Mario Früh (Hrsg.): Meine Kühe können fliegen

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Kurzgeschichten am 14. April 2014

Mario Früh (Hrsg.): Meine Kühe können fliegenEine Analphabetin findet in der Jackentasche ihres Mannes einen Brief, dessen Handschrift auf eine Frau schließen lässt. Ihre ungewöhnliche Reaktion hat Michail Sostschenko in einer Herz erwärmenden Geschichte verpackt, die sich in Mario Frühs (Hrsg.) Sammelbändchen »Meine Kühe können fliegen« in wunderbarer Gesellschaft befindet.

Das Buch ist Anfang März bei der Edition Büchergilde erschienen. Die Autoren, deren Erzählungen der Chef der Gildenbücher in dem handlichen Band vereint, beherrschen allesamt die Magie der Wörter und spielen mit Phantasie, Originalität und poetischer Aussagekraft. Die vergnüglichen wie nachdenklichen Geschichten kreisen um das Lesen, Schreiben und Erzählen und lassen auch das eigene Verhältnis zu Geschichten reflektieren.

Erinnerungen werden wach, wie z.B. der eigene Sohn als Kind Abend für Abend das selbst Erdachte einforderte und jede kleinste Abweichung vom Vortag monierte. Monieren lässt sich natürlich auch der geschriebene Text, doch wie das diktatorische System der DDR staatsfeindliche Absichten in poetische Texte hinein interpretierte, lässt selbst eine ihrer ehemaligen Bürgerinnen erschauern. Dem Autor Salli Sallmann ist aufgrund seiner eigenen Erfahrungen im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen ein beklemmendes Zeitzeugnis gelungen.

Mit der Schilderung seines Versuches, die deutsche Sprache zu lernen, strapaziert Mark Twain nicht nur des Lesers Zwerchfell, sondern dringt mit seiner geschilderten Not so tief, dass man sich beinahe ein wenig schämt. Italo Calvino taucht in die phantasievolle Gedankenwelt des Lesers ein, während es Giovanni Papini mit seiner Frage »Wer bist du?« philosophisch angehen lässt. Der Protagonist in dieser Erzählung wacht erst durch die Ignoranz seiner Mitmenschen auf, findet sich selbst und so auch zu seiner Umwelt zurück. Ulla Hahn beschreibt ihre prägenden Leseerlebnisse und kommt zu dem Schluss:

»Ob Heinrich Heine im Wintermärchen oder Jesus im Lukasevangelium: Poet oder Gottessohn versichern uns: Wer liest, hat das Bessere gewählt, das, was ihm nicht mehr genommen werden kann.«

Die Orte des Lesens beleuchtet Kurt Tucholskys Frage »Wo lesen wir unsere Bücher?« Seine Quintessenz ist so einleuchtend wie patriotisch:

»Merke: Es gibt nur sehr wenige Situationen jedes menschlichen Lebens, in denen man keine Bücher lesen kann, könnte, sollte …«

Ein wenig verrückt mutet »Des Nachtwächters Stundenbuch« von V.S. Naipaul an. Dennoch kann man sich beim Lesen ihrer Anziehungskraft kaum entziehen. Bestimmt hat fast jeder schon einmal Absurditäten in seinem Arbeitsleben erfahren dürfen. Diese hier leben von der unvermeidlichen Komik und den Bildern, die die eigenen Erfahrungen provozieren.

Die von unbedarfter Kinderkreativität und einer Portion Schlagfertigkeit lebende letzte Geschichte von Marion Früh selbst beschließt diesen Band der Freude und Erbauung. Natürlich ist so ein Gildenexemplar auch optisch ein Liebhaberstück. Dafür sorgte Cosima Schneider mit ihrer durchdachten Gestaltung in Leinen sorgsam ausgewählten kleinen Grafiken vor jeder Geschichte. Der neugierig gewordene oder leidenschaftliche Leser kann den ergiebigen Quellennachweis für weitere literarische Abenteuer nutzen.

Mario Früh (Hrsg.): Meine Kühe können fliegen | Deutsch
Edition Büchergilde 2014 | 144 Seiten | amazon-info

Brian K. Vaughan & Tony Harris: Ex Machina

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Comics am 7. April 2014

Brian K. Vaughan & Tony Harris: Ex MachinaDie Serie »Ex Machina« handelt von Mitchell Hundred, der durch die Berührung mit einer außerirdischen Technik plötzlich in der Lage ist, mit Maschinen aller Art zu kommunizieren und ihnen Befehle zu erteilen. Zunächst versucht er, seine Kräfte als Superheld einzusetzen und ist mit einem Raketentriebwerk auf dem Rücken unterwegs. Eine mehr als deutliche Anlehnung an »Rocketeer«.

Als »Great Machine« hat er am 11. September 2001 direkt am World Trade Center eingegriffen. Allerdings richtet er im Laufe seiner kurzen Superheldenkarriere beträchtlichen Schaden an. Deshalb kandidiert er für das Bürgermeisteramt und versucht auf politischem Wege, der Stadt zu helfen. Seine engsten Vertrauten sind der russische Emigrant Kremlin, der ihn bei seiner technischen Ausrüstung unterstützt, und sein Leibwächter Bradbury.

»Ex Machina« ist eine unglaublich vielschichtige Mischung aus Politthriller, Superheldencomic und Sozialkritik. Eine ernsthafte, gelegentlich auch verstörend brutale Geschichte vom Aufstieg und Wandel von Mitchell Hundred, die trotz der Superhelden-Prämisse mit beiden Beinen in der realen Welt steht. Probleme der Stadtpolitik wie Streik, Umweltverschmutzung und Verbrechen werden ebenso thematisiert wie die Bedrohung durch Serienkiller und Verschwörungen.

Brian K. Vaughan wurde durch »Y – The Last Man« zu einem der besten und beliebtesten Comic-Autoren. Für mich bleibt allerdings »Ex Machina« sein Meisterwerk. Ein weiteres Beispiel dafür, wie anspruchsvoll und herausfordernd die Comicwelt jenseits von Knollennasen und Kulleraugen sein kann.

Brian K. Vaughan & Tony Harris: Ex Machina | 8 Bände
Original: Vertigo | Deutsch: Panini 2007 – 2012 | amazon-info

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Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege

Vorgestellt von Holger Reichard in Klassiker am 31. März 2014

Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege»Die Fotografien der Schlachtfelder, diese Abdeckereien des Krieges, die Fotografien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es gibt kein kriminalistisches Werk, keine Publikation, die etwas ähnliches an Grausamkeiten, an letzter Wahrhaftigkeit, an Belehrung böte.« (Kurt Tucholsky)

In diesen Tagen wird immer wieder – mit und ohne Bezug zur aktuellen politischen Weltlage – an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor genau 100 Jahren erinnert. Sehr zu empfehlen ist an dieser Stelle ein multimediales Gemeinschaftsprojekt des deutsch-französischen TV-Senders arte und der Wochenzeitung »Die Zeit«: »1914 – Tag für Tag«. Es zeigt, wie die Menschen im Jahre 1914 lebten, was sie beschäftigte und was in den Zeitungen zu lesen war, bevor es zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kam.

Ich selber möchte den Jahrestag zum Anlass nehmen, um auf ein Buch von Ernst Friedrich hinzuweisen, das erstmals 1924 erschien und sich nach Veröffentlichung einen Ruf als »Bibel der Pazifisten« erwarb. Bildhaft (und zwar im wahrsten Sinne des Wortes) werden darin die Schrecken des Ersten Weltkrieges dargestellt. Der Titel des Buches ein Aufruf, viersprachig: Krieg dem Kriege! Guerre à la Guerre! War against War! Oorlog aan den Orloog!

»Krieg dem Kriege« ist in erster Linie ein Bildband. Die Fotos zeigen vom Krieg verwüstete Landschaften, Giftgaseinsätze, Hinrichtungen, Leichenberge, massenweise verstümmelte und geschändete Körper sowie jede Menge Soldaten, denen die Gesichter fehlen: weggeschossen, weggesprengt oder auf eine andere brutale Weise entstellt.

Es sind grausame Bilder. Sie verstören, auch in heutiger Zeit noch, in der wir glauben, durch die Kriegsbilder aus aller Welt immun gegen schockierende Aufnahmen wie diese zu sein. Man ahnt, welche Wirkung das Buch auf die Menschen vor 90 Jahren gehabt haben muss, als vornehmlich kitschige Feldpostkarten ein Bild von den Schlachtfeldern zeichneten.

Natürlich sind auch solche Bilder in dem Buch zu finden: begeisterte junge Männer mit Blümchen am Bajonett, Offiziere beim Kaffeekränzchen, Soldaten in Heldenpose und der deutsche Kronprinz beim Tennis. Doch es sind nur wenige, und sie dienen als zynische Gegenüberstellung zu den Grausamkeiten, die die Soldaten in den Kriegsgebieten tatsächlich erfahren mussten. Gleiches gilt für viele der kurzen Kommentare, wie zum Beispiel »Herrlich ist das Soldatenleben«, darüber das Bild mehrerer Leichen in einem Schützengraben.

Aus heutiger Sicht mag diese Form der Aufklärung ein wenig naiv wirken. Aber ist sie das, wenn heute ganze Regierungen sich dem Irrglauben hingeben, man könnte Kriege durch den Einsatz unbemannter Drohnen irgendwie »sauberer« gestalten? Wenn selbst im vermeintlich aufgeklärten Europa wieder zunehmend nationalistische Töne angeschlagen werden? Wenn Werbefilme der Bundeswehr bis heute suggerieren, alles sei nur ein großer Abenteuerspielplatz? Und vor allem: Wenn Experten in den Medien immer noch ängstlich befragt werden müssen, ob vielleicht die aktuelle weltpolitische Lage mit der von 1914 vergleichbar ist?

1914 ist nicht mit 2014 vergleichbar. Natürlich nicht. Aber es gibt immer noch genügend Menschen, denen man dieses Buch an den Kopf schmettern sollte – verbunden mit der Hoffung, dass sie es aufschlagen und lesen.

Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege | Deutsch
Zweitausendeins 1980 | 252 Seiten | amazon-info

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Robert B. Parker: Das dunkle Paradies

Vorgestellt von Detlef Knut in Genreliteratur am 24. März 2014

Robert B. Parker: Das dunkle ParadiesZugegeben: Als Fan des amerikanischen Schauspielers Tom Selleck (Magnum P.I.) kommt man kaum umhin, sich auch in Sekundärliteratur mit den Figuren zu befassen, die von ihm verkörpert wurden und werden. Das führte unweigerlich zu dem amerikanischen Schriftsteller Robert B. Parker, dessen bekannteste Serienfigur der Privatdetektiv Spenser, gespielt von dem Schauspieler Robert Urich, ist. Um dem Privatdetektiv etwas entgegenzusetzen, schuf Parker den Polizisten Jesse Stone. »Das dunkle Paradies« erschien 1997 unter dem Titel Night Passage und ist der erste Fall für den alkoholabhängigen L.A.-Cop.

Stone wurde in Los Angeles wegen seines Problems gefeuert. Er war in den Augen seiner Chefs nicht mehr polizeitauglich. Doch er hat Glück. Er bekommt ein Vorstellungsgespräch und wird Polizeichef in einem kleinen Örtchen namens Paradise an der Ostküste der USA. Eine ruhige und beschauliche Kleinstadt, in der er in aller Ruhe sein Alkoholproblem aus der Welt schaffen kann, denkt er. Doch er ahnt zunächst nicht, dass ihn der Stadtrat gerade deshalb als Polizeichef eingestellt hat, weil er Trinker ist. Auch die Herren Stadträte, allen voran ihr Obermuffti Hasty Hathaway, der gleichzeitig der Inhaber der ortsansässigen Bank ist, brauchen für die Abwicklung ihrer miesen Geschäfte Ruhe und vor allem keinen herumschnüffelnden Polizeichef.

Zentraler Angelpunkt des Romans ist die Figur des Jesse Stone. Die Aufklärung der Kriminalfälle sind unterhaltsame Nebensache. Jesse Stone ist reizvoll spannend mit seiner Vita. Zwar wollte Parker keinen zweiten Spenser schaffen, aber irgendwie schien ihm doch die Figur eines Privatdetektivs am Herzen zu liegen. Zwar ist Stone kein P.I., sondern Cop, aber die Probleme, die er mit sich herumschleppt, ähneln ganz denen eines Privatdetektivs. Sie lassen sich vielleicht auf den kleinen Nenner bringen: alkoholabhängiger Looser bzw. Underdog.

Nach seinem Rausschmiss bei der Mordkommission von Downtown L.A. braucht er auch Abstand von seiner Freundin, die sich durch die Betten Hollywood hangelt, um eine Karriere als Schauspielerin zu starten. Der Job auf der anderen Seite der USA kommt ihm da gerade recht. Er mag zwar noch sein Problem mit dem Trinken haben, aber das heißt noch lange nicht, dass er nicht mehr für Recht und Ordnung eintreten kann. Schließlich gehörte er in L.A. nicht umsonst zu den erfolgreichsten Ermittlern mit einer hohen Aufklärungsquote.

Die Figur scheint dem Schauspieler Tom Selleck wie auf den Leib geschrieben. Doch sie ist es nicht. Es gab sie zuerst, dann wurde gecastet und Tom passte zu Jesse wie die Faust aufs Auge. Obwohl die Romanfigur wesentlich jünger als die Filmfigur ist, hat man dieses Alter schnell ausgeblendet. Denn wenn man die Jesse-Stone-Filme (sie gibt es auch in einer deutschen Fassung) zuerst gesehen hat, dann hat man beim Lesen eh immer das Gesicht der Filmfigur vor Augen. Und dann stimmt alles. Dann lehnt man sich zurück, spaziert durch eine amerikanische Kleinstadt, vergisst die Zeit und ist ständig getrieben von der Frage, ob Stone die Probleme in der Stadt und die in seinem Herzen und seinem Kopf in den Griff bekommt.

Dem Bielefelder Pendragon Verlag ist es zu verdanken, dass die Romane von Robert B. Parker, sowohl »Spenser« als auch »Jesse Stone«, auch auf Deutsch verfügbar sind. Der erste Fall für Jesse Stone hat meine Erwartungen voll erfüllt.

Robert B. Parker: Das dunkle Paradies | Deutsch von Robert Brack
Pendragon 2013 | 344 Seiten | amazon-info

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Rolf Dobelli: Massimo Marini

Vorgestellt von Renate Bojanowski in Moderne Literatur am 17. März 2014

Rolf Dobelli: Massimo MariniMassimo Marini wird als Baby eines italienischen Gastarbeiterehepaares in einem Koffer in die Schweiz geschmuggelt. Neun Jahre müssen seine Eltern seine Existenz verheimlichen, um ihre Arbeitsbewilligung zu behalten. Massimos Vater, ein harter Arbeiter, schafft den Aufstieg zum Tunnelbau-Unternehmer – alles für eine bessere Zukunft des einzigen Sohnes. Massimos Leben verläuft jedoch alles andere als geradlinig. Es ist gekennzeichnet von dramatischen Tiefen und Höhen:

»Vom italienischen Immigrantenkind zum Züricher Gesellschaftslöwen. Vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor. Vom Existenzphilosophen zum Bauunternehmer. Vom Linken zum Rechten. Vom Tiefen zum Hohen. Vom Süden zum Norden …«

Der Bau des Gotthardbasistunnels wird zu seinem größten unternehmerischen Coup. Auch Marinis Privatleben könnte zu dieser Zeit nicht glücklicher sein, und doch bricht er aus dieser Ehe aus. Er verliebt sich in eine junge Cellistin aus dem Schweizer Geldadel. Massimo Marini greift nach den Sternen und fällt.

Dobelli macht in seinem Roman das Schicksal einer italienischen Einwandererfamilie in der Schweiz der fünfziger Jahre erlebbar und schildert ebenso plastisch den Durchstich des Gotthardtunnels in der Gegenwart, im Mittelpunkt die äußerst schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Er lässt den Leser am verpfuschten Leben einer missbrauchten Frau teilhaben und stellt sich den allgegenwärtigen Auseinandersetzungen zwischen Freundschaft und Konkurrenz, Anerkennung und Eifersucht. Dabei bedient sich Rolf Dobelli einer dichten wie präzisen Sprache. Kunstvoll, einem Architekten gleich, zeichnet er seine Geschichte.

Erzählt werden die Geschehnisse von Marinis Anwalt Marc Wyss aus einer psychiatrischen Klinik. Der ist von dessen Geschichte genauso magisch angezogen wie in sie verwickelt. Sie hat ihn in eine tiefe, kurzzeitige Depression gestürzt. Nun soll Wyss die Ereignisse zu Therapiezwecken rekonstruieren. Er scheint bei seinen Schilderungen nichts auszulassen und beschreibt sich und seinen Klienten sehr präzise. Eine tragische Geschichte bringt er zu Papier, in deren Mittelpunkt die Entführung und spätere Ermordung des fünfzehn jährigen Sohnes von Massimo, Raffael Marini, rückt. Dass die Ereignisse so außer Kontrolle geraten, hat niemand der Beteiligten gewollt, aber auch nicht verhindern können.

Mit diesem Roman ist Dobelli ein beeindruckendes Kunststück gelungen, dessen unabsehbare Begebenheiten den Leser einem Strudel gleich in die tiefsten Abgründe menschlicher Charaktere hinunter reißen. Klug hat Dobelli sein Buch von zwei Zitaten aus Georg Büchners Drama »Woyzeck« eingerahmt. Ob Marini wie Büchners Held ein guter Mensch ist, der keine Moral hat und zudem auch noch zu viel denkt, ist für den Leser eine harte Nuss. Lange wirkt die Geschichte nach und die beteiligten Figuren graben sich ins Gehirn. Allen voran: Massimo Marini.

»Moral das ist, wenn man moralisch ist.«
(Georg Büchner, »Woyzeck«, 5. Szene)

Rolf Dobelli: Massimo Marini | Deutsch
Diogenes 2012 | 375 Seiten | amazon-info

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ueber_das_wetterDas Wetter: Man kann sich wie William Thackeray in »Vanity Fair« darüber lustig machen, dass es ein Segen für die gesellschaftliche Konversation ist, weil man einfach immer und mit jedem darüber reden kann. Oder man kann ein Gespräch über das Wetter wie Oscar Wilde als letzte Zuflucht der Einfallslosen einstufen.

Für alle, die seichten, flüchtigen Small Talk hassen, hat Olivia Fane das Buch »Über das Wetter können Sie auch noch reden, wenn Sie tot sind« geschrieben. Sie hat es aber auch für Paare geschrieben, die schon länger zusammen sind, die sich immer öfter und immer länger anschweigen und denen es so geht wie ihr selbst mit ihrem ersten Ehemann:

»Warum führen wir nicht mehr so gute Gespräche wie am Anfang?«, fragt sie sich nach einigen Jahren Ehe. Und: »Wohin verschwinden die Gespräche, wenn man lange Zeit mit demselben Partner zusammen ist? Muss die Kommunikation denn einfach so auslaufen, als wären Menschen bloße Behälter, deren Inhalt eben irgendwann aufgebraucht ist?«

Die Autorin beleuchtet in 60 kurzen Kapiteln die verschiedensten Themen aus ihrer persönlichen, meistens frechen, manchmal auch altmodischen Perspektive. Das Spektrum reicht von Themen wie Glück, Demokratie, Identität und Lügen über Sex, Umweltschutz, irritierende Angewohnheiten bis hin zu Kochen, Wahrsagen und die Moral des Shoppens.

Am Ende von jedem Kapitel sind eine Reihe von Fragen aufgelistet, die zum Weiterdenken anregen und dabei helfen, den eigenen Standpunkt herauszufinden – auch zu Themen, über die man noch nie nachgedacht hat. Zum Beispiel: Wie würde sich unser Leben ändern, wenn Politiker ein Lehrberuf mit einer geregelten Ausbildung wäre, anstatt auf Wahlen zu basieren? Oder: Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Partner/Ihre Partnerin Ihr neues Auto mit dem falschen Benzin betankt?

Olivia Fane empfiehlt, das Buch wirklich dazu benutzen, mit dem Partner oder mit Freunden in ein interessantes Gespräch zu kommen – abends, bei einem Glas Wein auf dem Sofa. Es ist aber auch einfach so unterhaltsam und anregend zu lesen, denn Fane präsentiert die Themen nicht abstrakt und philosophisch, sondern immer auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und erzählt dabei viele persönliche Geschichten aus ihrem Leben, unter anderem von ihrer Tätigkeit als Bewährungshelferin.

Olivia Fane: Über das Wetter können Sie auch noch reden, wenn Sie tot sind
60 Ideen für richtig gute Gespräche
| Deutsch von Nicole Seifert
Knaur 2014 | 256 Seiten | amazon-info

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Bill Willingham: Fables

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Comics am 3. März 2014

Bill Willingham: FablesDas Konzept von »Fables« ist einfach genial: Alle Märchenfiguren sind real. Sie mussten fliehen, nachdem die Märchenwelt vom Bösen überrannt wurde, und leben nun unerkannt unter den Menschen. Zumindest jene von ihnen, die ein menschenähnliches Aussehen besitzen. Alle anderen müssen auf einer abgelegenen Farm auf dem Lande leben, wo sich niemand über sprechende Tiere wundert.

Viele altbekannte Märchengestalten tummeln sich in Fabletown. Oft in verschlüsselter Form, so dass man etwas Zeit braucht, um sie zu erkennen. Darüber hinaus gibt es auch amerikanische Mythengestalten wie Paul Bunyan und sein blauer Ochse Babe sowie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht, stellvertreten durch Botschafter Sindbad.

Obwohl schon weit über hundert Ausgaben erschienen sind (auf deutsch in Form von bisher 19 Sammelbänden), zeigt die Serie keine Ermüdungserscheinungen. Kein Wunder, denn viel zu groß ist das Material, auf das die Schöpfer zurückgreifen können. So gibt es schon drei Unterserien: »Jack of Fables«, der mit der Bohnenranke; »Cinderella«, die als Geheimagentin im Dienste der Märchenwelt James-Bond-Abenteuer bestehen muss; »Fairest«, die sich ausschließlich den Frauenfiguren der Fables widmet.

Die Grundidee wurde auch in der Fernsehserie Once upon a time aufgegriffen. Man muss allerdings sagen, dass deren Geschichten nie an die der Comics heranreichten. »Fables« hat alles, was man sich von guter Unterhaltung wünscht. Die Comics sind intelligent, spannend und humorvoll. Es sind allerdings keine Geschichten für Kinder, da die Erzählweise oft zu anspruchsvoll ist und auch Sex und Gewalt in gemäßigter Form darin vorkommen.

Mit dem schier unerschöpflichen Fundus an Charakteren kann die Serie noch viele Jahre weiterlaufen. Wenn dies weiterhin auf solch hohem erzählerischen Niveau geschieht, können wir uns alle das nur wünschen.

Bill Willingham: Fables | Bisher 19 Bände
Panini 2006 – 2013 | amazon-info

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Marc Oliver Rühle, Katharina Jourdan: Über uns der Himmel, in Luft aufgelöst: World End PartyStell dir vor, es ist Krieg. Stell dir vor, das Grauen entreißt dir den liebsten Menschen, ohne den du nicht mehr leben kannst und willst. Dein Körper verzehrt sich nach seinem, sein Duft ist dir Nahrung, eure Seelen sind verschmolzen … ein Alptraum, der täglich auf der Welt geschieht, unvorstellbar für uns.

Im vorliegenden Büchlein von Marc Oliver Rühle (Text) und Katharina Jourdan (Illustrationen) »Über uns der Himmel in Luft aufgelöst«, das im Kunstanstifter Verlag erschienen ist, gerät der Leser mitten in die Gefühlswelten einer jungen Frau, die diese Katastrophe nicht lebendiger hätten beschreiben können.

»Elia? Atmet Elia? So sprecht mit mir, hört ihr? Sagt doch irgendwas. Elia, sag irgendwas! Atme endlich! Tu es meinetwegen wieder!«

Die Protagonistin Mina weint um ihren Elia und zieht den Leser in ihre intimsten Auseinandersetzungen mit dem Geschehenen. Fetzen von Gedanken, Tagebuchnotizen gleich, erwischen einen wie Granatsplitter und dringen tief. An Metaphern reich und dicht treiben die Zeilen von der sinnlichen Momentaufnahme zum Kriegsgeschehen, rasant und unkontrolliert. In ihrer Verzweiflung spricht Mina zu Elia, als hätte er sich nur versteckt. Träume verdrängen. Er bleibt jedoch verschwunden – für die Liebende wie für den Leser.

Die Geschichte wird in der dritten Person erzählt, immer wieder unterbrochen von Minas Schmerz über den Verlust. Der steckt überall: in unterschiedlichen Schriftarten, roten Kringeln um Minas stumme Schreie, dicken Unterstrichen, Klecksen wie Tropfen von Blut. Für Mina ist es die »World End Party«, dem Rezipienten bleibt der Mund offen stehen.

Die Illustrationen leisten ihr Übriges. Das Vorsatzpapier stilisiert mit seinen vielen aufgeworfenen Kreuzen einen Friedhof. Mina kommt aus Bleistift und Tusche daher, weich und feinfühlig; während Elia ein schwerer dunkler Schatten bleibt.

»Manchmal möchte ich, dass du meinetwegen weinst …«

Kindlich mutet die Schrift an, die den Tagebucheintrag beschließt und einen betroffen zurücklässt. So viel Kraft, so viel Faszination auf knapp fünfzig Seiten. Das Büchlein passt in die Jackentasche. Doch lange trägt man diese poetischen Zeilen im Kopf. Mögen sie noch viele Leser finden in vielen Ländern, in allen Sprachen.

Marc Oliver Rühle, Katharina Jourdan:
Über uns der Himmel, in Luft aufgelöst: World End Party
| Deutsch
Kunstanstifter Verlag 2013 | 51 Seiten | amazon-info

Thomas Pynchon: Gegen den Tag

Vorgestellt von Andreas Zwengel in Moderne Literatur am 17. Februar 2014

Thomas Pynchon: Gegen den Tag»Vorspring und Achterleine loswerfen!«

»Frischauf jetzt … langsam und vorsichtig … sehr schön! Fertig machen zum Ablegen!«

»Windy City, wir kommen!«

»Hurra! Wir fliegen!«

Unter derlei lebhaften Ausrufen stieg das wasserstoffbetriebene Luftschiff »Inconvenience«, seine Gondel mit patriotischen Fähnchen geschmückt, an Bord eine fünfköpfige Besatzung – allesamt Mitglieder jenes berühmten, unter dem Namen »Freunde der Fährnis« bekannten aeronautischen Clubs –, zügig in den Morgen auf und wurde alsbald vom Südwind erfasst.

Der Versuch, die Geschichte auf diesen 1600 Seiten hier wiedergeben zu wollen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Handlung spielt unter anderem im Wilden Westen, in Venedig, in Göttingen, im Inneren der Erde und in einer Welt unter dem Wüstensand.

»Gegen den Tag« ist ein Abenteuerroman über eine Luftschiffbesatzung, die im Dienst einer internationalen Organisation überall auf der Welt (und darunter) ihre Einsätze fliegt. Ein Western über die vier Kinder eines ermordeten Anarchisten, die Rache an den Mördern ihres Vaters nehmen wollen. Es ist ein Spionageroman, ein Detektivroman, ein historischer Roman, ein Familienroman – Pynchon hat sich die wichtigsten Vertreter jedes Genre vorgenommen und die entsprechenden Passagen im zugehörigen Stil verfasst bzw. parodiert.

Pynchon erklärt seine Phantasiewelten nicht, vielmehr setzt er die Lektüre der jeweiligen Genre-Klassiker voraus. Auch dadurch ist »Gegen den Tag« ein Buch an dem man sich aufreiben kann, so vielfältig sind die Querverweise und Anspielungen. Stets hat man das Gefühl nur einen Bruchteil von allem zu verstehen. Das empfindet man als Herausforderung oder man gibt frustriert auf.

»Wie oft«, fuhr Lindsay Noseworth, stellvertretender Kommandant und bekannt für seine Unduldsamkeit gegen jederlei Zurschaustellung von Laxheit, fort, »hat man dich wegen regelwidriger Redeweise verwarnt?« Mit der Gewandtheit, die sich langer Übung verdankte, stellte er Darby auf den Kopf und hielt das Fliegengewicht an den Knöcheln in den leeren Raum hinaus – »terra firma« lag mittlerweile gut und gern einen Kilometer tiefer –, um ihm sodann einen Vortrag über die vielen Übel einer nachlässigen Ausdrucksweise zu halten, deren nicht geringstes darin zu sehen sei, dass sie unschwer zum Fluchen und zu noch Schlimmerem führen könne. Da jedoch Darby die ganze Zeit vor Entsetzen schrie, bleibt zweifelhaft, wie viele dieser nützlichen Anregungen tatsächlich ihren Adressaten fanden.

Der Roman ist zu lang und erschöpfend, um ihn an einen Stück zu genießen, aber in gutdosierten Häppchen bringt er den Leser über einen sehr langen Zeitraum zum Schmökern und Staunen. »Gegen den Tag« verfügt nicht mehr über die Wucht, mit der mich »V« und »Die Enden der Parabel« umgehauen und begeistert haben und aufgrund seiner Länge spürt man auch nicht die prägnante Schärfe wie bei »Die Versteigerung von No. 49« und »Vineland«. Es bleibt ein langer Trip, der Pulp-Abenteuer auf höchstem sprachlichem Niveau zelebriert. Man wird demütig angesichts dieser Sprachgewalt und Präzision.

Im Herbst 2014 soll Pynchons jüngster Roman »Bleeding Edge« auf Deutsch erscheinen. Es geht darin um das Platzen der Dotcom-Blase, den 11. September und die scheinbare Allmacht des Internets.

Thomas Pynchon: Gegen den Tag | Deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
Rowohlt 2008 | 1.600 Seiten | amazon-info

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Joey Goebel: Ich gegen Osborne

Vorgestellt von Frank Bergers in Moderne Literatur am 10. Februar 2014

Joey Goebel: Ich gegen OsborneZunächst: Ich habe mich zu keiner Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil: Ich war eher traurig, dass nach 432 Seiten Schluss war, aber das ist natürlich meine ganz persönliche Einschätzung.

Oberflächlich gesehen geht es in »Ich gegen Osborne« um einen Teenager, der versucht, den ihm so verhassten Abschlussball seiner High School zu verhindern. Joey Goebel hat mit James Weinbach erneut einen Charakter erschaffen, der dem Leser dauerhaft im Gedächtnis bleiben wird. Das Buch ist eine scherenschnittartige Schwarz-Weiß-Darstellung des High School Lebens, aber es spiegelt leider die traurige Realität wieder: Kinder und Jugendliche sind in ihren Urteilen oft gnadenlos, und so läuft eine sichtbare Trennlinie zwischen denen, die »Cool« sind, und den ewigen Verlierern. Ein Wechsel nach unten oder oben findet in der Regel nicht statt.

James Weinbach (der Protagonist des Buches) und Chloe (seine unerfüllte Liebe) sind so ziemlich die einzigen, die an dieser Schule eine gewisse Klasse aufweisen, wenngleich man in Chloes Fall Sorge haben muss, dass sie nach ihrem legendären Spring Break einen substantiellen Niveauverlust erlitten haben könnte. Joey Goebel ist es gelungen, die Gedankenwelt des Protagonisten überzeugend vor uns auszubreiten. James wird als intelligenter Junge mit einer nicht unerheblichen emotionalen Intelligenz gezeichnet. Seine Gedanken geben den Sorgen und Nöten eines jeden schulischen Verlierers ein Gesicht, er wird zu ihrem Sprachrohr.

Der Grund, warum diese Geschichte im Jahr vor der Jahrtausendwende spielt, ist vermutlich folgender: Das Jahr 1999, die Schwelle zum nächsten Jahrtausend – einer kalendarischen Veränderung, wie sie nur wenige Menschen miterleben dürfen, einem epochalen Ereignis (was es natürlich nicht war, abgesehen von dem Computerproblemen, die sich durch Y2K ergaben).

Hierzu passt, dass auch alle diese Schüler in ihrem Abschlussjahr vor großen, epochalen Veränderungen stehen: dem Wechsel von High School aufs College, aber natürlich noch viel mehr vor dem Ende der Jugend und dem unwiderruflichen Eintritt ins Erwachsenenleben. Der Abschlussball: der verzweifelte Versuch, das Übertreten der Schwelle zum Erwachsensein zu verhindern (und sei es nur durch die spätere Erinnerung daran, beim Betrachten der Fotos des Jahresabschlussbuches oder in Gedanken an den langsam geschwoften Tanz mit der großen Liebe im Arm, welche kurz darauf schon wieder vergessen ist). James Weinbach: der leidende Chronist des jugendlichen Endzeitszenarios, erhaben in seinen Gefühlen, unfähig (wie alle auf der Schattenseite stehenden), wirklich etwas zu verändern. Den Lauf der Dinge und der Zeit kann er auch nicht aufhalten.

Was mich nach dem Lesen des Buches wirklich umtreibt, ist eine ganz andere Frage: Wieviel Joey Goebel steckt in James Weinbach, wenn man bedenkt, dass der Autor schon mit 16 Jahren seine eigene Punkband hatte und damit die Staaten bereist hat und wenn das Autorenfoto auf den Rückseiten der Diogenes-Bände den Eindruck vermittelt, hier sitzt ein Unangepasster, ein ewiger Rebell, ein Nicht-mit-dem-Strom-schwimmen-Wollender? Was gut ist.

Joey Goebel: Ich gegen Osborne | Deutsch von Hans M. Herzog
Diogenes 2013 | 432 Seiten | amazon-info

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