Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 24. November 2014

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte»Die Weltereignisse im Jahre 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte – ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland, – zerrissen mich wiederholt vielfältig, ohne mich von meiner Bahn abzulenken. Ich schrieb in diesem Sommer, um mich zu zerstreuen und die Kinder eines Freundes zu ergötzen, das Märchen Peter Schlemihl, das in Deutschland günstig aufgenommen und in England volkstümlich geworden ist.« (Adelbert von Chamisso)

Zugegeben, Chamissos Märchen »Peter Schlemihls wundersame Geschichte« in der Ausgabe des Kunstanstifter-Verlages ist schon einige Jahre zu haben. Dennoch üben die Illustrationen von Franziska Walther und die Einheit von Buchgestaltung, Typografie und Text immer noch einen unwiderstehlichen Reiz aus.

Der sprichwörtliche »Pechvogel«, Unglücksrabe und Narr; der »Schlamassel«, wie man in der ostjüdischen Kultur sagt, hatte es im 19. Jahrhundert auch anderen Autoren angetan. E.T.A. Hoffmann veranschaulicht das Schicksal des Protagonisten in seiner »Geschichte vom verlorenen Spiegelbild«, Jacques Offenbach verewigt Schlemihl als Nebenbuhler in seinen berühmten Hoffmanns Erzählungen. Drei Jahrzehnte später wagen sich Friedrich Christoph Förster und Ludwig Bechstein an zwei Fortsetzungen und Hans Christian Andersen schreibt sein Märchen »Der Schatten«.

Mit einem Empfehlungsschreiben für eine neue Anstellung sucht Peter Schlemihl nach einer anstrengenden Seefahrt den reichen Kaufmann Thomas John auf. Im dortigen Garten fällt ihm ein merkwürdiger grauer Herr auf, der vom türkischen Teppich bis hin zum Feierzelt alles aus seiner Tasche zaubern kann. Ein paar Tage später begegnet Schlemihl ihm wieder und verkauft dem Unbekannten seinen Schatten gegen ein Säckel voller Gold, das nie versiegt.

Von nun an meiden ihn die Menschen. Bemerken sie seine Schattenlosigkeit, halten sie sich aus Angst vor ihm fern oder verspotten ihn. In einem fernen Badeort richtet sich Peter Schlemihl mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel so ein, dass seine Schattenlosigkeit anfangs nicht auffällt. Doch die Liebe zu der schönen Mina und der Verrat durch seinen hinterhältigen zweiten Diener Rascal lassen den Helden der Geschichte in große Not geraten.

Chamisso verwendet für sein fein gesponnenes Märchen die im 19. Jahrhundert populäre Briefform und verarbeitet darin eine selbst erlebte Begebenheit. Freilich ist die Geschichte sprachlich ganz in ihrer Zeit gefangen, dennoch liest sie sich eingängig. Die drei Elemente aus dem Märchen (Glückssäckel, Siebenmeilenstiefel, Teufelspakt) wecken die unerfüllten Wünsche des Lesers.

Schlemihls Ringen mit dem Teufel kratzt an den eigenen Wertevorstellungen. Warum ist der Verlust des Schattens so schlimm? Achten nur redliche Menschen auf ihn? Müssen Reiche immer einen solchen haben? Verlieren nur einfache Leute ihren Schatten während einer schweren Krankheit? Ist in ihm gar die menschliche Seele manifestiert? Ist Schattenlosigkeit ein Makel, der den Ausschluss aus der Gesellschaft zur Folge hat? Welche Symbolik dem Schatten zukommt, bleibt allein des Lesers Phantasie vorbehalten.

Genügend angeregt wird diese durch die wunderschönen Illustrationen von Franziska Walther, deren zum Teil doppelseitige Bilder eine ganz eigene Aussagekraft entwickeln. Lediglich drei Farben benötigt sie dafür: Dunkelgrün, Blau und Gelb. Ihre Schatten auf dem Umschlag und dem Hardcover wirken präsent, wichtig, überdimensional. Der Teufel als übler Bursche zaubert neben den erwähnten Dingen im Märchen noch Brillantring, I-Pod und Kreditkarte dazu, die Siebenmeilenstiefel messen sich mit einem Flugzeug und Schlemihls Fluchtwagen gleicht einer amerikanischen Luxus-Limousine. Wohl dosierte Farbspritzer sorgen für die Lebendigkeit der Bilder.

Peter Schlemihl ist im Heute angekommen. Mögen noch viele Leser dieses schönen Buches auf ihn aufmerksam werden, wenn er uns als ethnische Minderheit, als politisch oder religiös Verfolgter, als Gestrauchelter, Drogensüchtiger oder Obdachloser begegnet.

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte | Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2011 | 128 Seiten | amazon-info

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin

Vorgestellt von Sabine Anders in Kurzgeschichten am 17. November 2014

Elizabeth Ellen: Die letzte AmerikanerinIch hatte schlimme Dinge getan, aber nichts, was durch die Amputation eines Armes nicht überschattet worden wäre. Er war kein unvernünftiger Mensch. Es war nur wahrscheinlich, dass er genau wie ich auf so etwas wartete.

Elizabeth Ellen hat ihre Kurzgeschichten in den USA in renommierten Literaturmagazinen veröffentlicht und ist selbst Mitherausgeberin eines Literaturmagazins.

Der Band »Die letzte Amerikanerin« bietet laut Klappentext eine Auswahl ihrer besten Geschichten. Ellen scheint bei ihren Lesern recht extreme Reaktionen hervorzurufen: Einige hassen ihre Geschichten und lesen nie wieder eine, andere lesen sie schon seit Jahrzehnten und finden sie toll, hauptsächlich wohl wegen ihres künstlerischen Werts.

Inhaltlich geht es in allen Geschichten in diesem Band um selbstzerstörerische, gescheiterte Frauenfiguren, die sich am Rande der Normalität bewegen – oder auch schon jenseits davon. Mit schuld daran sind in einigen Geschichten erwartungsgemäß die männlichen Figuren, die die Frauen misshandeln oder bestenfalls ausnutzen, in erstaunlich vielen Fällen aber auch die eigenen Mütter.

Gewalt gegen andere und gegen sich selbst bestimmt die Lebenswelt dieser Figuren, oft gemischt mit Drogen und Sex, manchmal wirkt ihre Umwelt fast surreal. Liebe kommt eigentlich nur in Form von ungesunder und zerstörerischer Besessenheit vor. Die Mütter scheinen ihre Töchter durchweg damit zu traumatisieren, dass sie sich keinerlei Mühe geben, ihr Sexleben vor ihren Kindern zu verbergen.

Die ersten drei Geschichten, die fast die Hälfte des Buches ausmachen, werden aus der Sicht derselben Protagonistin erzählt. Ihre Mutter schläft im Nebenzimmer ihrer minderjährigen Tochter mit wechselnden Liebhabern, sodass diese es mithören kann. Die Tochter fühlt sich davon halb abgestoßen, halb erregt. Die Mutter schiebt ihre Tochter auf ein Internat ab, in dem sie mit den anderen Mädchen ruinöse erotische Beziehungen eingeht. Bei einem Aufenthalt beim Vater, über den man nicht viel erfährt, außer dass es die Mutter partout nicht mit ihm ausgehalten hat, bedrängt sie schließlich ihre Halbschwester sexuell.

Ein anderes Mädchen hat eine Liebesbeziehung mit ihrem Bruder und bildet sich ein, für seinen Tod verantwortlich zu sein. Die Frau der titelgebenden Geschichte amputiert sich selbst den Arm, als sie unter einem gefällten Baumstamm festliegt, als Selbstbestrafung und Botschaft für den Mann, der sie verlassen hat. Eine weitere Frau fantasiert sich eine Internetbeziehung mit einem prominenten Autor zusammen.

Ellen bewegt sich mit ihren Geschichten in der Tradition der amerikanischen Erzählliteratur, in der Brutalität und Hässlichkeit als Zeichen für die Realitätsnähe und Authentizität einer Geschichte gelten. Ob man ihre Geschichten mag oder nicht, hängt wahrscheinlich entsprechend stark davon ab, was für ein Wirklichkeitsbild man selbst hat. Passend dazu – und äußerst ungewöhnlich für die heutige Zeit – bildet der Umschlag die Autorin mit einer Zigarette in der Hand ab. Die Sprache ist klar und schnörkellos, gelegentliche Bilder sind verstörend, aber auch treffend. Sehr gelungen ist die Übersetzung.

Elizabeth Ellen: Die letzte Amerikanerin | Deutsch von Christoph Jehlicka
Schwarzkopf & Schwarzkopf 2014 | 240 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Klassiker am 10. November 2014

Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen»Eigentlich war ich anfangs wenig begeistert darüber, ausgerechnet den ›Unrat‹ zu illustrieren, den ich in der Schule schon gelesen und seitdem nie wieder angefasst hatte …« (Martin Stark, Illustrator)

In Heinrich Manns Heimatstadt Lübeck, in der auch sein berühmter Roman »Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen« angesiedelt ist, wurde das Buch möglichst nicht erwähnt. Dennoch erlangte es als Verfilmung unter dem Titel »Der blaue Engel« mit Marlene Dietrich als Rosa Fröhlich Weltruhm.

Der verwitwete 57-jährige Gymnasiallehrer Raat lebt allein und zurückgezogen. Zu seinem Sohn pflegt er keinen Kontakt, weil dessen Lebensstil von seinen spießigen Vorstellungen abweicht (kein Examen, Umgang mit zu vielen unverheirateten Frauenzimmern). Als Professor ist er Generationen von Schülern, deren Kindern und Kindeskindern unter dem Spitznamen »Unrat« bekannt.

Die ironische Wertschätzung, die ihm mit diesem Beinamen entgegen gebracht wird, erkennt Raat nicht. Für ihn steht nur seine Verunglimpfung im Mittelpunkt. Seine Schüler betrachtet er als respektlose Feinde. Einer davon ist der 17-jährige Sprössling des Konsuls Lohmann. Der ist ebenso intelligent wie gewitzt, so dass Unrats drakonische Strafen an ihm abprallen.

Als Raat ihn wegen der Verwendung des Spitznamens erneut an den Pranger stellt, bemerkt er im Aufsatzheft des Schülers ein Gedicht mit dem Titel »Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich«. Um seine Schüler vor dem Umgang mit der zweifelhaften Dame zu schützen und Lohmann endlich zu Fall zu bringen, geht er auf die Suche nach ihr. Er findet heraus, dass sie als »Barfußtänzerin« in dem Vergnügungslokal »Der blaue Engel« auftritt.

Raat sucht das Lokal auf, tritt von einem Fettnäpfchen ins andere und kann sich letztendlich der Anziehungskraft von Rosa Fröhlich nicht mehr entziehen. Rosa umgarnt den Professor. Die Fassade des Tyrannen bröckelt und kehrt den Anarchisten nach außen. Der lässt sich immer mehr auf sie ein, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab, verteidigt sie vehement, bis er sich mit den harten Konsequenzen auseinander setzen muss. Von nun an lebt es sich noch ungenierter. Die Freizügigkeit und ihre Verlockungen rufen einige Opportunisten auf den Plan, die sich an den anrüchigen Gesellschaften im Hause Unrat beteiligen. Der einstige Professor wird als Krimineller zum Sündenbock der kleinstädtischen Doppelmoral vor dem ersten Weltkrieg.

Heinrich Mann karikiert den Bildungsbürger im wilheminischen Deutschland und führt dessen Mentalität ad absurdum. Genau dort setzen auch Martin Starks Illustrationen in der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde Gutenberg an. Hier verbindet sich des Lesers Freude an Heinrich Manns einzigartiger Fabulierkunst mit dem Entzücken über Martin Starks moderne Illustrationen im Stil der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sie regen des Betrachters Phantasie an, halten sich geradezu zwingend an den Film »Der blaue Engel« oder machen gar jüngere Leser neugierig auf den alten Ufa-Streifen.

Die zeitgemäßen Abstraktionen wirken zuweilen fast bizarr und heben sehr schön das Skurrile der Geschichte heraus. Der Professor am Pult gleicht einem Comic-Helden, seine Ecken und Kanten überspitzen den kauzigen Charakter. Die expressionistischen Schwarz-Weiß-Bilder holen den satirischen Klassiker ins Heute, nachvollziehbar und (im wahrsten Sinne des Wortes) mit Fingerspitzengefühl. Die mit dem diesjährigen Gestalterpreis der Büchergilde ausgezeichneten Illustrationen werden bei der zukünftigen Schul-Leserschaft dafür sorgen, dass sie das Buch öfter in die Hand nehmen wird und Professor Unrat so in Erinnerung bleibt.

Heinrich Mann: Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 232 Seiten | amazon-info

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten

Vorgestellt von Holger Reichard in Genreliteratur am 3. November 2014

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten»Was? Unsinkbare Gummienten?«

»Der Ausdruck stammt von James ›The Amazing‹ Randi, einem kanadischen Bühnenzauberer und weltbekannten Skeptiker, der damit Leute meint, die immer weiter an den Hokuspokus glauben, egal wie viele Gegenbeweise man ihnen vorsetzt.«

Man muss das mit den Gummienten erklären. Denn bei einem Buch mit dem Titel »Angriff der unsinkbaren Gummienten« denkt man vielleicht zuerst an einen billigen Science-Fiction-Klamauk. Tatsächlich handelt es sich bei dem neuen Roman des schottischen Schriftstellers Christopher Brookmyre um einen intelligent strukturierten und witzig geschriebenen Krimi, in dem Esoteriker, Trickbetrüger, Geisterbeschwörer und Parapsychologen die Hauptrolle spielen – und ein unbequemer Journalist namens Jack Parlabane. Seine Aufgabe es ist, dem ganzen Hokuspokus ein Ende zu setzen und nebenbei noch den einen oder anderen Mordfall aufzuklären.

Ausgangspunkt der Story ist eine Séance auf Glassford Hall, dem Landsitz des schwerreichen schottischen Möbelunternehmers Bryant Lemuel. Lemuels kürzlich verstorbene Ehefrau meldet sich in dieser Sitzung mit weinerlicher Stimme und intimen Details aus dem Jenseits zu Wort. Gabriel Lafayette, ein amerikanischer TV-Star mit besonderen Gaben, hat dies ermöglicht und will nach der gemeinsamen übernatürlichen Erfahrung ein Institut zur Untersuchung paranormaler Phänomene ins Leben rufen, an der altehrwürdigen Kelvin University in Glasgow, natürlich gut ausgestattet mit Lemuels Millionen.

Doch Lafayette hat einige Gegner. Zum Beispiel Professor Niall Blake, der um den guten Ruf der Universität fürchtet. Oder der sonderbare Student Michael Loftus, der bemüht ist, die Tricks des großen Geisterbeschwörers Lafayette offenzulegen. Und eben Jack Parlabane, der im Laufe der Geschichte einen hohen Universitätsposten annimmt und daher nicht mehr nur als investigativer Journalist ein Anliegen hat, die Wahrheit herauszufinden. Letzteres wird immer dringlicher, weil es zu merkwürdigen Todesfällen kommt und Entscheidungen über den Fortgang des geplanten Instituts zu treffen sind.

Brookmyre lässt die Protagonisten seines Buches, sowohl Gegner als auch Anhänger Lafayettes, abwechselnd zu Wort kommen. Alle erzählen aus ihrer eigenen Perspektive. So liest sich der »Angriff der unsinkbaren Gummienten« (vor allem am Anfang) wie eine Sammlung von Berichten, Protokollen und persönlichen Rückblicken. Alles schön subjektiv, zugleich aber auch ungemein spannend.

Der Leser darf hier fleißig mit ermitteln. Muss er aber nicht. Denn es gibt ja Jack Parlabane und Michael Loftus. Dank ihnen wird nach und nach klar, dass es für viele vermeintlich unerklärliche Dinge doch eine recht einfache Erklärung gibt. Erzählt wird übrigens auch, wie der ganze Spuk einmal angefangen hat. Alles in allem gewährt Brookmyre einige interessante Blicke hinter die Kulissen des Zauberers.

Man kann sein Buch aber auch als eine geist(er)reiche Abrechnung mit (fundamentalen) Gläubigen und Abergläubigen lesen. Deutlich wird dies u.a., wenn er sein Alter Ego Jack Parlabane beinahe ein ganzes Kapitel lang über die Zeugen Jehovas lästern lässt bzw. über den Irrsinn ihrer Ablehnung von Bluttransfusionen. Es ist eine der stärksten Passagen dieses starken Romans und im Gegensatz zu vielen anderen sehr real und frei von allem Übernatürlichen.

»Kann ich nicht machen? Ich kann Ihnen sagen, was ich ›nicht machen kann‹. Gestern Abend habe ich zwei Kinder sterben sehen, weil weder ich noch sonst wer sie retten konnte. Den hier kann ich retten. Und jetzt geben Sie mir die Blutkonserven!«

Christopher Brookmyre: Angriff der unsinkbaren Gummienten | Deutsch von Hannes Meyer
Galiani 2014 | 414 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Max Brooks: World War Z

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 27. Oktober 2014

Max Brooks: World War ZMan erfand Namen wie »Die Krise«, »Die dunklen Jahre«, »Die wandelnde Pest«, aber auch »schicke« Bezeichnungen wie »Z-Weltkrieg« oder »Erster Z-Weltkrieg« dafür. Mir persönlich missfällt letzterer Ausdruck, da er zwangsläufig von einem »Zweiten Z-Weltkrieg« ausgeht. Für mich wird er stets der »Zombie-Krieg« bleiben, und auch wenn viele Leute Einwände gegen die wissenschaftliche Genauigkeit des Wortes »Zombie« vorbringen werden, dürfte es ihnen schwerfallen, einen Ausdruck für die Kreaturen zu finden, die fast unsere Ausrottung bewerkstelligt hätten, der weltweit mehr akzeptiert würde. »Zombie« ist und bleibt ein verheerendes Wort, das wie kein anderes die Macht besitzt, so viele Erinnerungen und Emotionen heraufzubeschwören; ebendiese Erinnerungen und Emotionen sind Gegenstand dieses Buches.

Das Buch ist eine Sammlung von Augenzeugenberichten aus allen Teilen der Welt, die das gesamte Geschehen vom Entstehen der Pandemie bis zu ihrer Bekämpfung schildern. Die Interviews aus den verschiedenen Ländern stellen nicht nur die Bedrohung durch die Zombies dar, sondern auch die Zustände in diesen Ländern, die in vielen Fällen die Ausbreitung der Zombies noch begünstigten. Um sie zu vertuschen oder weil die technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Eindämmung fehlen oder weil einfach die falschen Entscheidungen getroffen werden.

Brooks beschreibt in faszinierenden Kapiteln, wie beispielsweise Nordkorea und Israel der Pandemie begegnen, welchen Einfluss die jeweiligen Kulturen und politischen Systeme haben. Faszinierend erzählt aus der Sicht eines Insassen der Raumstation ISS, eines erblindeten Hiroshima-Überlebenden und eines Geschäftsmannes, der überlegt, wie er die Zombie-Bedrohung vermarkten könnte. Jede Geschichte berichtet ein einzigartiges Szenario. In diesem Buch sind so viele Ideen versammelt, dass danach keine weiteren Zombieromane mehr nötig wären, weil jedes Thema hier behandelt wurde.

Brooks beschäftigt sich mit interessanten Aspekten, die nichts mit den üblichen Horrorklischees zu tun haben. Zum Beispiel, wie die ganze Zivilisation zurückgeworfen wird und heute hochbezahlte Tätigkeiten keine Rolle mehr spielen, sondern handwerkliche Fertigkeiten wieder mehr Bedeutung bekommen. Oder dass Kriegsführung sehr viel mit Psychologie zu tun hat, aber Zombies weder Angst noch Moral haben und sich auf keine Weise beeinflussen lassen. Es gibt zahlreiche Schockmomente, aber die meisten von ihnen werden nicht von den Zombies, sondern durch menschliche Abgründe verursacht. Besonders schonungslos wird das moralische Dilemma geschildert, wenn man seinen Mitmenschen nicht helfen kann und sie sterben lassen bzw. sie sogar aktiv töten muss, um die weitere Ausbreitung zu verhindern und damit die gesamte Menschheit zu retten.

Max Brooks ist der Sohn von Mel Brooks und Anne Bancroft, vielleicht hatte der Verlag deshalb den Eindruck, er müsse das Buch unter dem Titel »Wer länger lebt, ist später tot« als Komödie vermarkten. Die Verfilmung mit Brad Pitt hat einige der spannendsten Ideen aufgegriffen und durch eine gemeinsame Hauptfigur verbunden. Ein häufiger Kritikpunkt an dem Film war, dass er nicht blutig genug für einen Zombiefilm sei, aber angesichts der rasenden Horden wird einem schon gehörig mulmig. Man kann über den Film sagen, was man will, auf jeden Fall hat er dem Buch jetzt seinen Originaltitel und ein angemessenes Cover verschafft.

Max Brooks: World War Z | Deutsch von Joachim Körber
Goldmann 2013 | 448 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Andreas Zwengel: Wespennest

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Genreliteratur am 20. Oktober 2014

Andreas Zwengel: WespennestDer Ort blieb ein Theaterstück ohne Zuschauer. Ein privater Themenpark wie die Neverlandranch von Michael Jackson, wo dieser seine Kindheit nachholen wollte.

Wer den Ort Ginsberg im hessischen Oberlahnkreis auf der Landkarte sucht, wird enttäuscht sein, dass er nicht zu finden ist. Wer jedoch die gut erzählte, spannende Geschichte über das fiktive Dörfchen liest, wird den Ort und seine charakteristischen Bewohner noch lange im Gedächtnis behalten. Obwohl diese frei erfunden sind, wie der Autor Andreas Zwengel vornweg betont. »Wespennest« heißt der Krimi, der ohne Tote und fast bis zum Ende ohne Polizei auskommt, dafür aber mit reichlich Situationskomik gespickt ist.

Im Mittelpunkt stehen die Geschehnisse in Ginsberg. Bürgermeister Carlhainz Garth ist Millionär. Mit seinem Geld, List und Tücke hat er Ginsberg die Hülle beschaulichen Landlebens übergestülpt. Sein neuester Coup ist ein Bauprojekt, mit dem er seinen Reichtum mehren und die High Society aus der Stadt anziehen möchte. Seine engsten Mitarbeiter Viktor und Villeroy sollen Garths schärfste Kritiker mit Gewalt aus dem Dorf vertreiben. Zu ihnen gehören Felix Gernhardt, dessen Onkel Leo sowie Bruno Lorenz und Lothar Wicke. Letztere setzen alles daran, das Hotelprojekt zu sabotieren.

Zugegeben, ganz legal sind die Mittel nicht, die Lorenz und Wicke anwenden. Ihre ein wenig ungeschickt wirkenden Unternehmungen provozieren komödienreife Momente, die einer Lawine gleichen. Felix versucht indes, den (Flur-)Schaden für sich und seine Freunde so klein wie möglich zu halten. Da kann schon mal ein Passat zwischen zwei Bäumen eingekeilt sein oder ein Fußballspiel aus reiner Wettlust manipuliert werden. Felix gerät in eine Massenschlägerei, Leos Waffen verschwinden aus einem billigen Spind, der Einbruch in Garths Firma wird auf einer Videokassette festgehalten und jemand legt die Baumaschinen für Garths nächste Einnahmequelle lahm. Der Autor überspitzt die Verwicklungen in seiner Geschichte und der Leser ahnt, dass des Bürgermeisters filmreife Manipulationen in einer Sackgasse enden werden.

Die Polizei bekommt doch noch ein wenig zu tun. Andreas Zwengel erzählt die Geschichte über Korruption und Machtmissbrauch in einem hessischen Dorf dicht und sehr bildhaft. Seine präzise entwickelten Charaktere beflügeln des Lesers Phantasie und geben so dem Kopfkino genügend Nahrung. Besonders einnehmend, der durchweg leichte Ton, der hier und da auch ironische Züge trägt. Natürlich wird der aufmerksame Leser das eine oder andere Klischee registrieren, doch sind diese wie die famosen Übertreibungen wohl dosiert und sorgen für die Portion Spaß beim Lesen. Gute Unterhaltungsromane müssen unter die Leserschaft, hier ist einer mit langer Nachwirkung.

Das gewohnte Leben in Ginsberg kam schleppend wieder in Gang. Viele Einwohner hatten Grund, sich bei ihren Nachbarn zu entschuldigen, und für eine kurze Weile strahlte eine Aura von Harmonie und Zuvorkommenheit über dem Ort.

Andreas Zwengel: Wespennest | Deutsch
Saphir im Stahl 2014 | 250 Seiten | buchhandel.de

Tagged with:
 

Alfred Lansing: Endurance – Shackleton’s Incredible Voyage

Vorgestellt von Sabine Anders in Originale am 13. Oktober 2014

Alfred Lansing: Endurance - Shackleton’s Incredible VoyageHe now faced an adversary so formidable that his own strength was nothing in comparison, and he did not enjoy being in a position where boldness and determination count for almost nothing, and in which victory is measured only in survival.

Die Geschichte klingt wie der Stoff für einen typischen T. C. Boyle-Roman: Ein leicht größenwahnsinniger Mann ist besessen von einer ziemlich verrückten fixen Idee und setzt sie gegen alle Widerstände in die Tat um. Obwohl die Aussichten auf Erfolg eher unwahrscheinlich sind, gelingt es ihm, Mitstreiter in seinen Bann zu schlagen, die ihm dann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Er zieht sie mit ins Verderben und alle scheitern, aber großartig.

Die Rede ist von dem Antarktisforscher Ernest Shackleton. Der Autor, der die Geschichte erzählt hat, ist Alfred Lansing. Er beginnt sein Buch, das 1959 erschienen, aber bis vor einigen Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten war, mit den Worten: »The story that follows is true.« T. C. Boyle hätte sich wahrscheinlich mehr dichterische Freiheiten erlaubt und die Geschichte dadurch etwas ansprechender erzählt, aber sie ist auch so sehr spannend zu lesen.

Da der Südpol seit 1911 schon erobert war, nimmt Shackleton sich vor, stattdessen den antarktischen Kontinent zu durchqueren – von Küste zu Küste über den Südpol hinweg. Er hatte zwar Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden, die dieses Vorhaben finanziell überhaupt erst möglich machten, aber es war wohl überhaupt kein Problem, Mitfahrer anzuwerben: Angeblich bewarben sich mehr als 5.000 Personen, obwohl Shackleton die Bedingungen der Unternehmung nicht beschönigte.

Mit diesem Ziel, den antarktischen Kontinent zu durchqueren, bricht er 1914 in Richtung Antarktis auf – in einem Schiff mit dem passenden Namen Endurance. Denn im Weddell-Meer bleibt die Endurance im Eis stecken, mit dem sie einige Monate treibt, das sie jedoch schließlich zerdrückt und sinken lässt. Shackletons Expedition war damit bereits gescheitert, wurde aber berühmt, weil er es schaffte, alle seine Männer lebend wieder aus der lebensfeindlichen Eiswüste herauszuholen – wofür er allerdings Jahre brauchte. Nach monatelangem Campieren auf Eisschollen, die immer wieder auseinanderbrechen, beschließt Shackleton, per Boot eine der Inseln »in der Nähe« anzusteuern und von dort aus mit einem Teil seiner Mannschaft zur nächstgelegenen Walfangstation zu fahren, um Hilfe zu holen. Die Boote, die er dafür verwendete, wie auch die restliche Ausrüstung waren für keine der beiden Seereisen geeignet.

Aufgrund seiner Persönlichkeit, vor allem seiner Qualitäten als Führungskraft, schafft Shackleton es nicht nur, dass die einzelnen Männer sich selbst übertreffen und weit mehr leisten als das, wozu sie von sich aus in der Lage gewesen wären. Durch seine geschickte Auswahl, welche der Männer er auf die riskante Bootreise mitnimmt und welche auf der Insel im Eis zurückbleiben und auf Hilfe warten, verhindert er zudem, dass die Männer sich gegenseitig die Köpfe einschlagen oder aufessen – eine durchaus reale Gefahr angesichts der Lebensumstände in der Südpolregion.

Deswegen wird Lansings Buch heute manchmal auch Führungskräften als inspirierende Lektüre empfohlen, wie man ein aussichtsloses Unterfangen mit völlig inadäquaten Mitteln und einem bunt zusammengewürfelten Team zum Erfolg führen kann. Interessanterweise hat Shackleton nämlich bei der Rekrutierung der Expeditionsteilnehmer keine systematischen Vorstellungsgespräche geführt, sondern seine Begleiter hauptsächlich nach Laune und persönlicher Sympathie ausgewählt.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte von Lansings Erzählung ist, wie zufrieden die Männer im ewigen Eis die meiste Zeit sind, wie sie ohne die Zerstreuungen der Zivilisation auf sich selbst zurückgeworfen sind und wie gut sie damit zurechtkommen. Lansings Schilderung basiert dabei auf Tagebüchern, aus denen er immer wieder wörtlich zitiert, und auf Gesprächen und seiner Korrespondenz mit einigen der Expeditionsteilnehmer.

Bemerkenswert ist auch Lansings Beschreibung der Naturgewalten, denen die Männer auf eine Weise ausgeliefert sind, die heute unvorstellbar ist. Die größten Probleme entstehen ihnen dadurch, dass sie ihre Position nicht immer genau bestimmen und das Verhalten des Wetters und der Meeresströmungen nicht durchschauen oder vorhersagen können. Einen Großteil der Zeit navigieren sie auf gut Glück und haben eine Menge Pech, geben aber nie auf.

Alfred Lansing: Endurance – Shackleton’s Incredible Voyage | Englisch
Basic Books 2014 | 357 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Christopher Moore: Lange Zähne

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Genreliteratur am 6. Oktober 2014

Christopher Moore: Lange ZähneC. Thomas Flood (Tommy für seine Freunde) erreichte gerade die Schlussgerade eines feuchten Traums, als er von dem Getrappel und Geplapper der fünf Wongs aus dem Schlaf gerissen wurde. Geishas in Strapsen trollten sich unbefriedigt ins Traumland davon, während Tommy auf den Lattenrost des Bettes über ihm starrte. Der Raum war kaum größer als ein begehbarer Kleiderschrank. Die Betten waren in drei Etagen zu beiden Seiten eines schmalen Gangs aufgetürmt, in dem jeder der fünf Wongs gerade drängelnd versuchte, genügend Platz für sich zu ergattern, um sich eine Hose anzuziehen. Privatsphäre ist schon was Wunderbares, dachte er. Wie die Liebe ist auch die Privatsphäre am deutlichsten spürbar, wenn es an ihr fehlt.

Der junge Tommy Flood ist nach San Francisco gekommen, um ein berühmter Schriftsteller zu werden. Aus finanziellen Gründen muss er sich ein Zimmer mit fünf Chinesen teilen, die ihn alle für eine Aufenthaltserlaubnis heiraten möchten. Er übernimmt die Nachtschicht in einem Supermarkt, die ausschließlich mit Freaks und Nerds besetzt ist, und verliebt sich in seine Zufallsbekanntschaft Jody. Sie wurde gerade von einem alten und mächtigen Vampir gebissen. Während Jody lernen muss, wie man als Vampir überlebt, versucht Tommy seine erste längerfristige Beziehung zu bewahren. Doch der Vampir erhebt Anspruch auf seine Beute.

»Lange Zähne« ist weder eine reine Horrorgeschichte noch eine Mystery-Romanze oder eine Twilight-Parodie, sondern eine Komödie in einem ungewohnten Umfeld. Jody muss sich in ihrer neuen Rolle als Blutsaugerin zurechtfinden. Die Alltagsprobleme, mit denen sie sich herumschlagen muss, sind einfach köstlich. Noch besser haben mir Tommys Arbeitskollegen im Supermarkt gefallen, die ihre Nächte mit Kiffen und Truthahn-Bowling verbringen. Ihre Aktionen sind urkomisch zu lesen, obwohl man solchen Leuten in der Realität nicht begegnen möchte. Tommy steigt rasch zu ihrem Anführer auf. Mit diesen und anderen schillernden Nebenfiguren nimmt er den Kampf gegen den Vampir auf, um Jody zu retten. Deshalb kommt in diesem Buch auch die Spannung nicht zu kurz.

Dies war Mitte der Neunziger mein erster Roman von Christopher Moore und auch jetzt beim erneuten Lesen hatte er dieselbe Wirkung wie damals. Mit einigen Jahren Abstand hat Moore zwei Fortsetzungen geschrieben, die zeitlich direkt an die Handlung von »Lange Zähne« anschließen. »Liebe auf den ersten Biss« hat mich enttäuscht, da es nur ein Aufguss des ersten Buches ist, und die zweite Fortsetzung »Ein Biss sagt mehr als tausend Worte« (Wer denkt sich nur diese Titel aus?) bleibt deshalb vorerst noch im Regal. Aber Highlights wie »Ein todsicherer Job«, »Flossen weg«, »Der törichte Engel« und »Himmelsgöttin« seien jedem ans Herz gelegt.

Christopher Moore: Lange Zähne | Deutsch von Ute Thiemann
Goldmann 2007 | 384 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Martin Cruz Smith: Tatjana

Vorgestellt von Karsten Weyershausen in Genreliteratur am 29. September 2014

Martin Cruz Smith: TatjanaWenn man die Chronologie der Romane von Martin Cruz Smith betrachtet, müsste Arkadi Renko eigentlich im Rentenalter sein. Wer aber konnte 1981 ahnen, dass »Gorki Park«, der erste US-Roman, der einen russischen Polizisten zum Helden hatte, so ein Erfolg werden würde? Sicher nicht der Autor, der sich anfangs noch zierte eine Fortsetzung nachzuschieben.

Die ersten drei Bände endeten mit dem Niedergang des Kommunismus und bescherten dem Ermittler zudem noch ein privates Happy End. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn treue Leser wissen natürlich, dass ein Held wie Arkadi Renko nicht zum Glückspilz taugt. Er ist eine durch und durch tragische Gestalt, die zwar ab und zu einige Erfolge aufweisen kann, doch diese Erfolge sind nie von Dauer. Selbst wenn er am Ende der Geschichte den Fall gelöst und das Mädchen bekommen hat, steht er spätestens im nächsten Buch wieder mit leeren Händen da.

Nach Abschluss der ersten Trilogie wusste Cruz Smith anscheinend nicht so recht, was er mit seinen Ermittler anfangen soll. Der Kommunismus war am Ende und keiner ahnte, was nun passieren würde. Nach einem Abstecher nach Kuba, der das schwächste Buch der Reihe darstellt, lies er seinen Helden nach Moskau zurückkehren, um von dort die wildwüchsige Korruption des Landes in all ihren Facetten zu schildern. Die Renko-Romane waren immer auch eine Bestandsaufnahme, die es gerade ihren amerikanischen Lesern erlaubten mit wohligem Gruseln auf die Miss- und Mangelwirtschaft des ehemaligen Feindes zu schauen.

Mit »Treue Genossen« verpasste Cruz Smith ihm einen süffisant-versoffenen Kollegen, einen unbarmherzigen Vorgesetzten und einen Ziehsohn, Schenja, der nebenbei ein echtes Schachgenie ist. Das Alter Renkos, der mittlerweile hart auf die siebzig zugehen müsste, während Schenja im neuen Band »Tatjana« fast volljährig ist, lässt er diskret unter dem Tisch fallen.

Überhaupt hat Cruz Smith seinen Stil auf das Wesentliche reduziert. In der Kunst des Weglassens hat er es zu wahrer Meisterschaft gebracht. Während es seine Bücher früher nicht selten auf 500 Seiten brachten, benötigt er in seinem neuen Roman gerade 320 Seiten, um zum Ende seiner Geschichte zu gelangen. Inzwischen wird skizziert und angedeutet, wo früher pure Erzählfreude herrschte. Vorbei sind die Zeiten, in denen er zum Beispiel ausführlich das Leben an Bord einer schwimmenden Fischfabrik schilderte, oder die Todeszone von Tchernobyl.

Kaliningrad, der Schauplatz seines neuen Romans erwacht daher an keiner Stelle des Buchs zum Leben. Nur als er er das »Haus der Sowjets« beschreibt, dass von den Bewohnern des Stadt als »Rache der Preußen« verspottet wird, blitzt die alte Erzählfreude auf. Sein ganzes Augenmerk scheint heute den Dialogen zu gelten, die zugegebenermaßen lakonisch sind wie nie.

Im neuen Roman wird unser Ermittler von seinem Vorgesetzten ignoriert und aufs Abstellgleis geschoben bis er auf eigene Faust den ominösen Selbstmord der Reporterin Tatjana Petrowna untersucht. War es Mord, oder wusste die streitbare Journalistin zuviel? Und was ist mit dem verschlüsselten Notizbuch eines Schweizer Dolmetschers, der tot an einem Strand aufgefunden wird? Dann gibt es noch Alexi, den Sohn eines verstorbenen Mafiosi, der ein Auge auf Renkos Freundin geworfen hat und den undurchsichtigen Dichter Maxim.

Sie alle und ein verschwundenes Fahrrad spielen eine wichtige Rolle in einem Fall, der als simple Mordgeschichte beginnt und im Laufe der Handlung immer weitere Kreise zieht. Aber so kennen wir es ja von Martin Cruz Smith. Was dem Leser bei der Stange hält sind die kleinen Momente, wenn er spielerisch die Grenze zur Literatur überschreitet. Diese Momente gibt es im neuen Buch kaum, aber Cruz Smith ist mittlerweile 71 und leidet unter Parkinson, so dass er nur noch per Diktat arbeiten kann. Ob ein weiterer Roman erscheint ist fraglich. Gerade deshalb ist das Ende des Buchs versöhnlich. Untypisch zwar, aber irgendwie passend.

Martin Cruz Smith: Tatjana | Deutsch von Susanne Aeckerle
C. Bertelsmann Verlag 2013 | 320 Seiten | amazon-info

Tagged with:
 

Dennis Lehane: In der Nacht

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 22. September 2014

Dennis Lehane: In der Nacht»Wir sind süchtig danach. Wonach? Nach der Nacht – sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grunde keine Regeln.«

Vielleicht ist manchen Dennis Lehanes Roman »Der Aufruhr jener Tage« noch in Erinnerung. Die Familiengeschichte der Coughlins, die in den Jahren 1918/19 in Boston begann, findet nun »In der Nacht« ihre Fortsetzung. Der Leser begegnet dem stellvertretenden Polizeichef von Boston Thomas Coughlin 1926. Sein Sohn Danny, der Protagonist aus »jenen Tagen«, ist inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschieden und versucht sein Glück in Hollywood als Stuntman, später als Drehbuchautor. Man liest nur am Rande von ihm, denn Dennis Lehane rückt im Roman »In der Nacht« seinen jüngeren Bruder Joseph ins Rampenlicht.

Zu Beginn erfährt der Leser erst einmal von Joseph Coughlins Ende. Oder vielleicht doch nicht? Er steckt mit beiden Beinen in einem zementgefüllten Fass auf hoher See – kurz davor gewaltsam über die Reling zu kippen – und lässt dabei sein aufregendes, abwechslungsreiches Leben Revue passieren.

»Und plötzlich kam ihm der Gedanke, das sein Leben – im positiven wie im negativen Sinne – nicht halb so bemerkenswert verlaufen wäre, hätte ihn das Schicksal an jenem Morgen nicht mit Emma Gould zusammengeführt.«

Als Zwanzigjähriger beraubt der Sohn irischer Einwanderer den mächtigsten und brutalsten Gangsterboss von Boston namens Albert White. Außerdem spannt Joe ihm seine Geliebte Emma Gould aus. Sie ist die Liebe seines Lebens und femme fatale zugleich. Ihre Dezemberaugen entfachen ein kaltes Feuer in ihm, das ihn bis zuletzt umtreibt. Albert Withe rächt sich. Emma verschwindet spurlos, wurde vermutlich sogar ermordet. Joe will sich beweisen, alles anders, alles besser machen als sein Vater, der so stark ist … und gerät dabei auf die schiefe Bahn. Er wird Opfer eines Verrats und landet im grauenvollsten Zuchthaus von Massachusetts. Hier lernt er zu Überleben und bereitet seinen Aufstieg in der Unterwelt vor.

Im Laufe der Geschichte entwickelt Dennis Lehane seinen Helden vom gebeutelten Kleinkriminellen zum geschäftstüchtig und selbstbewusst auftretenden Rum-Schmuggler, dessen Wirkungskreis bis nach Kuba reicht. Für ihn ist das Verbrechen ein Geschäft. Joe befriedigt Bedürfnisse, die erst durch die Prohibition entstanden sind, eine lukrative Einnahmequelle. Sein Weg ist gepflastert mit Überfällen, verruchten Kneipen, Prostituierten, Glücksspiel, Rum und jede Menge Blut. Die zweite Frau, die Joes Geschicke beeinflusst, heißt Graciela. Sie steht ihm in Ybor (Tampa, Florida) mit Rat und Tat zur Seite und sorgt dafür, dass er sein Herz behält.

Der Leser hegt Sympathie für Joe Coughlin, glaubt an das Happy-End, bis die Dame mit den Dezemberaugen wieder auftaucht. Konkurrenten greifen nach Joes Reich in Florida. Nun ahnt der Leser, dass sich Joseph Coughlin in eine Sackgasse verrannt hat. Er liest bis in die Nacht, wird von den Ereignissen überrollt und … liest den Anfang wieder und wieder.

Hollywood reißt sich um das Drehbuch und die zu vergebenden Hauptrollen.

Lehane erzählt sein Gangsterepos dicht und distanziert, jedoch zutiefst menschlich. Sorgfältig und kenntnisreich hat er es in ein Stück Zeitgeschichte verpackt, dass man ansatzweise zu kennen glaubt (die Zeit der Prohibition, des Rassenhasses, des Kampfes gegen Diktaturen und Unterdrückung, des Ku-Klux-Klans, der großen Gangstersyndikate). »In der Nacht« ist ein exzellenter Unterhaltungsroman, dramatisch und bewegend.

Dennis Lehane: In der Nacht | Deutsch von Sky Nonhoff
Diogenes 2013 (3. Auflage) | 592 Seiten | amazon-info

Tagged with: