgebastelten Radio wissenschaftliche Vorlesungen von Marie-Laures Großvater gehört, die von diesem Sender ausgingen. Als er diese Verbindung herstellt, beschließt er, Verräter zu werden und Marie-Laure zu retten.

Die Erzählung springt nicht nur zwischen den Figurenkreisen um Werner und Marie-Laure hin und her, sondern auch zwischen dem August 1944, als Saint-Malo von den Alliierten bombardiert und Werner unter Trümmern verschüttet wird, den frühen 1930er-Jahren sowie Ereignissen in den Jahren zwischen 1940 und 1942. Das Ende des Romans wirft einen Blick auf die überlebenden Figuren in den 1970er-Jahren und der Gegenwart. Die kunstvollen Verbindungen zwischen den Figuren und Ereignissen, die Doerr anhand vieler kleiner Details schafft, wirken zwar nicht übermäßig konstruiert, können aber nicht überdecken, wie wenig plausibel der Plot ist. Das muss einen aber nicht stören. Die ersten rund hundert Seiten lesen sich eher zäh, aber dann packt einen die Geschichte doch und man will wissen, wie sie ausgeht.

Doerrs Roman wirft nicht wirklich neue Fragen über den Zweiten Weltkrieg auf. Anhand von Werners Geschichte versucht er, sich dem ewigen Problem anzunähern, wie ganz gewöhnliche Deutsche zu Monstern werden konnten. Indirekt stellt er auch die Frage, ob der Holocaust einzigartig ist. Kritiker in den USA werfen ihm auch vor, dass er das Leid der Deutschen im Krieg genauso darstelle wie das der Alliierten, dass er den Holocaust relativiere, ästhetisiere, sentimentalisiere und dadurch normalisiere.

Ganz grundlegend stellt der Roman die Frage, woher man weiß, was falsch und was richtig ist. Als Etienne Marie-Laure an die vielen Toten aus dem Ersten Weltkrieg erinnert und ihr klarmacht, dass das, was sie tun, auch Menschenleben kostet, sagt sie, aber wir sind auf der guten Seite, und er antwortet, dass er es hoffe. Das Motiv eines fluchbeladenen Diamanten, das Doerr in seine Erzählung einwebt, wirft die zeitlose Problematik auf, wie frei der Mensch in seinen Entscheidungen ist. Wie es Werners Freund drastisch formuliert: »Your problem is that you still believe you own your life.«

Anthony Doerr: All the light we cannot see | Englisch
Fourth Estate 2014 | 544 Seiten | amazon-info

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Craig Johnson: Longmire – Hell is empty

Vorgestellt von Detlef Knut in Originale am 16. März 2015

Craig Johnson: Longmire – Hell is emptyDer Roman des amerikanischen Schriftstellers Craig Johnson folgt vom Erzählstil her dem eines Detektivromans. Protagonist ist Sheriff Walt Longmire vom Absaroka County Sheriff Department, der die Geschichten in der ersten Person erzählt. Sein Amt übt er hier seit dreißig Jahren aus. Absaroka County liegt in Wyoming, nahe des Bighorn-Gebirges und nahe eines Indianerreservats. Deshalb gibt es neben dem Polizeiteam von Longmire, welches außerhalb der Reservation zuständig ist, eine Reservatspolizei. Johnson hat mit der Nähe zum Reservat die Chance ergriffen, über das heutige Leben der Indianer zu berichten und darüber hinaus alle polizeilichen Ermittlungen etwas mystisch anzuhauchen.

Der hier besprochene Roman erschien 2011 innerhalb der Walt Longmire Mysteries-Reihe, in welcher Longmire der Chefermittler ist. Jeder Roman kann ruhigen Gewissens für sich alleine gelesen werden. Bei »Hell is empty« geht es zunächst darum, dass Raynaud Shade, ein adoptierter Crow Indianer gerade gestanden hat, vor zwanzig Jahren einen Jungen ermordet und in den Bighorn-Bergen verscharrt zu haben. Die Leiche soll im Amtsbereich von Longmire liegen. Bei einem Gefangenentransport von Shade und einiger weiterer Mörder, der durch das Reservat führen soll und außerdem vom FBI begleitet wird, brechen die Gefangenen aus. Dabei nehmen sie Geiseln mit.

Von nun an beginnt eine Hetzjagd in Schnee und Kälte durch das Gebirge. Der Rädelsführer der Gefangenen hebt sich durch besondere Brutalität hervor. Longmire jagt dem Gangster lange Zeit alleine hinterher, leere Akkus kappen immer wieder die Kommunikation mit seinen Leuten und dem Freund Henry Standing Bear, einem Cheyenne. Geführt wird Longmire lediglich von der indianischen Mystik und einem Taschenbuch des Romans »Dante’s Inferno«.

Longmires Abneigung gegenüber Smartphones macht ihn besonders sympathisch. Da begegnet ihm ein alter Indianer. Zufällig ist es der Großvater des Opfers, weshalb der brutale Ganove festgesetzt wurde. Ist diese Begegnung wirklich Zufall? Der Indianer hilft dem verletzten Sheriff. Doch der fragt sich immer wieder, ob er vielleicht wegen seiner geschwundenen Kräfte in der Eiseskälte halluziniert. Denn der Indianer verschwindet immer wieder so plötzlich wie er kommt. Obwohl er stets verspricht, an seiner Position zu bleiben.

Mir gefällt an diesen Longmire-Krimis besonders das für deutsche Verhältnisse exotische Setting. Wenn es kein Krimi wäre, könnte man ihn auch als modernen Wild-West-Roman einordnen. Was ihn nicht weniger spannend macht. Ich kann den Roman bestens empfehlen.

Craig Johnson: Longmire – Hell is empty | Englisch
Penguin Books 2012 (Reprint) | 352 Seiten | amazon-info

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Adam Hochschild: King Leopold’s Ghost

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 9. März 2015

Adam Hochschild: King Leopold's GhostThese were the years when, to the distress of many a young male European, Europe was at peace. For a young man looking for battle, especially battle against a poorly armed enemy, the Congo was the place to go. For a white man, the Congo was also a place to get rich and to wield power.

Im Mittelpunkt von Adam Hochschilds Buch »King Leopold’s Ghost« steht die Geschichte des Kongos als Kolonie Belgiens. Er erzählt, wie der belgische König Leopold aufwächst und wie er darunter leidet, dass sein Land eher klein und unbedeutend ist und dass Parlamente weltweit die Rechte der Könige immer stärker einschränken. Um dem Abhilfe zu schaffen, will Leopold unbedingt eine Kolonie, die groß und profitabel ist und in der er als absolutistischer Alleinherrscher agieren kann. Nachdem der berühmte Forscher Morton Stanley – seine eher unglückliche Kindheit kommt ebenfalls zur Sprache – den Kongo für Leopold erschlossen hat, tarnt der belgische König seine skrupellose Ausbeutung des Landes, die insgesamt rund zehn Millionen Kongolesen das Leben kostet, als philanthropisches Projekt und humanitäre Entwicklungshilfe.

Eine Weile gelingt es ihm, die anderen europäischen Großmächte zu täuschen. Bis Edmund Morel, ein Engländer und Reedereiangestellter, entdeckt, dass zwar aus dem Kongo haufenweise teures Elfenbein und Gummi per Schiff in Antwerpen ankommen, im Gegenzug aber immer nur Waffen und Militär dorthin geliefert werden. Morel forscht nach, kommt König Leopolds Ausbeutung des Kongos durch Sklaverei und Zwangsarbeit auf die Spur und macht die Zustände gegen beachtlichen Widerstand publik.

Morel schafft es, eine weltweite Protestbewegung – die erste ihrer Art – auf die Beine zu stellen, die dazu führt, dass Leopold die Regierungsgewalt im Kongo an Belgien abtreten muss – allerdings erst nach langem Ringen, kurz vor Leopolds Tod, nachdem der Kongo bereits total verwüstet und ausgezehrt ist. Morel wird eine Art Held, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert zunächst, dass sich an der Situation für die Einwohner des Kongos etwas wesentlich verbessert.

»King Leopold’s Ghost« ist ein Buch, das tatsächlich die Welt verändert hat. Da Leopold noch zu Lebzeiten alles versucht hat, um die Wahrheit über seine Kolonie zu vertuschen, und belastendes Beweismaterial vernichtet hat, waren die dunklen Seiten der Geschichte des Kongos trotz der hohen Anzahl an Toten tatsächlich bis zur Veröffentlichung von Hochschilds Buch kaum einem breiteren Publikum bekannt. Und doch geht es in dem Buch nicht in erster Linie darum, Belgien anzuklagen oder seine Schuld offenzulegen. Vielmehr setzt Hochschild das Geschehen im Kongo von Anfang an in den Kontext nicht nur des gesamten europäischen Kolonialismus, sondern vergleicht es auch mit anderen Verbrechen an der Menschheit, darunter natürlich der Holocaust.

Er geht der Frage nach, welche Voraussetzungen grundsätzlich in einem System gegeben sein müssen, damit es zu so einem großangelegten Unrecht kommen kann. Er fragt, warum ausgerechnet der Kongo eine weltweite Protestbewegung ausgelöst hat, und nicht eine der anderen Kolonien, in denen es ähnlich zuging. Er geht auf die Geschichte des Kongos und Afrikas vor der Kolonialzeit ein und das Problem, dass Geschichte immer nur die Mächtigen schreiben und von den Opfern meist keine Zeugnisse aus erster Hand überliefert sind. Er beschreibt, wie es dazu kommen kann, dass ganze Länder die negativen Seiten ihrer Geschichte systematisch und aktiv vergessen. Er verfolgt die Geschichte Afrikas und des Kongos bis in die Gegenwart und erklärt, warum nicht nur der Kolonialismus schuld an der aktuellen Situation vor Ort ist.

Dabei ist Hochschilds Ton nie anklagend oder selbstgerecht, sondern sehr sachlich und dadurch umso schockierender. In einem zusätzlichen Nachwort von 2005 – ursprünglich erschienen ist das Buch bereits 1999 – erzählt der Autor von den Reaktionen, die sein Werk über die Geschichte des Kongos ausgelöst hat. Zum Beispiel, dass das belgische Museum für Zentralafrika jetzt wenigstens einige Exponate zu den Schattenseiten von Belgiens Wirken im Kongo in seinen Ausstellungen aufgenommen hat, dieses Wirken aber nach wie vor als überwiegend positiv darstellt. Oder auch, dass ihm einerseits zahlreiche Belgier dafür dankten, sie mit diesem Teil ihrer Geschichte bekannt gemacht zu haben, andererseits aber viele, die aus dem Kongo fliehen mussten, als er unabhängig wurde, sein Buch als unwahr verunglimpften – und darin waren sie auch nicht die einzigen.

Ein konservativer belgischer Afrikanistik-Professor prophezeite laut Hochschild, dass »King Leopold’s Ghost« wenige Jahre nach seinem Erscheinen in Vergessenheit geraten würde. Stattdessen ist es heute, über fünfzehn Jahre nach seiner Veröffentlichung, immer noch eine spannend zu lesende Pflichtlektüre – eigentlich für alle.

Adam Hochschild: King Leopold’s Ghost | Englisch
PanMacmillan 1999 | amazon-info

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Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 2. März 2015

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel»Ich bestehe darauf, dass ihr dieses Buch so bald wie möglich lest. Ich bin zufällig darauf gestoßen -, und es hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich sofort an Hatchards geschrieben und zwei Dutzend bestellt habe. Ich habe mir vorgenommen, es jedem zu schenken, dem ich begegne.«
Francis Wyndham: (»Der andere Garten«)

Die Möglichkeiten, arabische Literatur in deutscher Übersetzung lesen zu können, sind begrenzt. Seit vergangenem Herbst ist die Auswahl um einen Autor reicher geworden. Der irakische Schriftsteller Fadhil al-Azzawi lebt seit 1977 im Exil in Berlin. Sein Roman »Der Letzte der Engel« entstand Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und ist vor ein paar Monaten in der Übersetzung von Larissa Bender beim Schweizer Dörlemann Verlag erschienen.

Fadhil al-Azzawi nimmt den Leser mit in das Kirkuk der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Stadt im Nordirak liegt bedrohlich nahe an den großen Ölfeldern. Sie beherbergte damals Araber, Juden, Kurden, assyrische Christen, Turkmenen und zählte damit zu den vielen multikulturellen Orten im Vorderen Orient. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Chukor-Viertel, ein vergessener Stadtbezirk am Rand. Deren Einwohner plagen sich scheinbar nur mit Armut und Dämonen herum. Letztere heißen auch Dschinne und sind orientalische Geister, die den Menschen gern Streiche spielen. Sind sie etwa für die Einbrüche verantwortlich oder schüren den weit verbreiteten Aberglauben?

Multikulti birgt zahlreiche originelle wie dubiose Gestalten, deren Geschichten und ihre verhängnisvollen Schicksale. Fadhil al-Azzawi serviert sie dem Leser auf dem silbernen, reichlich verzierten Tablett à la Tausendundeiner Nacht. Er fabuliert ausschweifend, präsentiert die Geschichte in der Geschichte mit märchenhaften Details und übernatürlichen Handlungssträngen. Der Leser kann sich nie ganz sicher sein, ob er im Moment Satire, blühende Phantasie oder reine Poesie rezipiert. Larissa Bender gelingt es überzeugend, den durchgängig heiteren Grundton aufzunehmen und bis zum Ende widerzuspiegeln. Bei ignoranten Monarchen, die berechtigte Anliegen des Volkes kalt lassen, Gefahr durch Kommunisten, Putschversuchen und erfolglosen Streiks in den Ölfabriken ein anspruchsvolles Unternehmen.

Hamid Nylon wird von der britischen »Iraq Petroleum Company« entlassen, weil er die Frau seines Arbeitgebers mit einem Paar Nylonstrümpfen verführen will. Daher rührt auch sein Spitzname. Es folgen Demonstrationen gegen Hamids Entlassung, der junge König wird ermordet. Die Vertreibung der Engländer zieht sich bis in die Gegenwart hin, Putsch-Serien und Kriege ebenso. Der Leser nimmt an einer herrlich komischen Satire auf eine Revolution teil, dessen Anführer der selbst ernannte Oberst Hamid Nylon wird. Seiner Entschlossenheit steht der weise, besonnene und lebenserfahrene Chidr Musa entgegen, der sich vom geldgierigen Schafhändler zum selbstlosen verantwortungsbewussten Protagonisten entwickelt. Der siebenjährige Burhan Abdallah hat sich das Schreiben selbst beigebracht. Er begegnet in einer Kiste auf dem Dachboden seiner Eltern drei alten Männern, die in Hanfleinensäcken den Frühling mit sich führen. Wer will schon genau wissen, ob sie Engel, Geister oder die Seelen Verstorbener sind …

Während al-Azzawis abstruser und grausamer Geschichten versiegt das Leser-Lachen hin und wieder. Demonstranten jagen einem kopflos um sich schießenden Polizisten hinterher, der dabei einen schwarzhäutigen Friseur namens Qara Qol tötet. Als jemand in die Welt setzt, dass sein Geist in einer Lichtsäule zum Himmel aufgestiegen sei, verwandelt sich der Mann in einen Heiligen. Aus dem Heiligengrab entstehen eine Geschäftsidee und gleichzeitig das Ziel einer tragikomischen Schnitzeljagd. Spätestens als der Polizist den halbwüchsigen Söhnen Qara Qols in die Hände fällt, wacht man aus dem Tausend-und-eine-Nacht-Märchen-Traum auf. Von der grauenvollen Realität eingeholt, sieht der Leser die fürchterlichen Bilder eines totalitären islamistischen Staates vor Augen.

Burhan Abdallah kehrt am Ende nach 46 Jahren Exil noch einmal nach Kirkuk zurück, begleitet von zwei Visionen mit starker Symbolkraft: den endlich eingekehrten Frühling und den Weltuntergang.

Die Sicht auf den Nahen Osten scheint fünfhundert Seiten später ein wenig klarer geworden. Um sich in diese fremde Welt einzufühlen, braucht es weit mehr solcher Bücher.

Fadhil al-Azzawi: Der Letzte der Engel | Deutsch von Larissa Bender
Dörlemann 2014 | 520 Seiten | amazon-info

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Daniel T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine GeistergeschichteIch habe David Foster Wallace nie kennengelernt. Unser einziges Zusammentreffen fand 1996 bei einer Party zum Erscheinen des Unendlichen Spaßes statt – die Verlagsparty, über die er später Don DeLillo schrieb, es sei die erste, die er je besucht hatte, »und wenn es einen Gott im Himmel gibt, auch meine letzte.«

Die Lebensgeschichte von David Foster Wallace. Er war ein hochbegabter Schüler, ein erfolgreicher Tennisspieler und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Literatur. Sein Selbstmord im Jahre 2008 ließ viele Fragen offen und einige von ihnen werden in diesem Buch beantwortet.

Der Autor stellt sehr schön den Bezug zwischen dem Werk und dem Leben von Wallace dar. Seine Verehrung für Thomas Pynchon in der Anfangszeit, die später einer noch größeren Bewunderung für Don DeLillo wich, mit dem er auch im regen Briefwechsel stand. Seine Freundschaft und sein Konkurrenzkampf mit Jonathan Franzen. Seine unzähligen Liebschaften, bis er nur wenige Jahre vor seinem Tod die große Liebe fand. Sein langer Kampf gegen Alkohol, Drogen, Angstattacken und Depressionen. Seine Süchte bekam er unter Kontrolle, doch die Depression gewann schließlich.

Eindringlich beschreibt der Autor, wie sehr Wallace an seinem Werk und seiner Krankheit gelitten hat. Heutzutage, da Wallace allerorts als Genie gefeiert wird, erscheint es schwer zu glauben, mit welchen Widerständen durch Lektoren und Kritiker er zu Beginn seiner Karriere zu kämpfen hatte. Nach der weltweiten Anerkennung für »Unendlicher Spaß« veröffentlichte er zehn Jahre lang erfolgreiche Sachtexte und Erzählungen, während alle auf den Nachfolgeroman warteten. »Der bleiche König« erschien erst posthum als unvollendeter Roman.

»Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte« ist ein sehr gut recherchiertes und unterhaltsam geschriebenes Buch. Ungeheuer detailliert und informativ, bis im letzten Drittel das Tempo angezogen wird. Das Ende erfolgt im Buch dann ebenso abrupt, wie es auf die Menschen in David Foster Wallaces Umgebung gewirkt haben muss.

Daniel T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte
David Foster Wallace. Ein Leben
| Deutsch von Eva Kemper
Kiepenheuer & Witsch 2014 | 512 Seiten | amazon-info

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen

Vorgestellt von Sabine Anders in Moderne Literatur am 9. Februar 2015

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganzen normalen BullshitWir sind doch alle in unseren Beruf reingescheitert.

Lukas Frey hat von einer Werbeagentur in die Marketingabteilung einer Firma, genannt Konzern AG, gewechselt. Dort soll er an der Werbekampagne für die Einführung eines neuen Produkts mitarbeiten. Das Problem: Niemand außer den Ingenieuren in der Entwicklungsabteilung kann das Produkt bedienen und es hat auch keinen »funktionalen Mehrwert«. Bezeichnenderweise erfährt der Leser nie, was das Produkt eigentlich ist oder was die Konzern AG genau macht. Die Werbung dafür, die Lukas’ Abteilung »Marketing II, New Products« entwickeln soll, ist völlig losgelöst vom Produkt.

Genauso losgelöst von jedem konkreten Inhalt scheinen auch alle anderen Aktivitäten in den Unternehmen und die meisten Äußerungen der Mitarbeiter, die sich hinter zahlreichen Anglizismen verstecken. Besonders gelungen ist Ramges Persiflage einer Vorstandssitzung, in der sich die Diskussion aus Sätzen zusammensetzt wie »Ob wir perspektivisch erfolgreich sind, ist doch vor allem ein Thema des Mindsets« – »Und um das Mindset zu ändern, brauchen wir eine breitere Awareness für das Thema«. Ein weiteres Highlight ist eine Mitteilung der Konzern AG für die Aktionäre, die Ramge laut Nachwort angeblich fast wortwörtlich von Daimler-Chrysler übernommen hat.

Der Protagonist Lukas spielt das Spiel zwar gekonnt mit, ist sich aber stets bewusst, dass das alles ziemlicher Blödsinn ist. Aus Ramges Imitation der Sprache der Arbeitswelt und den Überlegungen, die sein Protagonist dazu anstellt, ergibt sich ein sehr unterhaltsames, schnell gelesenes Buch, das auch ohne großen Plot auskommt.

Zu Lukas’ Team gehören unter anderem Julia, die früher auch in einer Werbeagentur gearbeitet hat, aber vorhat, sich demnächst selbständig zu machen; Daniel, der Überstundenrekordhalter, der um jeden Preis Karriere im Konzern machen will, aber gnadenlos scheitert; Dr. Meyerbeer, der ein Alkoholproblem hat und schnurstracks auf einen Burnout zuschlittert; und sein Chef, Dr. Jan-Phillip Wendenschloss, der früher bei McKinsey war. Erschwert wird ihre Arbeit für das Marketing durch einen Umstrukturierungsprozess, der gleichzeitig im Unternehmen läuft und ebenfalls von McKinsey-Leuten geleitet wird.

Zum Kennenlernen müssen alle in Lukas’ Team ein Überraschungs-Ei auspacken und erklären, warum sie genau so sind wie die Figur darin – oder warum nicht. Sie müssen einen Persönlichkeitstest machen mit Fragen wie »Neigen Sie eher zu Quadraten oder Kreisen?« Bei dem Warm-up für einen Workshop müssen sich alle gegenseitig in enthusiastischem Tonfall mit »Sales Du« anreden und als Teambuilding-Maßnahme – der Ersatz für gestrichene Betriebsausflüge – ein Rudel Wölfe bei der Fütterung beobachten und daraus Schlüsse über Führungskultur ziehen. Zwischendurch bekommen sie unter dem Motto »own the way you work« Gelegenheit auszuprobieren, wie es ist, von zu Hause aus zu arbeiten.

Kein Wunder, dass Lukas sich angesichts seines absurden Arbeitslebens immer öfter fragt, was er von seinem Leben eigentlich will. Als die Konzern-AG von einer chinesischen Firma übernommen wird, bieten sich ihm grandiose Aufstiegschancen. Sein Chef, der frühere McKinsey-Berater, hält aufgrund der Ergebnisse des Persönlichkeitstests sehr viel von ihm – obwohl Lukas die Fragen so verrückt fand, dass er sie nur mit Hilfe einer Flasche Bier beantworten konnte. Am Ende findet schließlich auch Lukas den Absprung.

Thomas Ramge: Montags könnt ich kotzen: Vom ganz normalen Bullshit | Deutsch
rororo 2014 (3. Auflage) | 256 Seiten | amazon-info

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T.C. Boyle: Hart auf hart

Vorgestellt von Holger Reichard in Moderne Literatur am 2. Februar 2015

hart_auf_hartEr trug seinen Kampfanzug und hatte das Messer umgeschnallt. Die Stiefel waren schmutzig, und Gesicht und Kopfhaut waren gebräunt wie bei einem Rettungsschwimmer. Hinter ihm, in dem Flur, der zum Wohnzimmer führte, sah sie die dunklen Umrisse seines Rucksacks und den schmalen Schatten des Gewehrs, das an der Wand lehnte.

Der pensionierte Schuldirektor Stensen, kurz Sten, und seine Frau Carolee sind auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik unterwegs. Sie haben in Puerto Limón in Costa Rica angelegt und brechen mit einer kleinen Reisegruppe auf ins Landesinnere, zu einer Naturwanderung. Am Ziel angekommen werden die Touristen von drei jungen Bandidos überfallen. Was die Ticos nicht wissen: Sten ist Vietnam-Veteran und trotz seines hohen Alters noch immer geübt im Nahkampf. Er nutzt einen Moment ihrer Unachtsamkeit und setzt sich zur Wehr – mehr oder weniger erfolgreich. Der Ausgang dieses Raubüberfalls ist jedenfalls dramatisch.

Erzählt ist damit lediglich der Prolog von T.C. Boyles neuem Roman »Hart auf hart«, der in diesen Tagen auf Deutsch erscheint und damit noch vor der amerikanischen Originalausgabe erhältlich ist. Fokussiert ist die Erzählung allerdings weniger auf Sten, sondern vielmehr auf seinen Sohn Adam, ein eigenbrötlerischer, wortkarger Psychopath, der zurückgezogen in einer einsamen Waldhütte lebt, Schlafmohn anbaut und sich in beängstigender Schizophrenie für eine moderne Ausgabe des legendären Trappers John Colter hält.

Als Anhalter lernt Adam die 40jährige und damit nicht unwesentlich ältere Sara Hovarty Jennings kennen. Sie ist im Gegensatz zu Adam äußerst redselig und durch eine freiberufliche Tätigkeit als Hufschmiedin halbwegs in der Gesellschaft verankert. Dennoch hadert auch sie mit den Realitäten des Lebens, sieht in staatlichen Institutionen ihren größten Feind und ist nach einer bewussten Missachtung der Gurtpflicht, eigentlich ein recht banales Vergehen, nur allzu bereit, diese Feindschaft offen und eskalierend auszutragen. Dass ihr ausgerechnet jetzt der kompromisslose Adam über den Weg läuft, kommt ihr nicht ungelegen. Hart und hart treffen aufeinander. Der Titel der deutschen Ausgabe ist Programm und bemerkenswert gut gewählt.

Man ahnt an dieser Stelle schon, wie sich die Geschichte fortsetzen wird, zumal T.C. Boyle ihr Schöpfer ist. Es ist kennzeichnend für seine Romane und Kurzgeschichten, dass er die Menschen sehenden Leserauges ins offene Messer laufen lässt, sie scheitern lässt, an sich selbst – und an der Natur. Letzteres, das Scheitern an der Natur, zieht sich wie ein roter Faden durch Boyles Gesamtwerk. Und so nimmt es auch hier kein gutes Ende, für keinen der beteiligten Akteure.

Nach der letzten Seite ist man beinahe froh darüber, dass es kam, wie es kommen musste. Denn anders als sonst in Boyles Romanen, gibt es dieses Mal – bis in den kleinsten Winkel der Geschichte hinein – nicht eine einzige Figur, die man in sein Herz schließen möchte. Zu destruktiv sind ihre Handlungen, zu dämlich ihre Ansichten, zu groß ihre Vorurteile.

Am schlimmsten aber ist: Boyle liegt damit hart an der Realität, nicht nur an der amerikanischen, sondern auch an der europäischen. Denn man hat sie beim Lesen des Buches unweigerlich vor Augen, die Attentäter auf Charlie Hebdo, die unzähligen Verschwörungstheoretiker in den Sozialen Medien, die xenophoben Wutbürger der Pegida-Bewegung. Sie alle spiegeln sich in Adam und Sara und in den Nebenfiguren der Geschichte auf erschreckende Weise wider.

Deshalb wäre es falsch, bei »Hart auf hart« von einem großen Lesespaß zu sprechen. Nein, das Buch macht keinen Spaß. Aber gute, lesens- und empfehlenswerte Bücher, und zu dieser Kategorie zählt Boyles neuer Roman, haben ja nicht nur die Aufgabe, einem Freude zu bereiten.

T.C. Boyle: Hart auf hart | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Hanser 2015 | 400 Seiten | amazon-info

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Daniel Suarez: Control

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 26. Januar 2015

Daniel Suarez: ControlDer Physiker Jon Grady hat ein Verfahren entwickelt, um die Schwerkraft aufzuheben, und macht sich bereits Hoffnung auf den Nobelpreis. Doch im Augenblick seines größten Triumpfs stürmen Terroristen sein Labor und ermorden alle Anwesenden. Die Medien melden Gradys Tod.

Kurz darauf erwacht der Wissenschaftler in einer futuristischen Gefängniszelle. Eine geheime Regierungsorganisation verhindert seit Jahren die Veröffentlichung von wegweisenden Erfindungen, die die Welt verändern könnten. Angeblich zum Wohle der Menschheit, die für solches Wissen noch nicht bereit sei. Das hält die Organisation natürlich nicht davon ab, die Erfindungen für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Den entführten Wissenschaftlern bleibt nur die Wahl, entweder mit der Organisation zu kooperieren oder ihr Leben in ewiger Gefangenschaft zu verbringen.

Dies ist die Ausgangslage für einen spannenden Kampf zwischen Grady und der Organisation, die seinen Widerstand mit hochtechnisierten und auch recht primitiven Mitteln zu brechen versucht. Aber Grady beweist einen langen Atem.

Was folgt, hat wenig mit dem üblichen Thrillergeschehen zu tun. Die Erfindungen, die Suarez beschreibt, klingen wie erfunden. Allzu phantastisch erscheinen die Möglichkeiten, über die die Organisation verfügen soll. Aber so einfach macht es sich der Autor nicht. Alles, was in dem Buch geschildert wird, ist zumindest theoretisch möglich oder befindet sich bereits in der Entwicklung.

Suarez schreibt großartige Techno-Thriller und diesmal mit besonders großem Science-Fiction-Anteil, durch den die Hauptfiguren am Ende wie Superhelden wirken. Das letzte Drittel des Buches finde ich deshalb (oder trotzdem) nicht mehr so gelungen. Zuerst liest es sich wie eine spannende Mischung aus einem modernen Jules Verne und »Der Graf von Monte Christo«, danach wie ein eher mittelmäßiges Marvel-Drehbuch.

»Control« ist nicht mehr so überraschend und komplex wie Suarez’ Erstling »Daemon«, aber immer noch ein empfehlenswerter Thriller.

Daniel Suarez: Control | Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
rororo 2014 (2. Auflage) | 496 Seiten | amazon-info

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